Übrigens habe ich ein starkes Verlangen nach Schlaf und werde den abendlichen Zauber Anderen überlassen.
Den 9. Juli.
Ich habe meinen Vorsatz doch nicht ausgeführt, mich vielmehr mit Bertha den Franzosen: Dr. Marseille und seiner Frau und den Herren vom Konsulat angeschlossen. Wir gingen am Sultanspalast vorüber zwischen der alten Festung und der Duane nach dem umzäunten Festplatz. Jetzt entstieg starker Kokosnuß-Ölgeruch den tausenden von brennenden Lämpchen. Eine große Menschenmenge umringte uns, die sich aber weit stiller verhielt, als daheim das brave Volk bei ähnlichen Gelegenheiten. Man belästigte uns nicht im Geringsten. Andere Europäer fanden sich bald mit uns zusammen. Am Meere stand eine große überdachte Festhalle. Dort hatte vormittags der englische Generalconsul Mr. Holmwood auf einem prächtigen goldenen Thronsessel sitzend, großen Empfang abgehalten und eine Festansprache geredet. An dem wie ein Triumph-Bogen hergerichteten Eingangs-Thor standen parsische und indische Comitee-Mitglieder, die der andrängenden Menge von Schwarzen den Eintritt verwehrten, Indier, Parsen, Goanesen und Europäer dagegen einließen. Die Europäer wurden als Ehrengäste ganz besonders höflich eingeladen, doch näher zu treten. Meiner bemächtigte sich ein vornehmer Parse, den eine rotblauweiße Schleife als zum Festcomitee gehörend bezeichnete. Er nötigte mich in die Halle nach einer Reihe von Stühlen, die den ersten Rang vorstellte. Dort wies er mir einen Sitz an neben drei Damen, die er mir mit Stolz als »parseen ladies« vorstellte, die hübscheste und jüngste als seine Frau. Diese Parsinnen sind klein. Ihr Anzug gleicht der indischen Nationaltracht, nur zeigt er einen besseren Geschmack. Meine Nachbarinnen trugen weiße reich mit weißem Schmelz benähte Unterkleider von Seidendamast mit in sehr bunter Seide kunstvoll gestickten Bordüren. Darüber shawlartige Überwürfe von schwerem gelben Seidenstoff, die den Hinterkopf bedeckten und die glänzend schwarzen Scheitel freiließen. Die hübsche Frau meines Führers begann in fließendem englisch Conversation zu machen. Sie habe mich neulich bei den Spielen auf der Mnasimodja gesehen, sagte sie, und den Wunsch gefaßt, meine Freundin zu sein. Deshalb habe ihr Mann mich hergebracht so bald sie mich am Eingang bemerkt habe. Sie sei jung verheiratet und erst seit wenig Wochen von Bombay herübergekommen, da fühle sie sich in Zanzibar noch recht einsam u. s. w. Zuletzt frug sie: are you english or french. Ich versicherte ihr mit Selbstgefühl, daß ich eine Deutsche sei, was sie einen Augenblick zu überraschen schien. Sie faßte sich aber sogleich und bemerkte: »O, wenn Sie eine Deutsche sind, dann sind Sie natürlich sehr musikalisch.« Also von dieser Seite kannte sie uns.
Mittlerweile hatte sich um uns her die ganze europäische Gesellschaft eingefunden, so daß man nach links und rechts und ringsumher Grüße und heitere Bemerkungen auszutauschen hatte. Auch die Consuln waren erschienen und zwar in Uniform. Mr. Holmwood hatte die Consuln und Herrn Dr. Peters zu einem feierlichen Diner bei sich gehabt. Als die glänzendste Erscheinung unter ihnen fiel der junge Herr O'Swald auf, der in der roten Uniform der kaiserlich österreichischen Konsuln mit dreieckigem Hut und stolzem weißen Federbusch an einen englischen General aus der Zeit des Herzogs von Wellington erinnerte und den Orientalen gewaltig imponierte. Vor uns am Strande des Meeres wurden nun Raketen und Mongolfieren steigen gelassen, und sprangen Frösche, Feuerräder etc.
Zum Schluß spielte die Goanesenkapelle des Sultans: Heil dir im Siegerkranz, bez. God save the queen. Man führte schließlich die Damen an ein Büffet und bot ihnen in Eis gekühlten Champagner, Thee und Confect. Es herrscht bei solchen Festen seitens der Festgeber unbeschränkte Gastfreundschaft.
Ich war schon recht ermüdet, als wir den Heimweg antraten in Gesellschaft unserer deutsch-ostafrikanischen Herren, und der Herren vom italienischen Consulat.
Unterwegs trafen wir die Damen der englischen Mission, die ebenfalls mit befreundeten Herren lustwandelten. Miß Smith rief uns zu, wir möchten ja nicht versäumen das Haus des Pira Dawtchee (Oberhof- und Küchenmeister Seiner Hoheit) zu besuchen, es sei der Mühe wert. Wir ließen uns wirklich verlocken den Engländerinnen dorthin zu folgen. Gruppenweise schlenderten wir durch die phantastisch erleuchteten Laubengänge, Palmblätter über uns, Palmblätter an beiden Seiten und Palmblätter unter den Füßen.
Der edle Pira ist im gewöhnlichen Leben neben seinem Hofamt Besitzer eines großen Eckladens mit offenen Bogenthüren nach zwei Gassen hin. Jetzt zeigte sich uns statt des Ladens ein glänzender Salon im indischen Geschmack. Der Fußboden mit kostbaren Teppichen ausgelegt, an den Wänden blumenumgebene Transparente, in der Mitte des Raumes als Prunkstück eine Drehorgel. Rings herum eine Reihe europäischer Rohrstühle. Wir folgten gleich Schafen immer mechanisch denen, die vor uns hergingen und kamen so in den Salon, wo wir zu unserer großen Belustigung halb Europa schon versammelt fanden. Da saßen sie ernst, mit heldenhaft verhaltenem Lächeln, die Herren vom deutschen, vom französischen, vom belgischen Consulat, die Kaufherren, die englischen Marine-Offiziere, und was von Damen vorhanden ist. Wir setzten uns mit Würde dazu. Sogar der vielbeanspruchte Mr. Holmwood beglückte den Pira durch seine Gegenwart. Letzterer, ein dicker und kolossaler Indier stand majestätisch in der Mitte seiner Besucher, angethan mit langem weißen Kaftan, kirschrotem Überkleid, welches vorn auseinander fällt und goldverbrämtem festen Turban. Grabesernst und im erhebenden Bewußtsein der ihm werdenden Auszeichnung überwachte er die Schwarzen, die den distinguirten Gästen Thee, Kaffee und feines Gebäck herumreichten.
Erst nach Mitternacht gelangten wir in unser Gasthaus zurück.