Am oberen Schari angelangt, musste sich Gentil davon überzeugen, dass Rabeh entschlossen war, Gauranga und den Franzosen den Zutritt zu dem nördlichen Baghirmi zu verwehren, und dass nur der Sieg der Waffen zwischen ihnen entscheiden würde. Rabeh hatte Dikoa abermals verlassen und war den Schari aufwärts im Anmarsch begriffen. Es heisst, dass er, als ihm die Ankunft Gentils gemeldet wurde, wieder einmal mit den Vorbereitungen zu einem Kriegszug gegen Sokoto beschäftigt war.

Von den Franzosen waren Verbindungen vom Sitze der Centralregierung des französischen Kongo bis zum Süden Baghirmis etappenmässig eingerichtet worden. In Gribingi befand sich das Hauptquartier Gentils, und dieser sandte einen seiner Offiziere, den Administrateur Bretonnet mit zwei Franzosen, dem Leutnant Braun und dem Maréchal de logis Martin, sowie 30 senegalesischen Schützen, verstärkt durch zahlreiche Eingeborene, als Avantgarde voraus. Ein weiterer französischer Offizier, Durand-Autier, der dem inzwischen nach Frankreich heimgekehrten Prins als französischer Vertreter bei dem Sultan Gauranga gefolgt war, hatte einen französischen Unteroffizier Pouret und 10 Senegalesen bei sich. Rabeh hatte inzwischen in dem schon von Natur geschützten gebirgigen Gebiete von Njellim, ungefähr 20 km südöstlich von Kuno bei Togbao am Schari, 9° 42′ nördlicher Breite, in nächster Nähe der deutsch-französischen Grenze, eine feste Stellung eingenommen. Bretonnet liess sich verleiten, dem Feinde entgegen zu gehen, ohne weitere Verstärkungen abzuwarten. Er schreibt am 17. Juli 1899 an Gentil, dass er seinerseits eine beherrschende, gut zu verteidigende Position, in welcher 30 Mann sich gegen eine Armee halten konnten, bezogen habe, dass er ausser 6 Weissen 44 senegalesische Schützen und 3 Kanonen in einem von ihm errichteten Fort bei sich habe, und dass der Sultan Gauranga mit ungefähr 400 Gewehren bei ihm sei; Rabeh verfüge über 2000 Mann und 1500 Reiter. Später stellte es sich heraus, dass Bretonnet die Streitkräfte seines Gegners weit unterschätzt hatte.[46]

Am folgenden Tage scheint der Zusammenstoss zwischen Bretonnet und Rabeh erfolgt zu sein. Der Kampf endigte mit der vollständigen Vernichtung der Kolonne Bretonnets. Nach dem Berichte Gentils hatte er gegen etwa 12000 Mann zu kämpfen, von denen 2700 mit Gewehren bewaffnet waren. Bretonnet, Braun und Martin wurden getötet. Von den Schützen Bretonnets fielen alle bis auf drei, die verwundet und gefangen wurden. Einem von diesen gelang es, aus der Gefangenschaft zu entkommen und die Nachricht von der Niederlage Gentil zu überbringen. Rabeh selbst hatte starke Verluste. Es hiess, dass sein Sohn Niebe bei dieser Gelegenheit verwundet wurde. Gauranga ergriff wieder einmal die Flucht vor seinem furchtbaren Gegner und setzte sich bei Lai fest. Von Durand-Autier, Pouret und ihren Senegalesen verlautet im ersten officiellen Berichte nichts. Später stellte es sich heraus, dass auch sie gefallen waren. Das gesamte Kriegsmaterial Bretonnets fiel Rabeh in die Hände.

Als Gentil den vorerwähnten Brief Bretonnets empfing, hatte er sich, immer den Schari entlang, mit einer Kompagnie in Eilmärschen auf den Weg gemacht, um der Vorhut Unterstützung zu bringen. In Gaura (9° 20′), am 26. August, erreichte ihn die Hiobspost von dem Untergange Bretonnets. Darauf wurde in Gaura ein Lager bezogen, Verstärkung von Gribingi herbeigeholt und sodann in Tunija (9° 15′) der weitere Vormarsch vorbereitet. Tunija wurde zu einem stark befestigten Fort ausgebaut, das den Namen Fort Archambault erhielt. In den südlichen Stationen waren kleine Besatzungen zurückgelassen worden, in Gribingi 65 Schützen.

