Heute sah der Hôteldiener Amadi, der mir sehr zugethan ist, auf meinem Tisch das Bild des Fürsten Bismarck stehen. Er betrachtete es aufmerksam, zeigte mit dem Finger darauf und fragte: »Das ist wohl Euer Sultan?« Das Bild steht zwischen verschiedenen anderen Porträts. Amadi muß es entweder schon gekannt haben oder sein natürlicher Scharfblick hat ihn darauf gebracht in Haltung und Zügen des Fürsten den großen Mann zu vermuten. Ich sagte ihm: »unser Sultan ist es nicht, aber ein sehr großer Herr.« Da schlug sich Amadi als Zeichen verständnisinniger Ehrerbietung auf die Brust und meinte: »ich weiß schon! alle Eure großen Häuser, O'Swald und Hansing und Meyer stehen unter ihm!« Ich sagte: »jawohl«. – Mit diesem Schwarzen unterhalte ich mich in einem greulichen Durcheinander von Suaheli und englisch, aber wir können uns doch verständigen.

d. 21. Juli.

Gestern ließ mir Herr Dr. Peters sagen, wenn ich mir die Quartiere in Dar-es-Salaam anzusehen wünsche, so sollte ich mich bis zu heute Abend reisefertig machen. Die günstige Reisegelegenheit, die ich erwartete, hat sich gefunden. Der Sultan hat zu einer Besichtigung des Vertragshafens Dar-es-Salaam seinen Dampfer Barawa zur Verfügung gestellt und den Herren Consul O'Swald und Dr. Peters sagen lassen, sie möchten auf keinen Fall Mundvorrat an Bord nehmen, für die Bewirtung werde er allein sorgen. In Zanzibar, wo jeder dem Nachbar aufpaßt und dessen Angelegenheiten mit allen Einzelheiten erfährt, machen diese noch nie dagewesenen Erfolge der Deutschen großes Aufsehen. Ich bin zufälliger Weise in der angenehmen Lage, die Spitzen des hier vertretenen Europa's d. h. die Herren vom englischen, französischen, italienischen und portugiesischen Consulat darüber zu hören. Wenn diese Herren das Gespräch auf das flotte Vorgehen der Deutschen bringen, stelle ich mich ebenso unwissend als gleichgültig. Darüber höre ich manche mich interessierende Äußerung ihrerseits.

Miß Smith und Frau Wendt (die Frau eines deutschen Sultanskapitäns) haben für unsere gemeinschaftliche Schutzbefohlene, die Östreicherin, ein Quartier gefunden, welches allerdings in einer Handelsgasse einer Matrosenkneipe gegenüber liegt, aber mehr Räumlichkeiten hat und weniger ungesund ist, als das malerische Gartenhäuschen der Portugiesen. Die junge Frau, die sich im französischen Hospital rasch erholt hatte, ist dorthin übergesiedelt, aber sofort wieder erkrankt. Die Ärmste, deren Mittel ebenso gering sind wie ihre Körperkräfte, kann sich nicht die notwendige Bedienung schaffen und überanstrengt sich, sowie sie sich selbst überlassen wird. Ihre Lage ist in der That eine sehr schwierige, da sie, unfähig das Bett zu verlassen, gänzlicher Hülflosigkeit preisgegeben ist, so lange wir nicht nach ihr sehen. Ich habe darum heute meine Bertha, die bei aller jugendlichen Lebhaftigkeit eine geübte und gewissenhafte Krankenpflegerin ist, bei der jungen Frau einquartiert. Die Bettwäsche, die wir hier genäht haben, sowie einen Korb Rotwein haben wir heute hinüberbefördert. Bertha ist mit Geldmitteln und genauen Instructionen versehen; zudem haben Miß Smith und Frau Wendt versprochen, sie gegen Abend täglich auf eine Stunde abzulösen; dann soll sie unter dem Schutz des Dieners Theodor, der sich nach wie vor zu ihrer Verfügung halten muß, spazieren gehn. So ist die arme Kranke vorläufig in guten Händen.

d. 25. Juli.

Am Abend des 21. Juli begaben wir uns in dem für uns bereitstehenden Sultansboot nach der Barawa, wo wir die Nacht im Hafen liegend zubringen mußten. Ich wurde in die Sultanskabine einquartiert, die etwas geräumiger ist, als die anderen, ein rotes Plüsch-Sopha enthält, und an den weißgestrichenen Wänden Goldverzierungen im Muschelgeschmack der Rokokozeit mit roten Fähnchen in den Medaillons. Indessen trieben Kockerutschen und Spinnen auch in diesem Prunkgemach ihr Wesen.

