Mit dem Tode Fadel Allahs, mit der Gefangennahme seines Bruders Niebe, seiner kriegerischen Schwester Haua, der hauptsächlichsten Bannerführer und fraglos des grössten Teiles seiner Leute war der nach dem Tode Rabehs noch verbliebene Rest seiner Soldateska vernichtet. Die Rabeh’sche Macht ist damit endgültig untergegangen: das von dem Eroberer gegründete Riesenreich war ebenso rasch vergangen wie es entstanden war. Wohl haben aus Afrika nach Egypten gekommene Pilger berichtet, dass sich zersprengte Reste des Heeres in kleinen Banden unter Verwandten Rabehs noch im Süden und Westen des Tschadsees herumtrieben, denselben ist aber ohne Zweifel keine Wichtigkeit mehr zuzuweisen.
Die Franzosen, welche im Kampfe gegen Rabeh soviel Energie und Zielbewusstsein bewiesen haben, sind von dem Zeitpunkt ab, an dem ihre drei vom Nordwesten, Norden und Süden nach dem Tschadsee marschierenden Expeditionen sich an der Schari-Mündung vereinigen konnten, vom Glück nicht mehr verlassen worden. Dass es schliesslich einer so kleinen Truppe, wie Dangeville sie befehligte, gelang, den übermächtigen Feind im Schlafe zu überwältigen, muss als wohlverdienter Lohn der opfervollen Arbeit Frankreichs betrachtet werden. Für die ganze Entwickelung der innerafrikanischen Verhältnisse ist der Tod Fadel Allahs bei Gudjba von weittragendster Bedeutung. Die eingeborene Bevölkerung in weitem Umkreise ist jetzt von dem Alb, der sie jahrelang bedrückt hat, befreit: wollte doch selbst Fadel Allah, wie es heisst, die Absicht seines Vaters, Sokoto zu überrennen, wieder aufnehmen. Die europäischen Kolonialmächte, welche sich jetzt auch im Süden und Südwesten des Tschadsees festzusetzen haben, werden mit der Soldateska Rabehs nicht mehr zu rechnen brauchen.
In Dikoa zog abermals Djerbai wieder ein.[65] Niebe wurde weitab nach dem Süden an die Grenze des französischen Kongos, unweit des Ubangi, nach Krebedje deportiert. Von den im Lager Fadel Allahs vorgefundenen Sklaven, Männern und Frauen, wurden diejenigen, die in ihre Heimat in der Nähe des Tschadsees zurückkehren wollten, entlassen. Was von den Basingern Fadel Allahs nicht gefallen oder geflohen war, zum grossen Teil heimatlose Fremde in Bornu, folgte nunmehr widerstandslos den Franzosen auf das rechte Schari-Ufer. Es entsprach ihrem Söldnercharakter, dass sie jetzt demjenigen, den sie als den Stärkeren erkannt hatten, dienten. Sie hatten ihre Munition in Dikoa und Gudjba verloren. Die neue Heimat im Osten des Schari erschien ihnen verlockender als ein weiteres Rauben und Kämpfen im feindlichen Bornu-Gebiet, — ein Kriegszustand, in dem sie hatten beharren müssen, um sich Nahrung zu gewinnen und der ihnen ohne genügendes Pulver wenig aussichtsvoll erschien. Die Franzosen haben sie hauptsächlich bei Gulfei und an einigen Orten im Süden in geschlossenen Kolonien angesiedelt, in nächster Nähe der eigenen Forts, deren Kanonen sie für den Augenblick noch bewachen. Aber wie der Basinger im Sudan auch für die Egypter gegen die Mahdisten gekämpft hat,[66] und wie unter den Reitern, welche Fadel Allah verfolgten, bereits frühere Soldaten Rabehs sich befanden, so werden diese neuen Ansiedler, wie die Franzosen erwarten, von ihnen in ihren weiteren Kämpfen in Centralafrika als wertvolles Truppenmaterial verwandt werden können.
Die französischen Streitkräfte verteilten sich um diese Zeit, wie folgt: Eine Kompagnie Tirailleurs in Gulfei; eine zweite im Fort Lamy; eine dritte zur einen Hälfte in Mandjafa (Fort Cointet) und zur anderen Hälfte in Busso (Fort Bretonnet); eine vierte in Tunea (Fort Archambault) mit detachierten Abteilungen in N’delle bei dem Herrn von Kutti und in Dambar zur Beobachtung des Sultans von Korbol. Die starke, zum grössten Teil aus Resten der Rabeh’schen Truppen gebildete Reiterei stand in Kusseri, die Artillerie war in Fort Archambault und Fort Lamy verteilt. Zwei grosse Abteilungen gleichfalls neuerdings einexercierter eingeborener Fusstruppen waren in Fort Lamy und mehr oberhalb am oberen Schari untergebracht.
