Herr von Gravenreuth ist heute Morgen abgesegelt, um eine Besichtigung der Kinganistationen vorzunehmen. Es thut mir sehr leid, daß dieser tactvolle und stets hülfsbereite Freund uns nun auch verlassen hat. Mit ihm würde der Kaiser Mark Aurel zufrieden gewesen sein, denn nie hören seine Freunde das gebräuchliche: »ich habe keine Zeit.« Er selbst war gestern sehr vergnügt. Bei seiner Beweglichkeit und der Vorliebe für das Umherstreichen in Wald, Feld und Bergen, zieht er die Unbequemlichkeiten einer Daufahrt und den Fußmarsch durch die Rufu-Niederungen der Büreauarbeit weit vor. Ich habe ihm gestern noch seinen Korkhelm mit einem dichten und auch das Genick schützenden Schleier umnäht. Dabei saßen wir zwischen wahren Gebirgen von Zeitungsblättern. Ich finde es sehr beklagenswert, daß hier so oft die Notwendigkeit vorliegt, wertvolle Kräfte um irgend einer kleinen Sache willen Gefahren an Leben und Gesundheit auszusetzen. Herr Dr. Peters meinte freilich, das sei ebenso unvermeidlich als natürlich und selbstverständlich, aber er ermahnte doch in meiner Gegenwart den Baron aufs ernstlichste, keine der gebotenen Vorsichtsmaßregeln außer acht zu lassen. »Wir können Sie vorläufig nicht entbehren,« sagte er in seiner verbindlichen Weise.
d. 17. Juli.
Jetzt machen sich hier die Portugiesen breit. Ein Kriegsschiff liegt im Hafen; mit der letzten Post von Süden ist ein außerordentlicher Bevollmächtigter hier eingetroffen und in unserem Hotel logiert ein portugiesischer Afrikadurchquerer, Mr. Capello, mit einem sehr liebenswürdigen Begleiter italienischer Abstammung. Jeden Abend, wenn wir beim Essen sitzen, stürmt es mit großem Gepolter die Treppe hinauf. Das sind der Viconte de Castilho und der Kommandant des Kriegsschiffs, die ihre Landsmänner besuchen. Diese Portugiesen zeichnen sich gesellschaftlich durch ein sehr ungezwungenes Wesen und Beweglichkeit aus. Ihre Redeweise übertrifft an Verbindlichkeit noch die der Franzosen. Die Unterhaltung ist immer allgemein, so lange ich anwesend bin wenigstens, und wird in französischer Sprache geführt.
Heute, am Sonntag, habe ich dem Gottesdienst in der katholischen Kapelle beigewohnt. Die Stille in dem halbdunklen bis auf den letzten Platz gefüllten Raum, der Chorgesang und das sanfte Spiel einer nicht sichtbaren Orgel wirkten wohlthuend und stimmten zur Andacht. Chorsänger und Chorknaben waren schwarze Missionszöglinge.
Nach der Kirche besuchte ich die kranke Östreicherin im Hospital und da ich grade ihren portugiesischen Arzt, den Dr. Augusto Bras de Souza fand, der als Goanese nur englisch spricht, konnte ich Dragomansdienste thun. Was die Kranke deutsch sagte, wiederholte ich dem Doktor englisch und übersetzte dessen englische Vorschriftsmaßregeln der Klosterschwester ins französische.
Herr von St. Paul rüstet eine größere Expedition in die entlegensten Teile des deutschen Gebietes aus.
d. 18. Juli.
Wir haben einen Diener gemietet, Theodor mit Namen. Er ist ehemaliger englischer Missionszögling und Christ, daneben aber Soldat des Sultans und als solcher muß er jeden Morgen Dienst thun, d. h. im Laufschritt unter heulendem Gesang die Straßen durchziehn, oder gar auf der Wiese an der Mnasimodja Übungen machen. Nachdem der Staatsdienst absolviert, hält er sich aber bis acht oder halb neun Uhr abends zu unserer Verfügung. Wir haben ihm zunächst ein menschenwürdiges Kostüm gekauft, nämlich ein Negerhemd, eine weiße Mütze und einen Stock. Nun können wir, ohne auf die besondere Gefälligkeit der befreundeten Herren angewiesen zu sein, auch nach Sonnenuntergang spazieren gehen. Diese Abendgänge gewähren den größten Genuß. Auf dem Sultansplatz findet nach Sonnenuntergang kleine Truppenrevue statt, mit Musikübungen, beides, vokal und instrumental. Sejid Bargash bin Said steht umringt von vornehmen Greisen auf der Veranda seines Palastes und sieht sich die Sache an. Wir gehen an dem aus der Portugiesenzeit stammenden Festungsbau vorüber, mit seinem rundbogenförmigen Zinnenkranz. Von einem der massiven Türme erschallt der langgezogene, melodische Ruf des Postens und der gleiche Ruf antwortet schwermütig ausklingend in der Entfernung. Hier führt uns die Hauptstraße durch das Konsulatviertel nach der Mnasimodja. Im Hintergrund eines mit Trümmern und blühendem Strauchwerk bedeckten Rasenplatzes erhebt sich ein klosterähnlicher langer Steinbau, an dessen hell erleuchteten Bogenfenstern wir Gestalten in wallenden weißen Gewändern vorüberhuschen sehen. Man könnte meinen, es seien Mönche. Das Haus ist aber ein von dem englischen Fleischermeister gehaltenes Restaurant und die weißen Mönche sind die Kellner in ihren Negerhemden. Der Romantik des Bildes thut diese Wahrheit keinen Abbruch.
Weiterhin unter einem kleinen Vordach von Kokosblättern sitzt auf steinerner Bank ein Schwarzer und spielt auf seiner Kürbismandoline eine sanfte, eintönige Melodie. Dazu singt er. Kein Zuhörer ist zu entdecken. Als ein echter Künstler übt er seine Kunst um ihrer selbst willen aus.