Inzwischen hatte sich Rabeh nordwärts nach Kuno zurückbegeben. Gentil erfuhr, dass er sich mit dem Schech Muhammed es Senussi von Kuti vereinigen wolle, um mit ihm gemeinsam die französische Hauptmacht anzugreifen. Infolge dessen ergriff Gentil selbst die Offensive. Den Oberbefehl über die Truppen erhielt der Kapitän Robillot. Die französischen Streitkräfte setzten sich wie folgt zusammen: Erstens die Flotille, deren Führung Gentil persönlich übernahm, bestehend aus einem Dampfboot mit einem Schnellfeuergeschütz, das ein grösseres Boot mit einer anderen Revolverkanone in Schlepptau hatte, ferner aus zwei Stahlbooten und einem Holzboote, das Ganze bedient von 2 Europäern und 45 Eingeborenen, wovon 25 Kombattanten; zweitens die Artillerie, bestehend aus einer Sektion 80 mm-Berggeschütz und einer Sektion 65 mm-Marinegeschütz, geführt von 3 Europäern; drittens drei Tirailleurs-Kompagnien, die eine bestehend aus 3 Europäern und 127 Senegalesen, die zweite aus 3 Europäern und 97 Senegalesen, die dritte aus 3 Europäern und 83 Senegalesen; hierzu kam eine grosse Anzahl eingeborener Träger u. s. w. — im ganzen, wie der officielle Bericht sagt, 20 Europäer und 344 schwarze Kombattanten.[47] Die erste Kompagnie stand unter dem Befehl des Kapitän Jullien, die zweite unter dem Kapitän de Cointet und die dritte unter dem Kapitän de Lamothe. Im Fort Archambault wurde eine kleine Garnison unter einem Europäer zurückgelassen. Der Vormarsch erfolgte auf dem linken Schari-Ufer, die Truppen stets begleitet von den Schiffen. Am 29. Oktober morgens gelangte man in die Nähe von Kuno. 3 km vor der Stadt wurde die Artillerie von den Schiffen an das Ufer gebracht, das hier wellenförmige Formationen zeigte. Die Träger liessen ihre Lasten zurück und beluden sich statt dessen mit Munition. Darauf ging die Flotille wieder vor und auch die Landtruppen setzten sich kampfbereit in Bewegung. Die Schiffe folgten dem Marsche der Avantgarde.

Der Feind hatte den Anmarsch bemerkt, und als die Kolonne 2 km vor Kuno in die Ebene eintrat, sah sie eine Tirailleurs-Kette der Leute Rabehs 500 m von der Stadt entfernt sich ihr in raschem Lauf nähern. Grössere feindliche Massen strömten aus der Stadt. Gleichzeitig wurde aus den Geschützen der Kolonne und den Revolverkanonen der Flotille das Feuer eröffnet. Rabeh antwortete mit den drei Geschützen, die er von Bretonnet gewonnen hatte. Das feindliche Feuer war gut gezielt und ruhig und verursachte während des ganzen Tages grosse Verluste. Der Kampf hatte 9½ Uhr begonnen. Um 11½ Uhr waren die Truppen bis auf 600 m an die Stadt herangerückt, als der rechte Flügel des Feindes in die hinteren Reihen der Franzosen einzudringen drohte. Aber ein koncentrierter Angriff warf den linken feindlichen Flügel derartig, dass der Eintritt in die Stadt erkämpft wurde, in welche der Feind sich geflüchtet hatte. Die Strassen wurden nach und nach genommen und die Häuser in Brand gesteckt. Jetzt sah man sich einem im Innern der Stadt rechteckig angelegten befestigten Lager (Tata) gegenüber, von dessen Pallisadenmauern ein mörderisches Feuer auf die Angreifer herabgeschickt wurde. Die französischen Reihen wurden im Augenblick decimiert und gezwungen, sich hinter die letzten vor dem Befestigungswerk befindlichen Häuser zurückzuziehen. Um das innere Lager entbrannte darauf ein heisser Kampf. Erst nachmittags um 3 Uhr stellte die feindliche Artillerie ihr Schiessen ein. Damit war die Befestigung jedoch keineswegs genommen. Das Gewehrfeuer seitens der Belagerten wurde energisch fortgesetzt, und eine halbe Stunde später war nur eine einzige der französischen Kanonen noch imstande zu feuern. Der Oberstkommandierende Robillot war verwundet. Eine Bresche war in die feindliche Befestigung nicht geschlagen worden. Bei den Versuchen, das Fort zu erstürmen, wurden immer mehr Leute verloren, und endlich um 4 Uhr nachmittags musste die Belagerung aufgegeben werden. Gleichzeitig aber verbreitete sich die Nachricht, dass Rabeh selbst schwer verwundet und nach Westen geflohen sei. Später hiess es allerdings, Rabeh sei schon am Vormittag verwundet worden, und dies habe dazu beigetragen, dass seine Truppen ins Wanken gerieten und die Franzosen in die Stadt eindringen konnten. Auch wurde in der Folge festgestellt, dass Rabeh selbst bis zum Abzug der Franzosen im inneren Fort von Kuno geblieben ist, während der grösste Teil seiner Truppen schon vorher die Stadt verlassen hatte. Die Besatzung des Forts aber hatte den Beweis geliefert, dass sie, um den Rückzug ihres Herrn zu decken, sich bis auf den letzten Mann hatte niedermachen lassen.

