[55] Vergl. den officiellen Bericht des Major Reibell in den Renseignements coloniaux et documents publ. par le Comité de l’Afrique française, 1901, S. 20. — Die Franzosen fanden in Dikoa mehrere tripolitanische Kaufleute mit ihren Familien, im ganzen etwa 100 Köpfe stark, angesiedelt vor.
[56] Vergl. den Rapport Reibells, a. a. O. S. 15 ff.
[57] Vergl. A. Terrier im Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1901, S. 102. Über das französische Gebiet Haut Oubanghi vergl. Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1901, S. 295.
X. Das Ende der Rabeh’schen Macht.
Mit dem Tode Rabehs und der Vertreibung seiner Söhne aus der Hauptstadt Dikoa war das Reich Rabehs zertrümmert. Den Franzosen war die Aufgabe gelungen, eine Vereinigung ihres afrikanischen Kolonialbesitzes am Tschadsee zur That werden zu lassen. Ihnen gebührt der Ruhm, die Tschadseeländer von dem schweren Druck der Herrschaft Rabehs befreit zu haben. Dass ihnen die Niederwerfung des sieggewohnten Sklavenfürsten möglich wurde, war, abgesehen von dem grossen Mut, den die französischen Truppen entwickelt haben, dem glücklichen Umstande zu danken, dass im rechten Augenblick gleichzeitig von drei Seiten her bedeutende Streitkräfte auf dem Kampfplatze erschienen, und dass Rabeh selbst gleich im Anfange während des zweiten Zusammenstosses mit den Franzosen bei Kuno schwer verwundet wurde. Zudem war den Franzosen der Umstand zugute gekommen, dass Rabeh bei den eingeborenen Völkerschaften im Süden des Tschadsees, in deren Gebiet er sich festgesetzt hatte, keine Sympathien besass, und dass diese, wiewohl sie Muhammedaner waren, den einrückenden Truppen der Weissen keinen Widerstand entgegensetzten. Mehr als das, sie hatten sich in der Folge geradezu mit diesen zum Kampf gegen den den Islam auf seine Fahnen schreibenden Rabeh verbunden. Beim ersten Vorstoss der Franzosen unter Bretonnet und dann nach dem für Rabeh nicht glücklichen Kampfe bei Kuno focht der König von Baghirmi mit seinen Leuten auf Seiten der Franzosen. Nach dem Erscheinen der drei französischen Expeditionen am Schari und nach dem Tode Rabehs haben die Kanuri und die nomadisierenden Araber im Süden des Tschadsees seiner Soldateska jedenfalls keinen Vorschub mehr geleistet. Auch von anderen muhammedanischen Elementen Central-Afrikas, die als wenig christenfreundlich bekannt sind, hatte Rabeh keine Hilfe erhalten. Wohl hatte er sich nochmals an den Sultan Ibrahim von Wadai gewandt, mit der Aufforderung, gemeinsam mit ihm die europäischen Eindringlinge aus Innerafrika zu vertreiben. Die Aufforderung war ohne Gehör geblieben. Auch der Schech des Senussiordens, an den Rabeh ein Schreiben gesandt haben soll, um ihn zu veranlassen, die arabischen und hamitischen Völker im Osten des Tschadsees zum Kampfe gegen die Franzosen zu begeistern, hatte sich ablehnend verhalten. Ebenso hatte es der König von Mandara unterlassen, Rabeh Hilfstruppen zu senden.
Eine endgiltige Klärung hatten die Verhältnisse in Central-Afrika jedoch auch mit dem Tode des Sklavenfürsten noch nicht erfahren. Wenn auch der überlegene Wille und die rückhaltslose Herrschsucht Rabehs die alten Basinger nicht mehr meisterte, so hatte doch Fadel Allah in der Folge einen beträchtlichen Teil der Truppen seines Vaters um sich sammeln können.
Nachdem Fadel Allah einmal gesehen, dass das Schicksal sich gegen ihn wandte, hatte er es selbst gegen kleinere Truppen der Franzosen nicht mehr zu einer entscheidenden Schlacht kommen lassen. Ganz in der Art wie seinerzeit Soliman ibn Zuber den Verfolgungen Gessi Paschas immer wieder auswich, hatte er sich vor dem von Dikoa nach dem Süden marschierenden Kapitän Reibell immer weiter zurückgezogen. Bei dem Zusammentreffen am Flusse Jadzerem und bei Issege war kein ernstlicher Widerstand geleistet worden. Erst in Mubi[58], im Südwesten der Mandara-Berge, machte Fadel Allah Halt, nachdem die Franzosen bei Issege die Verfolgung aufgegeben hatten.
In Mubi koncentrierte sich Fadel Allah wieder, und hier vereinigten sich die zersprengten Reste der Soldateska seines Vaters. Die von Rabeh nach Gulfei und anderen Orten am Logon gelegten Besatzungen, welche an dem Kampfe bei Kusseri nicht teilgenommen hatten, fanden gleichfalls hierher ihren Weg, und Fadel Allah verfügte nunmehr über eine achtunggebietende Macht, die sich bald wieder in der früheren Weise organisierte. Nur geringe Bestandteile des Heeres seines Vaters und zwar anscheinend hauptsächlich solche, die Rabeh erst in letzter Zeit sich aus nomadisierenden Arabern von Bornu, Baghirmi oder dem Süden von Kanem als Soldaten einexerciert hatte, hatten sich andere Herren gesucht. Ein Teil konnte, wie erwähnt, von den Franzosen zur Bildung einer sich gut entwickelnden Reiterabteilung in Dienste genommen werden. Einige stellten sich dem König von Mandara, andere dem Emir von Yola zur Verfügung.
Die Franzosen hatten die Zertrümmerung des Reiches Rabehs damit besiegelt, dass sie Omar Sanda, dem ältesten Sohn des von Rabeh verjagten Sultans Haschem, der die Truppen der „Mission saharienne“ seit ihrer Begegnung bei Begaro unweit des Tschadsees im Januar 1900[59] immer begleitet hatte, das Land seiner Väter wiedergaben und ihn als „Schech“ von Bornu in Dikoa einsetzten. Als Gentil im Juni 1900 die Expedition Joallands auf dem Rückmarsch nach Zinder bis nach Dikoa begleitete, musste er an Stelle Omar Sandas dessen Bruder Djerbai zum Herrn von Bornu erheben. Omar Sanda hatte sich anscheinend keine Autorität verschaffen können und seinen Wohlthätern mit Undank gelohnt. Er hatte Gentil nach dem Leben getrachtet; der Anschlag wurde aber rechtzeitig entdeckt und Omar Sanda nach der Station von Krebedji am oberen Schari deportiert. Naturgemäss hätte es den französischen Interessen entsprochen, wenn Djerbais Macht sich hätte kräftig entwickeln und der neue Bornusultan dann den Franzosen ihre linke Flanke, das westliche Baghirmi und den Schari, gegen etwaige neue Angriffe der Söhne Rabehs hätte decken können. Aber bald sah sich Djerbai in einen Kampf mit Fadel Allah verwickelt, sei es, dass letzterer ihn in Dikoa angegriffen, sei es, dass er selbst den Krieg gegen ihn aufnehmen zu sollen geglaubt hat. Jedenfalls war der Kampf ohne Vorwissen der Franzosen ausgebrochen. Djerbai wurde schliesslich vollständig geschlagen. Er ergriff die Flucht und machte nicht eher halt, als bis er in Kanem angelangt war, wo er beabsichtigt haben soll, den Schech es Senussi um Hilfe anzurufen.