Nach dem Tiffin liess ich mich bei dem Photographen Schida in der Motomachistrasse im Tropencostume aufnehmen und übergab ihm auch eine Wiener Photographie zum Malen. Für ein Dutzend Cabinet-Photographien beanspruchte derselbe den Preis von 5 Yen = 6 fl., also unverhältnissmässig weniger, als ich dafür in Bombay hätte bezahlen müssen.
Am 5. April unternahm ich mit dem Capitän den besprochenen Ausflug nach der von Kobe eine Stunde entfernten Stadt Osaka. Die Begleitung des Capitäns war mir in mehrfacher Hinsicht sehr erwünscht, da eine solche Reise in einem sprachfremden Lande für eine einzelne Person doch etwas beschwerlich ist, da der Capitän die englische Sprache geläufiger sprach als ich, und da es mir angezeigt erschien, den Besuch bei einem hochstehenden japanischen Officiere nicht allein zu machen.
Schon bei der Einfahrt von Osaka ist es an den vielen hundert rauchenden Essen ersichtlich, dass diese Stadt ein Hauptstapelplatz für die japanische Industrie ist; noch mehr tritt dies zu Tage in dem grossen Getriebe, welches in den engen Gassen herrscht, sowie an den allenthalben vorhandenen Telegraphen- und Telephonleitungen, wozu in manchen Strassen an mächtigen Stangen wohl 80 Drähte angebracht sind. Der Umstand, dass in den dortigen Verkaufshallen nur mittelmässige oder geringe Waaren ausgeboten werden, und dass von diesem Orte nach fünf Richtungen Bahnstränge ausgehen, weist darauf hin, dass von Osaka aus hauptsächlich die Ausfuhr betrieben wird.
Ich fuhr mit dem Capitän in je einem Rikschawagen, dessen Führer etwas Englisch sprachen, vom Bahnhofe direct in das dortige berühmte alte Castell, in welchem der Generallieutenant O. wohnt. Am Hauptthore des höher als die Stadt gelegenen, mit breiten Wassergräben und mächtigen Steinmauern umgebenen Castells stand ein japanischer Wachposten. Ich entsandte nun meinen Rikscha zu diesem Posten, um in Erfahrung zu bringen, in welchem Theile des Castells die Wohnung des Generallieutenants gelegen sei. Der Rikscha machte vorerst dem Posten eine bis gegen die Erde reichende Verbeugung und bat denselben dann um die betreffende Auskunft. Hierauf entspann sich zwischen dem Rikscha und dem Posten ein langwieriges Zwiegespräch, dessen Ende darin bestand, dass der Soldat den Rikscha an den Postencommandanten verwies. Vor diesem, in einer kleinen, offenen Hütte zwischen vier Soldaten stehenden Unterofficiere machte der Rikscha zwei ebenfalls bis zum Boden reichende Complimente und brachte dann seine Bitte vor. Wieder entstand eine längere Unterhandlung, bis der Unterofficier mein Empfehlungsschreiben zu sehen wünschte, dessen Adresse in lateinischen und japanischen Buchstaben abgefasst war. Der Unterofficier betrachtete lange die Adresse, kam aber zu keinem Entschlusse. Da verfügte ich, ganz einfach in das Castell einzutreten, was die Wache auch ruhig geschehen liess. Nach einigen Schritten kamen wir zu einem überaus mächtigen, aus riesengrossen Steinen erbauten zweiten Festungsthore, dessen Flügel mit kolossalen Eisenplatten versehen waren. Hier war abermals eine Wache aufgestellt, es erfolgten dieselben erfolglosen Debatten zwischen meinem Rikscha, dem Posten und dem Wachcommandanten, und wieder setzten wir schliesslich unseren Weg in das innere Castell unbehindert fort. Nun gelangten wir zu einem ausgedehnten Gebäude, traten in dasselbe ein und gingen in dem Corridor so lange vorwärts, bis wir zu einer offenen Thür kamen, hinter welcher ein Soldat stand. Diesem übergab ich meinen Brief, mit welchem er auch abging. Eine Weile darauf kam ein anderer Soldat, der den Capitän und mich in ein Zimmer nahe dem Hauseingange geleitete und uns durch pantomimische Zeichen bedeutete, hier das Weitere abzuwarten.
Es verging nun eine geraume Weile, und ich stand eben im Begriffe, unverrichteter Dinge fortzugehen, als ein in Civil gekleideter Diener sich uns näherte und durch Zeichensprache zu verstehen gab, ihm zu folgen. Wir durchschritten nun einen langen, düsteren Gang, an dessen Ende ich einen japanischen Officier auf mich zukommen sah. Als wir uns begegneten, sprach er mich zuerst japanisch an, und stellte sich hierauf in englischer Sprache als Generalstabsmajor N. vor. Ich antwortete deutsch, nannte meinen Namen und meine Charge, und sprach den Wunsch aus, dem Generallieutenant meinen Besuch abzustatten. Da der Officier der deutschen Sprache nicht mächtig war, wurde die Conversation englisch weitergeführt. Auf seine Einladung hin, verfügten wir uns in ein anstossendes Gemach, wo wir uns, nachdem ich ihm den Capitän vorgestellt hatte, niederliessen. Im Laufe eines sich langsam hinziehenden Gespräches wurde uns eine Schale Thee, eine in Stanniol eingewickelte Cigarre und zuletzt eine grössere Schale mit einer unbestimmbaren süsslichen Flüssigkeit angeboten. Da aber der japanische Major nur mich reden liess und selbst beinahe kein Wort sprach, hielt ich es für angezeigt, mich zu verabschieden. Nun trug mir endlich der Major an, mich in der Festung herumzuführen, ein Antrag, den ich gerne annahm. Das seit 400 Jahren bestehende Castell ist mit guten, neuartigen Geschützen ausgerüstet und besitzt eine sehr ergiebige und ingeniös angelegte Wasserleitung. In dem Castell stehen mehrere Wohnhäuser für höhere Officiere, und es wird dort soeben ein grosses Gebäude für einen der drei japanischen Truppeninspectoren aufgeführt. Das Castell überragt die ganze umliegende weite Ebene, sowie die Stadt und gewährt einen sehr hübschen Rundblick. Im Uebrigen hat dasselbe eine geringe Ausdehnung und eine sehr untergeordnete militärische Bedeutung. Erst beim Abschiede theilte mir der Generalstabsofficier mit, dass der Generallieutenant nicht anwesend sei, worauf ich ihm meine Visitkarte mit dem Ersuchen übergab, dieselbe seinem Chef einzuhändigen. So endete diese ganze, durch das etwas unbeholfene Benehmen der japanischen Soldaten wirklich drollige Unternehmung.
