Es hatte sich aber auch gezeigt, dass die Gentil’sche Truppenmacht zur Niederwerfung Rabehs numerisch nicht stark genug war. Die Kanonen Bretonnets waren Rabeh verblieben, und Gentil musste sich zunächst darauf beschränken, an dem Ausgangspunkte seines Vorstosses, im Fort Archambault, eine abwartende Haltung einzunehmen. Erst dem weiteren günstigen Umstande, dass rechtzeitig und fast im gleichen Augenblicke die sonstigen Expeditionen, welche Frankreich von Norden und Westen her nach dem Tschadsee entsandt hatte, am Schari eintrafen, ist es zu danken, dass die Offensive gegen Rabeh von Süden her wieder aufgenommen werden konnte.

Schon am 21. Juli 1897 hatte eine französische Expedition unter Cazemajou Dahomey verlassen, um über Zinder den Tschadsee zu erreichen. In Zinder wurde Cazemajou mit seinem Dolmetscher Olive auf Befehl des Sultans Achmadu (Amhadu), der seinem Bruder Jakudima gefolgt war, am 5. Mai 1898 meuchlings ermordet. Der Rest der Mission konnte sich nach dem Niger retten.

Noch im selben Jahre ging eine zweite mit grossen Mitteln ausgerüstete Expedition unter Voulet und Chanoine den Niger abwärts, um das Programm der missglückten Expedition Cazemajous aufzunehmen. Sie führte den Namen „Mission Afrique centrale“. Zwei starke Kolonnen unter dem Oberstleutnant Klobb und dem Major Crave sollten diese Expedition begleiten, bis Voulet den Niger verlassen würde, um sie auf der durch Tuareg sehr gefährdeten Route zu beschützen und überhaupt die Tuareg am linken Niger-Ufer zur Raison zu bringen. Voulet hatte gegen 700 Gewehre bei sich; aber seine Truppen bestanden zum grossen Teile aus Gesindel der verschiedensten Nationalitäten, welches er sich durch Verheissungen von Beute angeworben hatte und die auf ihrem Marsche raubten und plünderten, wo sie konnten. Als die Nachrichten über diese Unzuträglichkeiten nach der Küste drangen, wurde Klobb zum Oberbefehlshaber der Expedition ernannt und dem Kapitän Voulet, der bereits den Niger verlassen hatte, mit weiteren Verstärkungen in Eilmärschen nachgeschickt. Als Klobb Voulet den entsprechenden Befehl bei Dankori im Gebiete der Tessaua überbrachte, fanden, am 17. Juli 1899, die bekannten Ereignisse statt, deren Einzelheiten noch unlängst die französische Kammer beschäftigt haben. Voulet verweigerte den Gehorsam, und Klobb wurde auf Voulets Befehl von seinen Tirailleurs erschossen, als er nicht umkehren wollte.[49] Leutnant Meynier, der von Voulet nicht zu bewegen war, mit ihm gemeinsame Sache zu machen, wurde verwundet. Chanoine billigte nachträglich die Handlungsweise Voulets. Später wurden Voulet und Chanoine von ihren eigenen Leuten, unter welchen besonders der erstere sehr verhasst war, niedergeschossen, da diese ihren Führern, welche die Gründung eines eigenen innerafrikanischen Reiches planten, nicht mehr folgen wollten. Nach dem Tode Klobbs, Voulets und Chanoines gelang es Pallier, Meynier und Joalland, die aufrührerischen Soldaten wieder zu beschwichtigen. Die vereinigten Truppen der beiden Expeditionen setzten ihren Weg weiter nach Zinder fort. Kurz vorher bestanden sie bei Tyrmeni einen siegreichen Kampf mit der Armee des Sultans Achmadu, und am folgenden Tage zogen sie in die Stadt ein, welche von einem grossen Teile der Bevölkerung verlassen war. Der Sultan Achmadu, der Mörder Cazemajous, befand sich unter den Flüchtlingen. Die Franzosen ernannten infolgedessen den Bruder Achmadus, dessen Namen mir von Kanuri als Gambo Guago (Abokadu) genannt wurde, zum Sultan, der nunmehr gleichfalls den arabischen Namen Achmed annahm. Inzwischen war es klar geworden, dass die wild zusammengewürfelten Tirailleurs Voulets die Unbotmässigkeiten, welche sie sich unter dem alten Kommando angewöhnt hatten, nicht mehr lassen konnten, und es wurde für unmöglich gehalten, mit dem gesamten Trupp den schwierigen, auf langen Strecken wasserlosen Marsch nach dem Tschadsee fortzusetzen. Infolgedessen wurde eine Trennung beschlossen. Pallier führte am 3. September 1899 etwa 300 Mann mit dem Dr. Henrique und zwei französischen Unteroffizieren nach Say zum Niger zurück. Über den Rest der in Zinder verbliebenen Truppen übernahm Joalland das Kommando. Am 15. September gelang es einer französischen Abteilung, den Mörder Cazemajous, den entthronten Sultan Achmadu, im Dorf Rumje, 80 km südwestlich von Zinder, zu töten. Das Gebiet von Zinder konnte damit als beruhigt betrachtet werden.

