Das Essen hier im Hôtel läßt viel zu wünschen übrig. Wir stehen oft so hungrig vom Tisch auf, wie wir uns hingesetzt haben und würden diese Mängel noch mehr empfinden, wenn unsere Tischgenossen, die Franzosen, es nicht meisterhaft verständen, durch geistvolle und liebenswürdige Conversation ein kärgliches Mahl zu würzen.
Als wir heute um zwölf Uhr beim Frühstück saßen, ertönte draußen der dumpfe, langgezogene und heulende Ton eines Signalhorns. Die Herren fuhren von ihren Sitzen auf mit dem einstimmigen Freudenruf: »c'est la mail!« Die freudige Erregung, die sich sofort auf meine Bertha und mich fortpflanzte, bemächtigt sich bei diesem an sich greulichen Signalgeheul der ganzen europäischen Einwohnerschaft Zanzibars. Der Wächter auf dem Sultansturm hat die Signalflagge auf der entfernten Landzunge gesehen, die der guten Stadt meldet, daß der europäische Postdampfer in Sicht ist. Etwas später wird auf dem »Weihnachtsbaum« eine weiße Flagge mit drei schwarzen Kreuzen gehißt zum Zeichen, daß der entfernte Wächter in dem nahenden Dampfer wirklich das Postschiff erkannt hat. Es dauert dann noch beinah vier Stunden, bis die »mail« im Hafen eintrifft. Immer wieder bin ich in den Salon gegangen, der mit sechs Fenstern das Meer beherrscht, und habe erst durch das Opernglas, dann mit unbewaffneten Augen nach dem schwarzen Punkt am Horizont gesehen, der auch gar nicht größer werden wollte! Als dann endlich gegen vier Uhr der brave British-India-Dampfer sich bedächtig zwischen im Hafen liegende Schiffe schob und seinen Salutschuß abfeuerte, empfanden wir Beide ein so heftiges uns selbst unerklärliches Gefühl der Freude, daß uns die Thränen in die Augen traten. Das Schiff kommt eben aus der Heimat und war für uns der erste Gruß.
d. 14. Juli.
Da das Postschiff um vier Uhr erst gekommen, durften wir unsere Briefe nicht vor heute Morgen erwarten, was uns recht langweilig erschien. Dafür kamen gegen fünf Uhr die Herren Consul O'Swald und Baron Gravenreuth und forderten uns auf, mit ihnen eine Bootfahrt nach Mtoni, einem zerfallenen Sultansschloß, zu unternehmen. Wir waren mit Vergnügen bei der Partie, und bestiegen von der steinernen Sultanstreppe aus das mit der östreichischen Flagge geschmückte Boot des Consuls. Der Himmel war bedeckt, und es wehte ein leiser angenehmer Seewind. So glitt das Boot, welches mit vier schwarzen Ruderern bemannt war, an der Insel hin, zuweilen auf so seichtem Wasser, daß man meinte mit ausgestrecktem Arm den Meeresboden erreichen zu können. Diese flachen Stellen zeichnen sich als milchiggrüne Flecke von der metallfarbenen Wasserfläche ab.
Mtoni ist bekannt durch die Schilderungen der Frau Ruete, »Bibi Salime«, die dort ihre Kindheit unter den zahlreichen Frauen ihres Vaters und noch zahlreicheren Geschwistern verlebte. Jetzt freilich heißt es auch von diesem Palast:
| »seine Dächer sind zerfallen |
| und der Wind streicht durch die Hallen.« |
Die Ruine des wahrhaft fürstlichen Baus liegt etwa zwanzig Schritt vom Meeresufer entfernt in einer Wildnis von Grün. Ein alter Araber, der hier als Burgwart haust, schloß uns das Eingangspförtchen auf und ließ uns ein in das Labyrinth halbverfallener Gemächer, in deren Mauern Bäume Wurzel geschlagen haben und deren Wände die prächtigste Naturtapete aus blühenden Schlingpflanzen zeigen. Wir kletterten steinerne Treppen hinauf bis zu den höchsten Terrassen und hatten von dort in der Umrahmung eines erhaltenen Bogenfensters einen Blick auf die ferne Stadt, die mit ihren weißleuchtenden Häusern und Palästen auf weit in's Meer ragender Landspitze sich in scharfen Contouren von dem metallfarbenen Hintergrund abhob, ein wunderbares und ganz ideales Landschaftsbild.
Unter dem Dach fanden wir eine Menge umfangreicher Glaskruken in halb verwitterten Flaschenkörben steckend. Herr von Gravenreuth konnte nicht umhin zu bedauern nicht wenigstens einige derselben mit Münchener Hofbräu gefüllt zu sehen. Weil wir alle mehr oder minder durstig waren, pflückten wir von einem herrlichen mit Goldorangen überladenen Baumriesen, der im Hofe stand, einige der Früchte, aber einer nach dem anderen warf mit verzogenem Angesicht die lockenden Apfelsinen in's Gras. Sie waren verwildert und schmeckten bitter wie Chinin.
Zanzibar d. 15. Juli.
Ich war nachmittags im Usagara-Haus und habe mich dort länger als zwei Stunden aufgehalten, da es eine Menge Neuigkeit aus der Heimat zu berichten und Meinungen darüber auszutauschen gab. Auf den einen Tag nach Ankunft des Postschiffs häuft sich alles Interessante, was es für die im Herzen noch mit der Heimat zusammenhängenden Europäer in Zanzibar giebt, und dieser eine Tag erscheint nur einmal in vier Wochen. Dafür ist die gegenseitige Teilnahme eine so warme und natürliche, wie sie in Deutschland längst nicht mehr existiert.