Fadel Allah hatte Djerbai bis an das linke Schari-Ufer nach Gulfei verfolgt. Von hier aus sandte er Boten an den damaligen Vertreter Gentils, den Kapitän Robillot, nach dessen Hauptquartier in Fort Lamy. In hochtrabender Weise verlangte Fadel Allah das in dem jüngsten Kampfe von den Franzosen erbeutete Eigentum Rabehs zurück, indem er sich gleichzeitig als Herrn des von seinem Vater ererbten Gesamtkönigreichs Bornu bezeichnete und als Freund der Engländer ausgab. Die Antwort Robillots lautete dahin, dass sich Fadel Allah zunächst persönlich in Fort Lamy einfinden solle. Den beiden von Robillot gesandten Leuten wurde jedoch der Kopf abgeschlagen. Robillot unternahm nun einen Strafzug gegen Fadel Allah auf deutsches Gebiet. Die französische Streitmacht bestand aus 200 oder 300 regulären Soldaten und einer Gebirgskanone nebst der Kavallerie de Thézillats, die mit Gras-Gewehren bewaffnet worden war, und anderen eingeborenen Hilfstruppen. Das Vorgehen Robillots war so energisch, dass Fadel Allah sich bis nach Gudjba zurückzog, wo er zunächst ein Lager bezog. Dieser Ort liegt bereits über 100 km westlich der deutschen Grenze in englischer Interessensphäre. Infolgedessen kehrte Djerbai nach Dikoa zurück. Robillot begab sich wieder nach Fort Lamy.
Nunmehr trat Fadel Allah mit den englischen Regierungstruppen in Verbindung. Er wusste, dass die Engländer am Benue standen, wo der ihm nächstgelegene englische Posten Ibi war. Diesem näherte sich Fadel Allah und bezog zunächst bei Fika ein neues Lager. Im Juni des Jahres 1901 sandte er Boten nach Ibi mit einer Beschwerde, dass er von den Franzosen aus dem von seinem Vater ihm überkommenen Lande vertrieben und auf englisches Gebiet verfolgt worden sei, und sprach wiederholt den Wunsch aus, unter englischem Schutz sein Reich regieren zu dürfen. Daraufhin begaben sich Major Mac Klintock und Leutnant Mac Gregor mit einer Eskorte von 50 Soldaten und 150 Trägern zu Fadel Allah, den sie bei Bergama, 100 englische Meilen nordöstlich vom Gorgola, einem Zufluss des Benue, und 25 Tagemärsche von Ibi entfernt, trafen. 30 englische Meilen vor Fadel Allahs Lager wurde Major Mac Klintock von einer Truppe von 100 ausgesuchten Reitern eingeholt, die ihm ein Begrüssungsschreiben ihres Herrn überbrachten. Das Lager Fadel Allahs fanden die Engländer in weiter Ausdehnung um die alten Stadtmauern von Bergama aufgeschlagen, tausende von kegelförmigen Hütten dienten der Beherbergung der Truppen. Am Eingange der Stadt erwartete Fadel Allah selbst auf weissem Rosse und mit einer weissen Djebba, nach Art der sudan-egyptischen Derwische bekleidet, die englischen Offiziere. Die disciplinierte Streitmacht Fadel Allahs, 2000 Mann, war in zwei Gliedern aufgestellt. Alle waren mit Gewehren bewaffnet und feuerten bei der Annäherung der Engländer eine Ehrensalve. Diese ritten die Front ab, alsdann wurden die Truppen angesichts der Gäste in neun Kompagnien formiert. Jeder Kompagnie wurde ein Banner vorangetragen, jedes Banner war von Trommlern und Hornisten eskortiert. Ausser diesen Kerntruppen fand Mac Klintock noch mehrere Tausend irreguläre Streiter, hauptsächlich Bogenschützen und Lanzenträger, um Fadel Allah vereinigt. Tags darauf begab sich der Sohn Rabehs mit seiner Familie und seinen vornehmsten Anführern in das Lager der Engländer, wo eine lange Aussprache stattfand. Im Verlaufe dieser Unterredung drückte Fadel Allah den englischen Berichten[60] zufolge noch einmal den Wunsch aus, unter englische Protektion zu treten und Bornu, das ihm nach dem Rechte der Eroberung gehöre, unter englischer Oberhoheit und nach englischen Gesetzen zu regieren.
