VIII. Kämpfe Rabehs mit Frankreich.

Frankreich hat an der Vereinigung seiner am Mittelländischen Meer und am Atlantischen Ocean, im nördlichen Westafrika, gelegenen Kolonieen mit seinem Besitz am Kongo Jahre hindurch mit bewunderungswürdiger Begeisterung gearbeitet. Zahlreiche wissenschaftliche und politische Expeditionen wurden aus Algerien, vom Senegal und vom Kongo nach dem Inneren Afrikas entsandt. Die Einnahme der geheimnisvollen Neger- und Tuaregstadt Timbuktu war ein Ereignis von grösster Tragweite für den westlichen Sudan, und die planmässige Vorschiebung der Posten in Algerien und Tunesien nach dem Süden beweist, dass das gouvernementale Frankreich die Verwirklichung des Projekts einer Transsaharabahn, die von den französischen Kolonialfreunden seit langem gefordert wird, energisch betreibt.[41] In erster Linie aber galt es, am Tschadsee festen Fuss zu fassen, um eine dauernde Verbindung der bisherigen afrikanischen Besitzungen zu ermöglichen und die zukünftige Erbauung der Saharabahn auch politisch zu sichern. Eine grosse Anzahl von Franzosen büssten in diesen Unternehmungen ihr Leben ein.

Durch internationale Verträge sind in den letzten Jahren die riesigen Gebiete Innerafrikas unter die europäischen Kolonialmächte geteilt. Am 5. August 1890 wurde die Grenze des französischen und englischen Interessengebiets im Westen vom Tschadsee durch die Linie Say-Barrua festgelegt. Diese Grenzlinie erfuhr später durch den Vertrag vom 14. Juni 1898 Änderungen, und jetzt werden in Frankreich Stimmen laut, welche, um eine weitere Umgestaltung der Grenze zu erlangen, Kompensationen in anderen Erdteilen, so die Abtretung gewisser Rechte in Neu-Fundland, vorschlagen. Nachdem Deutschland am 15. November 1893 mit England ein Abkommen getroffen hatte, das unsere Westgrenze von Kamerun festlegte, wurde alsdann durch den deutsch-französischen Vertrag vom 4. Februar 1894 die Grenze zwischen dem deutschen und dem französischen Besitz in Innerafrika bestimmt, bei welcher Gelegenheit Frankreich besonders die von Mizon und Maistre geschlossenen Verträge mit eingeborenen Fürsten zu gute gekommen sind. Durch diesen Vertrag hatte das französische Kongogebiet mit seinem Hinterlande einen Zugang zu dem Tschadsee erhalten, und damals schon konnte die Vereinigung des französischen Kolonialbesitzes am Kongo, am Mittelmeer und am Senegal als gesichert erscheinen, eine Vereinigung, die durch das erwähnte französisch-englische Abkommen vom 14. Juni 1898 sowie durch die Déclaration additionelle vom 21. März 1899 eine endgiltige Regelung erfuhr. Bis auf wenige geringfügige noch streitige Punkte waren nunmehr auch die Grenzlinien der französischen und der englischen Interessensphären in Innerafrika festgelegt.[42]

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre wurde französischerseits mit einem grossen Aufgebot von Mitteln daran gegangen, den französischen Einfluss am Tschadsee auch thatsächlich zur Geltung zu bringen. Monsieur Gentil, einer der Civilbeamten des französischen Kongo, war 1897 mit einem Dampfer den Schari bis zu seiner Mündung in den Tschadsee abwärts gefahren. Bei dieser Gelegenheit war es ihm gelungen, mit dem Sultan Gauranga von Baghirmi einen Handels- und Schutzvertrag abzuschliessen. Gauranga zeigte sich französischen Einflüssen zugänglich in der Hoffnung, von Frankreich gegen Rabeh geschützt zu werden. Schwerlich hatte Gauranga ohne die harten Prüfungen, denen er zuvor durch den Sklavenfürsten ausgesetzt war, freiwillig den Franzosen die Arme geöffnet. Es kann fast als ein Wunder bezeichnet werden, dass der kleine Dampfer Gentils unterwegs nicht von den Garnisonen Rabehs am Schari angehalten wurde. Die eingeborenen Bewohner der Schari-Ufer, die infolge der ungewohnten Erscheinung der Weissen und eines Dampfbootes an eine bevorstehende Errettung von dem harten Drucke Rabehs glaubten, leisteten Gentil in jeder Beziehung Vorschub. Dieser begab sich demnächst nach Paris zurück, wohin er einige Baghirmi-Leute mitbrachte, um eine Expedition im grossen Stile vom Süden aus zur thatsächlichen Ausnutzung der von ihm mit dem Sultan von Baghirmi geschlossenen Verträge und zu wirksamem Schutze dieses Landes gegen zu erwartende weitere Einfälle Rabehs vorzubereiten.