Gentil nimmt an, dass der Feind, wie bei Togbao, 12000 Mann stark gewesen sei. Augenscheinlich waren die Soldaten Rabehs seit langem daran gewöhnt, sich lediglich auf ihre Gewehre zu verlassen. Sie nutzten ihre Kavallerie, als der Gegner siegreich war, in keiner Weise zum Angriff aus. Die Befestigung des Forts in Kuno bestand hauptsächlich aus starken, mehr als 2½ m hohen Pallisaden. Aus den Zwischenräumen der Holzstämme wurde herausgeschossen. An mehreren Stellen war eine zweite Pallisadenreihe in einem zweiten Stockwerke über der ersten angebracht, aus welcher gleichfalls gefeuert wurde. Aus hohen Bäumen im Innern der Befestigung wurde sodann noch wie aus einem dritten Stockwerke geschossen. Der Verlust auf französischer Seite war sehr bedeutend: Ein Europäer und 43 Senegalesen tot, fünf Europäer, unter ihnen der Oberstkommandierende, und 106 Senegalesen verwundet, im ganzen also nahezu die Hälfte der gesamten Truppen ausser Gefecht gesetzt. Die Flotte hatte vortreffliche Dienste geleistet durch Bombardierung der Stadt und Verfolgung des aus der Stadt nach den Ufern sich bewegenden oder flüchtenden Feindes, sowie besonders durch eine regelmässige Zuführung von neuen Patronen und Artilleriemunition. Es waren 300 Schuss 80 Millimeter-Geschütz und 600 Schuss Revolver-Kanone abgegeben worden. — Auch Rabeh hatte schwere Verluste zu verzeichnen. Unter den Toten, welche er verlor, sollen sich einige seiner besten Offiziere und namentlich einige seiner Bannerführer befunden haben, nämlich Fakih Achmed, der gleichzeitig ein in hohem Ansehen bei ihm stehender Geistlicher und Rechtsgelehrter war, ferner Abu Bekr und Osman Schecho.

Überzeugt, mit den ihnen verbliebenen Streitkräften das Fort von Kuno doch nicht nehmen zu können, beschlossen die Franzosen, wieder stromaufwärts zu marschieren.[48] Am Abend wurde ein Lager 1200 m oberhalb Kunos am Schari auf einem erhöhten Platze bezogen, die Flotte nahm in nächster Nähe Stellung. Ein vielleicht zu erwartender Angriff des Feindes erfolgte in der Nacht jedoch nicht. Am kommenden Tage wurde nach Überschreitung des Schari der Rückzug nach Fort Archambault auf dem rechten Ufer angetreten, der sich ohne Zwischenfall vollzog. Am 6. November wurde das Fort wieder erreicht.

Hier wurden weitere Verstärkungen erwartet, welche Gentil sich persönlich bei dem Gouverneur des französischen Kongo, Monsieur de Lamothe, der nach Gribingi gekommen war, erbat. Alsbald wurden auch drei weitere Offiziere und 120 Senegalesen nach dem Fort gesandt. Etwas stromabwärts, in Sada, wurde ein äusserster Vorposten unter dem Kommando des Kapitän de Cointet errichtet.

[41] Es sind verschiedene Linien geplant, die vom Norden nach dem Tschadsee bezw. nach Timbuktu und Dahomey führen sollen. Die südlichsten grösseren Ortschaften auf den bereits vollendeten Bahnstrecken sind Biskra und mehr im Westen Ain Sefra.