Nach dem Tiffin, welches wir in dem dortigen, im europäischen Stile eingerichteten Hôtel »Jiyutai« einnahmen (das Couvert ohne Getränke zu 1 Yen = 1 fl. 20 kr.), spazierten wir noch in der Stadt herum, sahen mehrere Verkaufsstellen an und kehrten dann nach Kobe zurück.
Dort machte mir der bereits erwähnte Dr. F. den Vorschlag, in Gesellschaft eines seit 20 Jahren in Kobe ansässigen Deutschen ein japanisches Tanzhaus anzusehen. Ich ging gerne hierauf ein, und auch der Capitän und einige Lloydschiffs-Officiere schlossen sich uns an. Im Tanzhause producirten sich fünf Mädchen im Spiele auf japanischen Guitarren und im Gesange, und vier Mädchen im Tanzen. Die Spielerinnen, im Alter von 18 bis 24 Jahren, waren recht nett in dunklen Stoffen gekleidet, während die Tänzerinnen, im Alter von 14 bis 16 Jahren, in sehr reichen und lichten buntfärbigen Seidenkleidern und mit schönem Haarschmucke erschienen. Die Musik der fünf Mädchen — Guitarre und Gesang — ist getragen, eintönig, aber doch viel melodiöser als jene in China; der Tanz ist ruhig und mimisch, und besteht mehr aus graziösen Körperbewegungen und Wendungen, als aus einem Tanze nach europäischen Begriffen. Schon der Eintritt dieser Mädchen in den Tanzsaal, wo wir uns ohne Schuhe auf Polstern sitzend befanden, war höchst originell. Jedes Mädchen kniete an der Eintrittsthür nieder und verbeugte sich dann den Zuschauern gegenüber mit dem Kopfe bis zum Boden, dann erst begannen sie zu tanzen. Es wurde sonach Thee, Saki (ein aus Reis erzeugtes alkoholisches Getränk) und rohes, in kleine Stücke geschnittenes Fischfleisch servirt. Diese Fischstückchen müssen nach der Landessitte mit zwei in einer Hand zu haltenden Stäbchen aufgenommen, in eine dazu hergerichtete scharfe Sauce getaucht und so in den Mund geführt werden. Nach längerem Zaudern ass ich ein solches Stückchen vom rohen Fischfleisch und trank auch Saki, und kann nur constatiren, dass dieser Genuss mir kein sonderliches Vergnügen machte, aber auch keine üblen Folgen nach sich zog. Der Saki schmeckt ähnlich wie ein leichter Kornbranntwein. Das Benehmen der Mädchen, welche schliesslich in bunter Reihe neben uns auf dem Boden sassen, war ungezwungen und voll Heiterkeit, und dabei ein vollauf anständiges. Ich hatte mich wohl, weil der Abend sehr kühl war, mit Ueberzieher und Regenmantel versehen, doch war mir dieses Sitzen in Socken in einem kalten Zimmer, auf einem schmalen Polster auf dem Boden, nach und nach recht peinlich geworden, und ich war daher recht froh, dass wir endlich aufbrachen und heimfuhren.
Der 6. April brach wieder so kalt und trübe an wie die vorhergegangenen Tage. Ich hatte diesen Tag zu meiner Abreise nach Kioto bestimmt und im dortigen »Kioto-Hôtel« meine Unterkunft bereits signalisirt. Gleichzeitig bestellte ich mein Quartier in Yokohama im »Grand Hôtel« für den 11. und im »Hotel Impérial« in Tokio für den 16. des laufenden Monates.
Da in Japan auf den Bahnhöfen nur japanisch gesprochen wird und ich keinen Diener als Dolmetsch mit mir nahm, so liess ich einen Hôteldiener mit mir zum Bahnhof in Kobe kommen, von ihm die Fahrkarte lösen und meine Bagage aufgeben, wobei ich denselben strenge überwachte, weil mein Vertrauen in die Ehrlichkeit der Japaner wankend geworden war. Das Handgepäck nahm ich zu mir in den Waggon. Vor meiner Abreise kam noch der Lloydcapitän F. auf den Bahnhof, um von mir Abschied zu nehmen und mir glückliche Reise zu wünschen.
Dieser Capitän ist ein hervorragender Schiffscommandant von persönlich grosser Liebenswürdigkeit. Er vertrat die Interessen der Lloydgesellschaft mit grosser Selbstaufopferung und that sein Möglichstes, um die Fahrzeiten richtig einzuhalten. Wenn es stark regnete und stürmte, kam er trotz Kälte und Ungemach nicht, wie gewöhnlich, zu den Mahlzeiten in den Speisesaal, sondern übernahm die Ueberwachung und zur Nachtzeit die Führung des Dampfers auf der Commandobrücke.