Fadel Allah wird von den Engländern als ein Mann von hoher Intelligenz geschildert, etwa 26 Jahre alt, von sehr dunkler Gesichtsfarbe und ausgesprochenem Negertypus. Sein Bruder Niebe wird als ein kluger junger Mann beschrieben, der bei den Soldaten und bei dem Volk sehr beliebt sei. Von den Folgen der schweren Verwundung, die Niebe im Kampfe mit den Franzosen erhalten hatte, sagen die englischen Berichte nichts. Viele der Hauptanführer Fadel Allahs waren alte Freunde Rabehs, die jahrelang seine Kriegszüge mitgemacht hatten.[61] Major Mac Klintock zu Ehren wurde noch einmal eine glänzende Parade der sämtlichen Truppen veranstaltet. Das gesamte Heer zog mit fliegenden Fahnen und schallender Musik an den englischen Offizieren und Fadel Allah vorbei. Jede Kompagnie hatte zwei Führer, einen als Ersatz für den Todesfall auf dem Schlachtfelde. Die Haltung der Truppen war vortrefflich. Fadel Allahs Schwester Haua, die Witwe Haiatus, ein junges Weib von 19 Jahren, führte selbst eine Kompagnie. Sie hat an zahlreichen Kämpfen teilgenommen und soll persönlich eine Streitmacht gegen Kilba, einen kleinen heidnischen Staat im Südwesten von Mandara, befehligt haben. 16 Tage blieb Mac Klintock in Bergama. Am Tage vor der Abreise der englischen Gesandtschaft wurden Sportübungen, Wettrennen und Wettspringen veranstaltet, an denen auch die Leute der Rabeh’schen Soldateska teilnahmen. Fadel Allah gab nach herzlichem Abschied an der Spitze von 800 Reitern der Mission fünf Meilen weit das Geleit und bat um baldige Erneuerung des Besuchs.
Ein Dolmetscher Mac Klintocks wurde bei Fadel Allah zurückgelassen, der einen seiner ersten Anführer nach dem englischen Hauptquartier am Benue entsandte. Mac Klintock erreichte nach mancherlei Behelligung seitens der Eingeborenen, besonders der Bewohner von Ubi, den Benue bei Yola. Die Entscheidung über das englische Schutzverhältnis Fadel Allahs sollte erst nach der Rückkehr des Gouverneurs Sir Frederick Lugard nach Nigeria getroffen werden. Inzwischen wurde englischen Blättermeldungen zufolge die Frage erwogen, ob es nicht angezeigt sei, Fadel Allah als Emir in Kuka einzusetzen und ihm einen britischen Offizier als ständigen Residenten beizugeben in der Art, wie es bei den eingeborenen Vasallenfürsten in Indien die Regel ist. Es sei wohl vorzuziehen, Rabehs Sohn auf diese Weise eine verantwortliche Stellung unter britischer Aufsicht zu übertragen, als vielleicht zu kostspieligen Expeditionen gezwungen zu sein, um die Raubzüge zu unterdrücken, welche Fadel Allah, wenn er eine so grosse Truppenmacht mit Lebensmitteln versehen wolle, notgedrungen unternehmen müsse. Er sei ohne Frage trotz der Niederlagen, die er durch die Franzosen erlitten habe, noch immer weitaus der stärkste Machtfaktor im Tschadsee-Gebiete, zwischen Sokoto und dem Schari, und in muhammedanischen Ländern sei es das beste, sich zur Ausübung der Regierung eines gleichfalls muhammedanischen Fürsten zu bedienen, der allerdings unter strenge Aufsicht genommen werden müsse. Später war davon die Rede, dass eine weitere Mission von 100 Mann unter Führung des Captain Mc. Carthy Morrough und des Leutnant Wilkin zu Fadel Allah nach Bergama gehen sollte.[62]
Aber bevor Sir Frederick Lugard nach Nigeria zurückkehrte, sollte sich das Schicksal Fadel Allahs entscheiden. Bald nachdem Mac Klintock das Lager bei Bergama verlassen hatte, wandte sich Fadel Allah abermals nach Dikoa, wo Djerbai sich wieder festgesetzt hatte. Mit leichter Mühe vertrieb er den Bornu-Sultan zum zweiten Male. Das ganze Gebiet im Süden des Tschadsees bis zum Schari hin wurde wiederum die Beute der Rabeh’schen Soldateska. Die wankelmütigen Araber machten diesmal gemeinsame Sache mit Fadel Allah, aber die Bornu-Leute, insbesondere die Kanuri, mussten ihren Abfall schwer büssen: Auf ihre Kosten versah sich das Heer des Eroberers mit Lebensmitteln, Weibern und Sklaven. Es scheint, dass bis über den Schari hinaus, also auf französisches Gebiet hin, die Dörfer der Eingeborenen gebrandschatzt wurden.
Diesen Zustand fand der Oberstleutnant Destenave vor, welcher, wie erwähnt, den Gouverneur Gentil während dessen Abwesenheit in der Verwaltung des Schari-Gebietes vertrat. Destenave hatte Gentil am 14. Januar 1901 in Brazzaville getroffen und war dann langsam den Schari abwärts marschiert. Unterwegs war es ihm gelungen, den Herrn von Kutti zur Unterwerfung zu bewegen, der sich am 19. Mai 1901 mit 1500 Mann, wovon 600 mit Flinten bewaffnet waren, in Destenaves Lager in Gribingi (Fort Crampel) einfand. Auch der Herr des heidnischen Sultanats Korbol im Süden von Baghirmi hatte sich ohne Blutvergiessen den Franzosen ergeben.