Joalland und der wieder hergestellte Meynier verliessen nun am 3. Oktober Zinder, um mit etwa 200 ausgesuchten Leuten, die auf Kamelen beritten gemacht wurden, und einer 80 mm Gebirgskanone nach dem Tschadsee weiter zu marschieren. In der Stadt wurde eine Besatzung von 100 Tirailleurs unter einem Unteroffizier zurückgelassen. Am 22. Oktober war der 525 km betragende Marsch von Zinder bis zum Tschadsee beendigt, der bei Wudi erreicht wurde. Am folgenden Tage war die Expedition in Ngigmi im Nordwesten des Sees. Darauf wurde durch das Land Kanem marschiert, und nachdem der Tschadsee im Norden und Osten umgangen war, gelangte die Expedition ohne besondere Fährnisse nach dem Schari-Delta. Die Bevölkerung von Kanem scheint den durchziehenden Truppen keine grossen Schwierigkeiten bereitet zu haben, und Joalland konnte mehrere Schutzverträge in Kanem abschliessen.[50] Der Schari wurde am 10. Dezember 1899 Gulfei gegenüber erreicht.[51]

Joalland hatte schon vorher erfahren, dass Weisse am Schari angekommen sein sollten, und er hoffte, bei Gulfei Gentil mit seinen Truppen zu finden. Seine Enttäuschung war gross, als er hörte, dass diese weit oberhalb am Schari lagerten. Er sandte deshalb eine Rekognoscierungspatrouille auf einem Boote flussaufwärts. Diese stiess jedoch auf eine aus 40 Schiffen bestehende Flotille mit Truppen Rabehs, die sich nach der Schlacht von Kuno nordwärts koncentrierten. Es gelang der Patrouille, Rabeh zu entgehen und zurückzukehren.

Joalland war vollständig im Unklaren über das Schicksal Gentils. Es wurde der überlegenen Streitkräfte Rabehs wegen für unmöglich gehalten, mit der Expedition weiter nach dem Süden zu marschieren. Doch wurde, nachdem man in Erfahrung gebracht hatte, dass der Fluss wieder frei war, zwischen Joalland und Meynier vereinbart, dass diesesmal Meynier selbst einen Vorstoss zu Schiffe wagen sollte, um sich womöglich Gewissheit über das Loos der französischen Schari-Truppen zu verschaffen. Dann sollte die Expedition nach Regelung der Angelegenheiten in Kanem über Zinder den Heimweg antreten.

Die Fahrt Meyniers ging ohne Unfall von statten. Am 28. Dezember bei Gulfei abgefahren, konnte er, nachdem er in 14 Tagen 700 km zurückgelegt hatte, mit den vom Süden gekommenen Franzosen Fühlung gewinnen. Er traf mit dem äussersten vorgeschobenen Posten der Mission Gentils, der, wie bereits erwähnt, unter de Cointet in Sada am Schari sich befand, am 13. Januar 1900 zusammen. Die beiden französischen Offiziere fuhren dann den Strom bis nach Fort Archambault aufwärts, wo das Gros der französischen Streitmacht unter Robillot lagerte. Der vom Westen kommenden Mission war somit das von Cazemajou begonnene Werk gelungen: eine Verbindung mit der von Süden gekommenen Gentil’schen Mission war erreicht.

Bereits am 30. Januar erhielt Meynier eine Nachricht, durch die er von Kapitän Robillot, dem Führer der Gentil’schen Truppen, aufgefordert wurde, am Tschadsee zu verbleiben. Am 8. Februar traf Meynier wieder im Lager Gulfei gegenüber ein. Joalland hatte die Zwischenzeit zu einer weiteren Bereisung von Kanem benutzt.

Eine dritte, vom Norden entsandte Expedition, die „Mission saharienne“, unter dem gelehrten Geographen und Forschungsreisenden Foureau, war schon seit längerer Zeit durch die Sahara unterwegs. Zu ihr gehörten 13 Europäer. Die der Expedition beigegebene starke Schutztruppe wurde von dem Major und Bataillonskommandeur Lamy befehligt. Die Mission hatte grosse Schwierigkeiten aller Art zu überwinden, namentlich schwere Kämpfe mit überlegenen Tuareghorden zu bestehen. Durch Irreleitung von Führern, die erschossen werden mussten, war sie aufgehalten worden; doch gelang es ihr, am 2. November 1899 Zinder über Asben zu erreichen. Wie bereits erwähnt, waren Joalland und Meynier von Zinder bereits am 3. Oktober aufgebrochen. Die Mission fand hier die zurückgelassene Garnison in den besten Beziehungen mit dem Sultan, der Foureau und Lamy ersuchte, ihm zu helfen, die Tessaua seiner Autorität wieder zu unterwerfen. Dies geschah, und bei dieser Gelegenheit wurden 200 Pferde und eine grosse Anzahl Esel neben weiteren Kamelen requiriert, mit welchen man am 25. Dezember den Marsch nach dem Tschadsee antrat.[52]

Bevor der Tschadsee erreicht wurde, traf die Expedition bei Begaro am Komodugu Yobe mit dem Bornuprinzen Omar Sanda zusammen, der zuletzt in Zinder einen Zufluchtsort gefunden hatte. Foureau liess Omar Sanda zum Sultan von Bornu ausrufen und besuchte zunächst Kuka, das er vollständig verödet und in Trümmern liegend fand. Von Kuka aus ging die Expedition, immer von Omar Sanda begleitet, wieder nach Norden und erreichte auf demselben Wege, den Joalland und Meynier genommen hatten, über Ngigme und durch Kanem marschierend den Schari. Gegenüber von Gulfei auf dem rechten Schariufer erfolgte am 24. Februar 1900 ihre Vereinigung mit den Truppen Joallands. Auch der Plan, vom Norden her mit bewaffneter Macht in Achtung gebietender Stärke nach dem Tschadsee zu gelangen, war Frankreich gelungen. Joalland, der der „Mission saharienne“ bis nach dem Orte Deberengi bei Mao entgegen gegangen war, hatte die Neuangekommenen davon unterrichtet, dass die Gentil’schen Truppen vom Süden her im Anzuge begriffen seien.