Am Abend begab ich mich nochmals mit einem Mitreisenden, dem Dr. F., in die Stadt, um Unterhaltungsorte zu besuchen. Als wir zum Theater kamen, begehrte der Cassier, der uns natürlich gleich als Fremde erkannte, das Fünffache des gewöhnlichen Eintrittspreises, worauf wir auf dieses Vergnügen verzichteten; dann wollten wir in ein Haus gehen, wo sich japanische Tänzerinnen producirten; hier verlangte die amtirende Frau von uns als Entrée 16 Dollars, was gleichfalls unsere Verzichtleistung auf die Vorstellung zur Folge hatte. Nach diesen Misserfolgen verfügten wir uns in ein Theehaus, wo die Unterhaltung eine recht mässige war.
Was die Forderungen der Japaner an Fremde betrifft, so sind dieselben im Allgemeinen ganz unverschämt hoch, und liegt stets die Tendenz vor, den Ausländer über's Ohr zu hauen. Diese Wahrnehmung machte ich nicht nur bei Einkäufen, sondern auch zu verschiedenen Malen in meinem Hôtel in Kobe. So hatte ein Kellner, welcher mir Briefmarken brachte, gleich versucht, mir bei der Geldumwechslung um 50 kr. weniger zurückzugeben. Selbst der Hôtelier übervortheilte mich. Ich nahm ein Zimmer mit Pension, welches laut Uebereinkommen 6 Yen = 7 fl. 20 kr. kostete, als es aber zur Zahlung kam, liess er vorher in meinem Zimmer einen Zettel ankleben, auf welchem der Preis mit 7 Yen bezeichnet war, und nach diesem Ansatze musste ich auch die Pension bezahlen.
Die Rikschas sind dem Tarife nach sehr billig, sie haben per Stunde nur den Anspruch auf 15 Sens = 18 kr.; wenn man ihnen aber auch mehr gibt, so sind sie doch nicht damit zufrieden.
In Japan ist die Geldeinheit der Yen im Werthe von circa 1 fl. 20 kr. ö. W. und der hundertste Theil heisst Sens. Dieses Geld hat aber einen höheren Werth als der Dollar in China, weil in Japan kürzlich die Goldwährung eingeführt wurde.
Bei dem Umwechseln, sowie beim Beheben des Geldes verliert der Reisende in diesen Ländern immer. In Hongkong hatte ich 400 Dollars zum Preise von 1 fl. 20 kr. bei der Chartered Bank, an welche ich von unserer Creditanstalt angewiesen war, behoben. Schon in Shanghai, welches seine eigene Bank besitzt, verlor ich beim nöthigen Geldwechseln 5 Procent und hier in Japan wieder ebensoviel — ein Verlust, welcher bei meinem Geldbetrag von 320 Dollars beiläufig 16 Dollars oder 19 fl. ausmachte.
Am 4. April war Regenwetter eingetreten und die Temperatur schwankte zwischen 6 und 9° R. Ich besorgte Vormittags die Ausfertigung von Ansichtskarten und arbeitete an der Fortsetzung meines Tagebuches, was übrigens recht peinlich war, da es in meinem Zimmer, das nicht geheizt werden konnte, nur 8° R. hatte.
Es trat nun an mich die Frage heran, ob ich mir, wie Murray's Reisehandbuch es dringend anrathet, einen Diener, der täglich 2 Yen oder 2 fl. 40 kr. kostet, oder auch einen Führer, welcher per Tag 2½ Yen = 3 fl. verlangt, nehmen soll oder nicht. Da ich aber wahrgenommen hatte, dass Murray's Ortsbeschreibungen zur Orientirung vollauf genügen, und dass die Rikschas ein wenig Englisch sprechen und auch bei den Einkäufen als Dolmetsche dienen können, so nahm ich von der Aufnahme eines Dieners oder Führers völlig Abstand. Ich möchte dies allen nach Japan Reisenden empfehlen, die der englischen Sprache etwas mächtig sind. Mir kam es allerdings auch sehr zu statten, dass ich von Zeit zu Zeit mit dem Lloydcapitän oder mit Schiffsbekanntschaften gemeinsame Ausgänge machen konnte.
Vor dem Tiffin liess ich mich durch einen ein wenig Englisch sprechenden Rikscha in den Bazar von Kobe, ein im Viereck erbautes Gebäude mit grossem Hof, Garten und Theehaus an der Peripherie der Stadt, führen. In diesem Gebäude befinden sich ringsum in vier Reihen die verschiedenen Verkaufsartikel der japanischen Kaufleute nebeneinander aufgestellt. Diese Artikel sind sehr mannigfaltig, haben feste und billige Preise und gestatten einen guten Ueberblick über die Betriebsamkeit und Kunstfertigkeit der Japaner.
Nachmittags fuhr ich ungeachtet des Regens in die Stadt in Begleitung unseres Capitäns, der japanische Pflanzen einkaufen wollte. Der erste Gärtner, zu dem wir kamen, machte enorme Preise, während ein zweiter, den wir dann aufsuchten, Namens Tomigama, sehr schöne und billige Tropenpflanzen besass. Dann besichtigten wir die Porzellanhandlung Nishida in der Molomachistrasse und fanden dort sehr schöne, grosse und preiswürdige Vasen, in einer anderen Porzellanhandlung gab es kunstvoll ausgeführte Kaffee- und Theeservice (bei Fujii), im Kaufladen von Ohashi wurden grosse, aber nicht besonders gute Teppiche, sowie Waffen und Ofenschirme feilgeboten, und endlich in einer Verkaufshalle von Lackwaaren (Shidzuoka Shikki) war eine grössere Quantität von Holztassen, Ständern, Schachteln und dergleichen mehr ausgestellt. Alle diese Gegenstände waren recht hübsch verfertigt und zu verhältnissmässig billigen Preisen zu haben. Ich machte mir hierüber nur Vormerkungen und verschob die Einkäufe auf die Zeit meiner Rückkehr nach Kobe.
Da mir unser Schiffscapitän mittheilte, dass er beabsichtige, den nächsten Tag nach der sehr bedeutenden Industriestadt Osaka zu fahren, so entschloss ich mich sofort, ihn dahin zu begleiten, um bei dieser Gelegenheit den dortigen Truppen-Divisions-Commandanten aufzusuchen, an welchen mir der japanische Militär-Attaché in Wien ein Empfehlungsschreiben mitgegeben hatte, damit ich die dortigen militärischen Einrichtungen zu sehen bekomme.