Die Rache Rabehs folgte auf dem Fusse. Kaum hatte dieser von dem guten Empfange, den Gauranga den Franzosen bereitet hatte, erfahren, als er mit seinen Truppen den Schari überschritt und nun vom südlichen Kanem an bis zum 9. Breitengrade Baghirmi verwüstete. Eine Stadt nach der anderen wurde eingenommen und zerstört. Gauranga floh vor dem ergrimmten Lehnsherrn, nachdem er selbst seine Hauptstadt Massenja verbrannt hatte, weiter nach Süden in die Heidengebiete. Hierauf ging Rabeh auf das linke Schari-Ufer zurück und bezog wieder seine Residenzstadt Dikoa. Dabei mag mitgewirkt haben, dass in Baghirmi eine gefährliche Hungersnot ausgebrochen war.

Als Gentil sich nach Paris begab, hatte er einen anderen Beamten des französischen Kongogebietes, Prins, mit der Aufgabe betraut, sich an den Hof Gaurangas zu begeben, um als dauernder französischer Resident bei dem Fürsten von Baghirmi zu verweilen. Prins war eben von einer glücklichen Mission zu dem in N‘Delle residierenden Schech Muhammed waled Abu Bakr es Senussi von Kuti zurückgekehrt. Die neuesten politischen Verhältnisse hatten Frankreich gezwungen, die Ermordung Crampels zu vergessen und freundschaftliche Beziehungen mit dem Mörder anzuknüpfen.

Prins fuhr im April 1898 von der Gribingi-Station den Fluss gleichen Namens bis zu seiner Vereinigung mit dem Schari[43], der dort noch den Namen Bamingi führt, herab. Dann setzte er seine Reise auf dem Schari fort. Im Gebiete der Sarra wurde er durch die Nachricht aufgehalten, dass Gauranga sich auf der Flucht vor Rabeh nach dem Süden befände. Mehr westlich am Logon bei den Bua traf er mit Gauranga zusammen und blieb vier Monate bei ihm. Prins gab Gauranga den Rat, zwischen sich und Rabeh durch gänzliche Vernichtung aller Dorfschaften und Saaten eine für die Truppen Rabehs unpassierbare Zone herzustellen. Die Ausführung des Vorschlages erwies sich als erfolgreich. Trotz der misslichen Lage, in der sich Gauranga befand, musste er damals den fälligen Tribut an Sklaven u. s. w. für Wadai sich verschaffen — auf Kosten der Heidenstämme, in deren Gebiet er sich aufhielt.[44]

Prins wagte Anfang des Jahres 1899 eine Orientierungsfahrt nach Norden. Er schiffte den Schari auf einem eisernen Boote stromabwärts und gelangte auf diesem bis nach Kusseri, etwa 1 km oberhalb der Vereinigung des Logon mit dem eigentlichen Schari. Die Uferbevölkerung des Schari erwies sich auch diesmal den Franzosen gegenüber freundlich, da sie abermals in ihrer Ankunft den Beginn der Rettung vor Rabeh erblickte. In Kusseri erfuhr der französische Vertreter, dass in der unweit westlich gelegenen Stadt Afadé eine etwa 1000 Mann starke Garnison Rabehs sich befinde. Auf der Rückfahrt traf Prins mit Herrn de Behagle zusammen, der einer französischen kaufmännischen Mission angehörte, welche die wirtschaftlichen und Handels-Verhältnisse im Süden des Tschadsees zu studieren beauftragt war. Trotz des dringenden Rates Prins’ liess sich Behagle nicht abhalten, seine Fahrt nach Norden fortzusetzen. Der Unglückliche wurde von den in Afadé liegenden Leuten ergriffen und zu Rabeh geführt. Eine zeitlang wurde er in Dikoa gefangen gehalten. Noch bevor der endgiltige Zusammenstoss zwischen Rabeh und den französischen Waffen erfolgte, soll er dem Verhungern ausgesetzt oder erhängt worden sein.

Inzwischen hatte Gentil, der zum obersten Civilbeamten der ganzen Gegend nördlich von Gribingi ernannt worden war, seine Expedition energisch gefördert, und mit verhältnismässig bedeutenden Machtmitteln ausgestattet erschien er wieder in Afrika. Die Aufgabe, welche er von Paris mitbrachte, war eine doppelte. Erstens sollte er es Gauranga ermöglichen, wieder die Herrschaft in seinem ganzen Reiche anzutreten, und gegebenen Falles Rabeh mit Gewalt von weiteren Angriffen gegen Gauranga abhalten. Zweitens sollte er in Wadai, das nach den jüngsten Vertragsbestimmungen mit England[45] als zur Einflusssphäre des französischen Kolonialbesitzes gehörig erklärt war, Fuss zu fassen suchen und womöglich den Sultan von Wadai bestimmen, gemeinsam mit Frankreich Rabeh zu bekämpfen.