Um halb fünf Uhr am Sonnabend Morgen begann die Schraube zu tosen und wir dampften von hinnen. Es befanden sich neun Deutsche an Bord, nämlich außer dem Kapitän und dem Ingenieur: Herr Dr. Peters, Herr Consul O'Swald, Herr Missionar Greiner, Herr Friedrich Schroeder von der Plantagengesellschaft, Herr Flemming, Schwester Rentsch und ich. Herr Missionar Greiner war nach Zanzibar gekommen, um die ihm von seiner Missionsgesellschaft zugeschickte Krankenpflegerin abzuholen. Da der Südwestmonsum noch immer bläst und zwar grade aus der Richtung, der wir entgegenfuhren, konnte ich bei meiner allzu wenig seetüchtigen Constitution die Annehmlichkeiten der Seekrankheit einmal wieder durchkosten. Ein schwacher Trost war es, daß Herr Schroeder sich wenigstens unbehaglich fühlte. Alle anderen erfreuten sich eines gediegenen Wohlbefindens.

Um drei Uhr nachmittags rief man mich energisch an Deck. Ich wankte hinauf und sah, daß wir in den schönen Hafen von Dar-es-Salaam einfuhren. Die Fahrt hatte also bei ungünstigem Wind zehn und eine halbe Stunde gedauert.

Sobald wir festlagen, stieß ein Boot vom Lande ab, in dessen europäischen Insassen wir bald den Chef der Station, Herrn Leue, unter einem vertrauenerweckenden Sonnenschirm, und am Steuer meinen Bruder erkannten. An der Schiffstreppe stehend, begrüßten wir die Freunde aufs herzlichste. Ich frug meinen Bruder, wie man denn in Dar-es-Salaam schon von unserem Besuch wisse? und erhielt die stehende Antwort: »der Telegraph in Afrika arbeitet rascher, als der in Europa.« – Es ist mir in der That ganz unbegreiflich, mit welcher Geschwindigkeit sich ohne Post- und Eisenbahnverkehr die Nachrichten hier verbreiten. Wenn in Usungula ein paar der dort arbeitenden Menschenfresser dem Stationschef entlaufen, erzählt man sich das in Zanzibar auf den Straßen, lange ehe die pünktlich abgesandte schriftliche Meldung eintrifft.

Unsere Gesellschaft teilte sich schon an der Landungsstelle. Während die Herren Leue, Schroeder und Flemming Herrn Dr. Peters auf dessen Rundgang mit Mohamed bin Salim und dem Wali begleiteten, unternahm Herr O'Swald eine einsame Kunstreise mit seinem photographischen Apparat. Herr Greiner dagegen begab sich mit Schwester Rentsch zu den seiner harrenden Damen und mich führte mein Bruder nach dem malerischen Zeltlager, in dem er mit den Herren der Eisenbahnexpedition Quartier genommen hatte. Die Herren hatten sich in den von üppigem Grün umgebenen Zelten wirklich sehr behaglich eingerichtet und waren ganz erbaut von ihren Wohnungen. Herr Regierungsbaumeister Wolf trat uns in heiterer Stimmung entgegen, umringt von Hunden und Affen. Seine vielen wissenschaftlichen Instrumente und Bücher lagen teils auf den improvisierten Tischen, teils auf der Erde und verliehen dem Bilde das Ansehen eines Generalstabszeltes. Aber in einem anderen Zelt lag Herr von Hake an einem schweren Fieber danieder. Albrecht führte mich zu ihm. Das Bett stand auf der notdürftig festgestampften Erde und der Kranke lag angekleidet darauf mit glühendem Gesicht und phantasierte. Er erkannte mich zwar, als ich ihn begrüßte, doch mußte ich zu meinem Leidwesen bemerken, daß meine Anwesenheit nicht wohlthätig wirkte. Herr von Hake schien das dumpfe Gefühl zu haben, als müsse er höfliche Conversation machen und seine Anstrengungen, die hergebrachten Redensarten herauszubringen, thaten mir in der Seele weh! Ich bat ihn, den jedenfalls ungesunden Aufenthalt im Zelt zu verlassen und im Haus der Stationsbeamten Unterkunft zu suchen, aber er wehrte fast ängstlich ab und wollte nichts davon hören. Da er in seiner gezwungenen Haltung verharrte, verließ ich ihn, um nicht bei allem guten Willen Schaden anzurichten. Herr Dr. Peters hat übrigens eine Stunde später die ihm eigene ungewöhnliche Gabe, den Willen Anderer zu bestimmen, mit Erfolg angewandt. Während Herr Leue, Missionar Greiner und andere Herren ebenso wie ich vergeblich versucht hatten, den Fieberkranken zu einem Ortswechsel zu bewegen, zeigte sich der Patient Dr. Peters gegenüber plötzlich gefügig und ließ sich von diesem ohne Widerstreben nach der Beamtenwohnung führen.