Der Centralsitz des Ordens ist, wie bereits erwähnt, in den letzten Jahren von Djerabub, unweit der tripolitanisch-algerischen Grenze, zunächst nach Kufra und dann nach Goru in den Tibbu-Bergen, in der Landschaft Borku im Nordwesten von Wadai, verlegt worden. Dieses Gebiet liegt nach dem Abkommen vom 21. März 1899 in der französischen Einflusssphäre. Hier hauste der Schech Muhammed el Mahdi es Senussi — wie seiner Zeit der „Alte vom Berge“ in seinem sagenumwobenen Schlosse Alamut — unsichtbar allen Ungläubigen, von überall her gut unterrichtet, nach allen Richtungen des Innern Afrikas seine Befehle erteilend und selbst in die Angelegenheiten solcher Fürsten sich mischend, die noch nicht seine Lehre angenommen haben.

Wohl hatte der Schech es Senussi aus seiner europäer-feindlichen Gesinnung und seinem Widerwillen gegen das Vordringen der Weissen in die muhammedanischen Länder Afrikas niemals Hehl gemacht, aber bisher liess das ganze Verhalten des Ordensoberhauptes darauf schliessen, dass er jeden offenen Kampf vermeiden und lediglich in friedlicher Weise arbeite an der Verbreitung des Islam und der Vertiefung des Glaubens, sowie an der Herstellung friedlicher Verhältnisse innerhalb der centralafrikanischen Stämme und Staaten im Interesse seiner Anhänger, ihrer kaufmännischen Unternehmungen und ihres Wohlstandes überhaupt. Immer wieder gelangten Gerüchte an die Küsten, dass seine Gefolgsleute ihn drängten, die Rolle, die sein Name ihm zuwies, aufzunehmen und sich als Mahdi, den verheissenen Herrn, der Zeit und der Welt zu bekennen. Der Schech es Senussi hat diesem Drängen keine Folge gegeben. Auch neuerdings, als nach dem ersten Kampfe gegen die Franzosen bei Mao sein thatendurstiger Neffe in Goru das Ross besteigen wollte, um die Franzosen am Schari anzugreifen und aus Baghirmi zu vertreiben, hielt er ihn mit dem Bemerken zurück, seine Zeit sei noch nicht gekommen.

Sollten die Senussi jetzt doch im Verfolg der einmal ausgebrochenen Feindseligkeiten den Djehad, den allgemeinen heiligen Glaubenskrieg am Tschadsee entfachen und sollten infolgedessen die jetzt in Wadai wütenden Thronstreitigkeiten zum Schweigen kommen, und sich auch alle Wadaileute zum Kampf gegen die Ungläubigen vereinigen, so würde den Franzosen im Tschadseegebiet schwereres Ungemach bevorstehen, als Rabeh und seine Soldateska ihnen bereitet haben.[70]

[58] Mubi ist seiner Zeit von Barth besucht worden.

[59] Vergl. oben S. 88.

[60] In den englischen Blättern wird übrigens der Sohn Rabehs fast regelmässig fälschlich Fatarella genannt.

[61] Nach einer Mitteilung von Gentil befanden sich damals noch die folgenden Anführer, die bereits unter Rabeh gedient hatten, bei Fadel Allah: Rabehs Schwiegersohn Hibid (Abed), Djebarra, Siddick und Tar; ferner Serrur, ein Djingi, und Tchokko aus dem Kresch, der Araber Ith und endlich ein Bornu-Mann, Namens Abba Gaua. Vergl. oben S. 57.

[62] Das Bulletin du Comité de l’Afrique française (1901, No. 10 S. 330 ff.) und die französische Presse äusserten sich sehr verstimmt über das Entgegenkommen, welches die Engländer dem Erbfeinde Frankreichs im Tschadseegebiet gezeigt haben. Eine Erklärung des Vorgehens der englischen Offiziere von Nigeria wurde nur in der Besorgnis gefunden, dass Fadel Allah das mit den Engländern in guten Beziehungen stehende Kaiserreich Sokoto niederwerfen könne. Andererseits wurde in englischen Zeitungen die Verfolgung Fadel Allahs auf britisches Gebiet durch die Franzosen als eine Grenzverletzung bezeichnet.

[63] Nach dem Bulletin du Comité de l’Afrique française, 1902, Seite 86, waren im ganzen von der Expedition Destenave 1800 Soldaten zu Gefangenen gemacht worden. Die mit Gewehren bewaffnete und gedrillte Streitmacht Fadel Allahs wird auf 2000 Mann, von denen 600 mit Repetiergewehren bewaffnet waren, berechnet. An erbeuteten Waffen werden aufgezählt, neben der erbeuteten Kanone und den Gewehren, 1500–2000 Kilo Pulver, 30000 Patronen, Lanzen, Pfeile u. s. w.

[64] In Dikoa hatte Destenave die Überreste des von Rabeh seiner Zeit getöteten Herrn de Béhaghle vorgefunden. Dem Forscher wurde dort ein Denkmal errichtet, während seine Gebeine in Fort Lamy neben denen Lamys und anderer im Kampf gegen Rabeh gefallener französischer Offiziere bestattet wurden.