Am 18. Juli war Destenave mit acht Europäern und 130 Tirailleurs im Fort Lamy angelangt. Der durch die neuesten Erfolge Fadel Allahs geschaffenen bedrohlichen Situation musste ein Ende gemacht werden. Es kam hinzu, dass Fadel Allah, der auf seine guten Beziehungen zu den Engländern zu pochen schien, Boten zu dem Schech es Senussi geschickt hatte, die dieser weniger unfreundlich aufgenommen hatte, als seiner Zeit die Abgesandten seines Vaters Rabeh. Mit 500 Mann und einer Kanone überschritt Destenave am 6. August den Schari, um Fadel Allah, der sich in Dikoa befinden sollte, durch Gewaltmärsche zu überraschen. Aber Destenave fand das Nest leer: Fadel Allah hatte den Franzosen wieder nicht Stand gehalten und hatte Dikoa rechtzeitig verlassen können. Angeblich beabsichtigte er, wieder nach dem Südwesten auf englisches Gebiet zu fliehen, nach anderen Berichten wollte er seine im Lande zersprengten Streitkräfte sammeln und dann den Franzosen den Rückmarsch nach dem Schari abschneiden. Destenave liess Dikoa durch starke Wachen schützen und schickte nach allen Seiten Patrouillen aus. Das stärkste Detachement, das aus der Reiterei und anderthalb Kompagnien Infanterie unter dem Kapitän Dangeville bestand, sollte nach dem Südwesten hin rekognoscieren und hatte das Glück, mit dem Feinde Fühlung zu gewinnen. In der Nacht des 23. August um 5 Uhr morgens überraschte Dangeville bei Gudjba, also auf britischem Gebiete, Fadel Allah und seine Leute im Schlafe und machte eine grosse Zahl der Basinger nieder. Fadel Allah selbst wurde verwundet. Der Feind konnte sich aber ausserhalb des Dorfes im Dickicht sammeln und hielt dort während mehrerer Stunden das Feuer der Franzosen aus. Dabei erhielt Fadel Allah eine Kugel in den Kopf und wurde getötet. Neben ihm bedeckten 500 Mann und 100 Pferde das Schlachtfeld. Jetzt verloren die Rabeh’schen Krieger jeden Mut und verteilten sich in wilder Flucht nach allen Richtungen. Der Körper Fadel Allahs war eine Zeit lang mitgeschleppt und dann in einem Sumpfe liegen gelassen worden, wo die verfolgenden Reiter ihn fanden. Dem Leichnam wurde der Kopf abgeschnitten und dieser Dangeville überbracht. Unter den Flüchtigen befand sich Niebe, Fadel Allahs nächstältester Bruder, der in der Schlacht von Kusseri eine schwere Verwundung am Bein davongetragen hatte.
Den geschlagenen Truppen erging es schlecht. In den Dörfern wurden sie überall von den Eingeborenen mit Pfeilschüssen und Speerwürfen empfangen, und schon nach zwei Tagen hielten sie es für das Beste, sich dem Sieger zu ergeben. Am 25. August zeigten Niebe und die übrig gebliebenen Bannerträger dem Kapitän Dangeville ihre Unterwerfung an. Sie wurden alle 1500, darunter Niebe und Fadel Allahs Schwester Haua, zu Gefangenen gemacht. Die Beute bestand ferner aus 16 Flaggen, 1800 Gewehren, wovon 400 Repetiergewehre, einer Kanone auf ihrer Lafette, 2000 Patronen, 1500 Kilo Pulver und 200 Pferden. Ausserdem wurden im Lager von Gudjba 3000 Sklaven der Söhne Rabehs vorgefunden und in Freiheit gesetzt. Die Franzosen berechnen die Gesamtzahl ihrer Feinde unter Waffen am 23. August auf 2500, die Destenave zur Verfügung stehenden Leute auf 230 Mann, wovon 100 Spahis.[63] Als Sieger zog Dangeville in Dikoa ein. 1000 Gefangene wurden von ihm sofort eingebracht. Der Rest folgte truppweise nach. Die Araber im Süden des Tschadsees, die anscheinend bis dahin bei jeder Rückkehr Fadel Allahs auf dessen Seite gestanden hatten, gaben jetzt ihrer Freude über seinen Untergang Ausdruck, und die eingeborene Bornubevölkerung feierte den Sieg der Franzosen durch laute Feste.
Am 17. September 1901 verliess Destenave Dikoa wieder, überall von den Bornuleuten begeistert begrüsst, und am 25. September wurde in Kusseri ein riesiger Triumphbogen errichtet, unter dem die Besiegten, die mitgenommen worden waren, zu passieren hatten. Am 29. September wurde Fort Lamy wieder erreicht.[64]