Gentil, der Gouverneur des Colonies, wird demnächst auf seinen Posten nach dem Schari zurückkehren und an die Erfüllung der weiteren Aufgaben der Franzosen in Centralafrika herantreten: Im Osten des Tschadsees über Kanem eine definitive, durch feste Posten geschützte Verbindung der Schari-Mündung mit Zinder und dadurch mit Algerien und Senegambien herzustellen und Wadai und die übrigen im Osten und Norden des Tschadsees liegenden Gebiete, welche Frankreich in dem am 14. Juni 1898 geschlossenen und am 21. März 1899 ratifizierten französisch-englischen Abkommen zugesprochen sind, thatsächlich unter französische Herrschaft zu nehmen.[67]
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Wie werden sich die Senussi zu dem Vorgehen Frankreichs und der übrigen Kolonialmächte verhalten? Das ist die schwerwiegende Frage, die sich jetzt aufdrängt. Schon haben blutige Zusammenstösse zwischen Franzosen und Leuten der Senussi in Kanem, unweit von Mao, stattgefunden, und das mit Vorwissen des Ordensoberhauptes. Im November 1901 machte der Oberstleutnant Destenave von Fort Lamy aus einen Vorstoss nach dem Norden. Die Senussi waren über die Bewegung genau unterrichtet und legten bei einer ihrer neu begründeten Zauijas im Süden von Mao einen Hinterhalt. Die französische 200 Mann starke Avantgarde unter dem Kapitain Millot wurde hier von einer grossen Übermacht, bestehend aus Waled Soliman-Arabern, Tuareg und wohlbewaffneten Mudjabera-Kaufleuten überrascht. Die Schiesskundigen waren in Laufgräben untergebracht, die Reiter hinter einer Anhöhe versteckt. Nur der ausserordentlichen Tapferkeit und Kriegstüchtigkeit der kleinen Truppe war es zu danken, dass die Franzosen sich, allerdings mit schweren Verlusten — unter den Toten befand sich Millot selbst —, auf das Gros und auf Fort Lamy zurückziehen konnten. Ein zweiter Zusammenstoss im Januar 1902, der von Oberstleutnant Destenave persönlich geleitet wurde und in welchem der Feind nur aus Tuareg bestand, scheint erfolgreicher gewesen zu sein; aber statt auf Mao zu marschieren, begnügten sich die Franzosen damit, zwei kleine Posten im Lande Dekena zu errichten.[68] So unbedeutend diese Ereignisse auch erscheinen mögen, so bezeichnen sie doch den Beginn einer neuen Phase in der Geschichte Innerafrikas. Es ist dies der erste offene Kampf mit der Waffe in der Hand zwischen der Bruderschaft der Senussi und einer europäischen Macht.
Seit einiger Zeit bereits war eine stärkere Entfaltung der Thätigkeit des Senussi-Ordens in Afrika, ein Steigen seines Einflusses und eine Vermehrung der Anzahl seiner Anhänger wahrzunehmen, vor allem im letzten Jahre — als ob das siegreiche Vordringen der Franzosen im Tschadseegebiete eine Reaktion hervorgerufen hätte. In Kanem hat der Einfluss der Senussi die Waled Soliman-Stämme geeinigt, die Häuptlinge, mit denen die Franzosen dort Verträge geschlossen hatten, wurden ignoriert, die beständigen Kämpfe zwischen den Waled Soliman- und anderen Beduinenstämmen und den Tibbu (Gora‘an u. s. w.) hörten auf. Mehr als das, die Tuareg, die gerade mit den Waled Soliman in jahrzehntelanger Fehde lebten und vom Nordwesten her nach Kanem Einfälle zu machen pflegten, haben jetzt in grosser Anzahl den Senussi-Ritus angenommen. Ganze Stämme pilgerten zu dem Schech es Senussi oder schickten Abgesandte zu ihm, um sich demnächst in Kanem niederzulassen. Der eigentliche Herr von Kanem ist jetzt Sidi Muhammed el Barani, der Vorsteher der Senussi-Zauija von Mao, ein ungewöhnlich thatkräftiger Mann.
Die Tuareg, wie an anderer Stelle bereits hervorgehoben worden ist, sind seit einiger Zeit schon in Bewegung.[69] Nach der Einnahme von Timbuktu durch die Franzosen begannen die dortigen Tuareg-Stämme ihre in der Sahara zwischen den fruchtbaren centralafrikanischen Ländern und den südlichen Oasen von Algerien und Tunesien streifenden Vettern nach dem Osten zu drängen. Bis nach der Gegend von Ghat und Ghadames hin beginnt nun der Einfluss der Senussi unter den Tuareg maassgebend zu werden; in der Nachbarschaft der genannten Orte sind unlängst mehrere neue Zweig-Zauijas begründet worden. Es heisst, dass die Sultane von Sokoto und Kano, der Sultan Djerbai von Bornu, Gauranga von Baghirmi und auch der Herr von Kuti im vorigen Jahre dem Schech es Senussi Geschenke geschickt haben.