Mein Bruder ist mit der Wolf'schen Eisenbahnexpedition abgereist, zunächst nach Dar-es-Salaam, wo er die nötigen Träger mieten soll. Vielleicht sehen wir uns dort bald wieder.

Nacht vom 7. zum 8. Juli.

Ich sitze am Lager einer fieberkranken jungen Östreicherin, deren Mann im Innern zum besten der Wissenschaft Schmetterlinge fängt. Sie ist ihm voll Enthusiasmus hierhergefolgt mit der Absicht, ihn auf allen seinen Streifzügen zu begleiten. Nun haben Entbehrungen und Anstrengung in dem ungewohnten Klima die Arme niedergeworfen. Die Hütte, in der sie wohnt, liegt im Garten eines Portugiesen von Goa. Sie enthält, wie die Negerhütten, einen einzigen Raum, dessen Plafond das Dach und dessen Parket der Erdboden ist. Fenster sind nicht vorhanden, deshalb steht auch nachts die Thüre auf, so daß ich von meinem Sitz am Krankenbett hinaussehe in die »mondbeglänzte Zaubernacht – die den Sinn gefangen hält.« Draußen stehn mächtige Kokospalmen mit felsblockartigen Stämmen; dem Pförtchen gegenüber eine Banane, deren schöne Riesenblätter der Nachtwind raschelnd durcheinanderwirft. Auf einem steinernen Tisch unter den Bäumen steht ein Thonkrug, wie eine etruskische Vase geformt, mit Trinkwasser. Die Portugiesin, der der Garten gehört, hat es für mich hingestellt. Auf einer Steinbank liegt vor der Hütte schlafend ein etwa zehnjähriger Negerknabe. Er muß gelegentlich für die Kranke einen Gang thun. Dann wecke ich ihn, und er springt dienstbereit auf die Beine, ohne sich einen Augenblick zu besinnen. Zu meinen Füßen liegt ein wackerer Rattenfänger, ein kluges, freundliches Tier. Iessy, so heißt er, schläft auch; aber wenn eine Ratte ihre Aufwartung macht, ist er schnell genug bei der Hand. Ich habe, auf dringendes Bitten meines Bruders, einen geladenen Revolver neben mir liegen, aber ich kann mich noch immer nicht mit dem Gedanken vertraut machen, zu einer derartigen Waffe meine Zuflucht nehmen zu müssen. Wir deutschen Frauen sind gewohnt, unsere Sicherheit gerade in unserer Waffenlosigkeit zu sehen.

Meine Kranke habe ich mit einem Palmenwedel gefächelt, bis sie eingeschlafen ist. Lange wird der ihr so nötige Schlummer, fürchte ich, nicht dauern. Mittlerweile habe ich beim sanften Schein des Nachtlämpchens mein Tagebuch vorgenommen, um durch Schreiben die Schläfrigkeit zu überwinden. Ein Kanonenschuß am Hafen verkündet eben die zehnte Stunde, (vier Uhr morgens.) Muskitos umschwärmen mich mit singendem Sausen und erregen durch ihre Hartnäckigkeit meinen grimmigen Zorn. Diese blutgierigen Ungeheuer nötigen mich beständig um mich zu schlagen, wobei ich gewöhnlich mich selbst, aber nicht die Muskitos treffe. Eben läuft ein grünes Eidechschen die weiße Wand entlang, und nicht weit davon bewegt eine Riesenspinne ihre dicken haarigen Beine, ein greulicher Anblick.

d. 8. Juli. Vormittag.

Herrlich war der Morgenhimmel vor uns nach Sonnenaufgang im Garten des Portugiesen. Ganz prächtig zeichneten sich die edlen Linien der Palmen von dem lichtgoldenen Hintergrund ab. Die Hähne krähten in den benachbarten Gehöften, da sprang der kleine Diener von seinem harten Lager auf, wusch sich an der nahen Cisterne und kehrte dann die Wege des Gartens. Dann machte er ein Holzfeuerchen auf dem Kochherd, der unter einem Schutzdach von Palmzweigen an der Hinterwand des Hauses im Freien angebracht ist. Bald kam auch die Portugiesin aus dem Vorderhaus und kochte Kaffee, der meiner Kranken ebenso gut schmeckte wie mir. Gegen sieben Uhr kamen zwei von den französischen Klosterschwestern und versicherten mir, trotz des momentanen verhältnißmäßigen Wohlbefindens der jungen Frau könne dieselbe an diesem ungesunden Aufenthaltsort das Fieber nicht loswerden. Sie wollten die Kranke daher gegen Mittag in das Hospital bringen lassen und sie dort bis auf weiteres verpflegen.

Um acht Uhr kam dann meine junge Gefährtin, Bertha, und löste mich ab.

Heute veranstalten die Indier ein glänzendes Fest zu Ehren der Königin von England bez. Kaiserin von Indien. Die ganze Stadt ist zur Illumination mit bunten Lämpchen versehen; man hat zahlreiche Triumphbögen und Transparente angebracht, eine Schiffsladung voll Feuerwerk von Bombay kommen lassen und die sonst so schmutzigen rumpelkammerartig zugerichteten Verkaufsstraßen gleichen heute Laubengängen aus Palmzweigen.

Ich sagte zu dem französischen Viceconsul und dessen Freund, die mit uns im Hotel essen, die Engländer zeigten sich heute wieder als loyale Nation, worauf die Franzosen antworteten: »Die haben eine Königin. Sie sollten einmal sehen, was wir thun würden, wenn wir eine Königin hätten!«

Ich mußte an Marie Antoinette denken. –