Bis zum Jahre 1898 hatte Rabeh es nur mit eingeborenen Gegnern zu thun gehabt. Jetzt geriet er in Konflikt mit einer europäischen Macht, mit Frankreich, und dank verschiedenen glücklichen Umständen blieben die Waffen der Weissen bei diesem Zusammenstoss in letzter Linie siegreich.
Wohl hatten die Tschadseevölker im Laufe der Jahrhunderte mehr als eine fremde Invasion erduldet. Auf den meisten Thronen innerafrikanischer Staaten sassen Fürstengeschlechter, die nicht eines Stammes mit den eingeborenen Völkern waren. Die Dynastien gehörten höheren Rassen an, teils waren es Fulbe, teils leiteten sie ihren Ursprung aus Arabien selber her. Sie alle waren jedenfalls Muhammedaner, und gerade dieses hatte ihnen das Übergewicht in ihrer neuen Heimat verschafft. Zur Zeit Rabehs aber waren die dominierenden Volksklassen am Tschadsee überall selbst schon Muhammedaner. Bis zum Benuë hin und weit über diesen hinaus hatte der Islam — wenn auch nicht durchweg — schon Eingang gefunden. Die Neuerung, welche Rabeh durch die Annahme mahdistischer Ideen schaffen wollte, verfing nicht. Die Kaderi — und zu dieser Bruderschaft gehören fast alle Bornuleute und das herrschende Geschlecht in Bornu, die Kanemiden — mussten ihrer religiösen Überzeugung nach den Mahdismus der Derwische von Omdurrman ablehnen. Den gleichen Standpunkt diesem Mahdismus gegenüber vertrat auch der Oberschech der Senussi, der allem Anschein nach selbst im Süden des Tschadsees gegen Rabeh zu wühlen imstande war.
Die rücksichtslose Strenge, mit der der Islam und die Scharia im Hoflager Rabehs geübt wurde, war unbequem, und das tyrannische Auftreten seiner Soldateska hatte ihn über alle Maassen verhasst gemacht.
Wiewohl Rabeh vom Osten kam und als Araber sich ausgab, sahen die Fulbe, Kanuri und die wirklich von Arabern abstammenden Nomadenvölker im Süden des Tschadsees auf ihn herab und bezeichneten den Eindringling verächtlich als Sklaven. In der neuen Heimat, die er sich am Tschadsee schaffen zu können glaubte, vermochte er noch keinen Stützpunkt zu finden, und dies wurde Rabeh in dem Kampfe, den er nunmehr zu bestehen hatte, zum Verderben.
Wäre sein Zusammenstoss mit den Franzosen etwa ein Jahrzehnt später erfolgt, so hätten diese, aller Voraussicht nach, schwierigere Verhältnisse am Tschadsee gefunden. An dem von der neuen Hauptstadt des Usurpators emanierenden Wohlstande hätten auch die eingeborenen Bewohner mehr und mehr teilgenommen. Rabeh und seine Söhne hatten Frauen aus Bornu genommen und naturgemäss hatte sich seine Soldateska gleichfalls durch Heiraten in fortschreitendem Masse mit der Bevölkerung assimiliert. Die dem verrotteten Regierungssystem der Kanemi gegenüber immer noch eine Verbesserung bedeutende Verwaltung des Reiches unter Rabeh hätte trotz harter Bedrückungen doch zur Vermehrung des Wohlstandes und der Widerstandsfähigkeit wie Dikoas so auch des übrigen Bornu beigetragen und die Bewohner von Bornu hätten alsdann in Rabeh den gleichfalls muhammedanischen Begründer einer neuen Dynastie gesehen, den sie gegen fremde Angriffe mitverteidigt hätten, um sich ihre neugefestete Machtstellung in Central-Afrika zu erhalten. Diese mit einiger Wahrscheinlichkeit zu vermutende Entwickelung der Dinge sich vollziehen zu sehen, fand Rabeh keine Zeit. Als die Franzosen ihren Vormarsch gegen ihn begannen, war er in den Augen der Tschadsee-Völker noch der verhasste Eroberer, dessen Joch bitter empfunden wurde. Musste Rabeh doch gegen den Willen der Eingeborenen seine immer neu sich ergänzende Soldateska mit neuen Weibern versehen und für diese Menge von Menschen den nötigen Unterhalt sich verschaffen.
[37] Mandara ist das im deutschen Kolonialatlas von Richard Kiepert, Blatt 2, Äquatorial-Westafrika, abgeschlossen 1892, verzeichnete und in unserer Einflusssphäre gelegene Berggebiet, das Barth auch Wandala nennt. Vergl. Barth Bd. II S. 709, Nachtigall Bd. II S. 382, 433 ff.; Petermanns Ergänzungsheft Bd. XXXIV (1872); Rohlfs No. 2 ff.; Denham and Clapperton Kap. 3 S. 99 ff.; Passarge, Adamaua passim.
[38] Dan ist die Haussa-Bezeichnung für das arabische ibn oder waled = Sohn.
[39] Nach anderen Quellen hätte Rabeh im ganzen dreimal den Anlauf gemacht, das Reich von Sokoto zu erobern, jedesmal aber sei es zum wirklichen Kampfe zwischen den beiden Mächten nicht gekommen. Das erstemal hätte er sehr bald schon nach seiner Festsetzung in Dikoa ein Heer zum Angriff bei Borsari zwischen Kuka und Kano gesammelt. Damals hätte er aus Mangel an Munition den Krieg nicht zum Austrag gebracht. Auch heisst es weiter, dass damals schon die Royal Niger Company sich in dieser Angelegenheit im Interesse des Kaisers von Sokoto verwandt habe. Der zweite Fall wäre der oben beschriebene gewesen, und zum dritten Male hätte Rabeh sich auf dem Kriegspfade nach Westen befunden, als ihm die Ankunft der Franzosen am Schari gemeldet wurde und er zur Bestrafung Gaurangas nach Baghirmi eilte.
[40] Der Tod Haiatus gab neuerdings Veranlassung, dass Gerüchte von der Ermordung Rabehs nach Tripolis drangen. Es hiess, Haiatu habe Rabeh durch seine Tochter vergiften lassen, weil Rabeh in das Land seiner Väter, in Sokoto, eingedrungen sei. Augenscheinlich ist hier der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen. Vergl. den interessanten Brief eines Haussa-Mannes vom 12. Dezember 1897 bei Lippert, Rabeh, in den Mitteilungen des Seminars für orientalische Sprachen, Berlin, 1899, S. 255. Übrigens scheinen Haussa-Leute Haiatu als einen der ihrigen in Anspruch genommen zu haben. Vergl. Passarge a. a. O. S. 189.