Nach dieser Wohnung, die aus mehreren sehr primitiven Indierhäusern zusammengesetzt ist, war ich indessen auch mit meinem Bruder gegangen. Hier lag bereits ein anderer Fieberkranker. Geordnete Pflege wäre hier, wo jetzt fortwährend schwere Fälle vorkommen, sehr wünschenswert; an bewohnbaren Räumlichkeiten mangelt es aber vor der Hand gänzlich. In nächster Zeit soll die Zahl der hier stationierten Beamten reduziert werden, auch steht die Abreise der zur Eisenbahnexpedition gehörenden Herren täglich bevor. Dann wird sich wohl für eine Pflegerin und ein gutes Krankenzimmer Platz finden. Einstweilen muß sogar Schwester Rentsch auf Wohnung in Dar-es-Salaam Verzicht leisten, da auch in der Missionswohnung kein Platz ist.

Im übrigen haben sich die jetzigen Bewohner des Hauses ganz idyllisch eingerichtet. Den Mangel an Zimmern ersetzt eine breite, längs des Hauses hinlaufende Veranda, die durch Herrn Leue überdacht worden ist. Diese, in verschiedene Departements geteilt, dient zum allgemeinen Aufenthaltsort während des Tages. Dort fand ich die Nichte des Missionars, eine kräftige blonde Schweizerin, mit dem Rösten von Kaffeebohnen beschäftigt. Ich erkundigte mich nach ihrer Daufahrt und erhielt die Antwort: »Ich hab' zwar oftmals Heimweh, aber auf eine Dau geh ich niemals wieder. Da bleib ich schon lieber mein ganzes Leben in Dar-es-Salaam

Herr Fröhlich, ein bleicher Fieberreconvalescent, saß auch auf der Veranda und spielte auf der Cither Tyroler Volkslieder.

Als es abendlich kühl wurde, führte mich mein Bruder in den Garten und auf das Feld. Wir gingen an Ananaspflanzungen vorüber, sahen Tomaten als Unkraut wuchern, ebenso wie Rhicinus und kamen sogar an ein kleines Reisfeld. Mein Bruder nannte mir die Namen der bemerkenswerten Pflanzen und belehrte mich über ihren Bau. Ich habe aber die Lection schon wieder vergessen.

Herr Consul O'Swald hatte mittlerweile mehrere Aufnahmen gemacht, auch von einem Teil des Zeltlagers mit der eigenartig gestalteten Ruine eines arabischen Steinhauses im Hintergrund, und meinen Bruder sowie den Regierungsbaumeister Wolf inmitten ihrer Gerätschaften als Staffage. Das ist ein hübsches Bild geworden.

Die untergehende Sonne sah uns Alle wieder an Bord der Barawa, wo wir bei unserem zwiebelgewürzten Abendessen die Gläser klingen ließen auf das Wachstum Deutschlands in Afrika.

Am Morgen des 23. ging es Herrn von Hake zum Glück besser, was jedenfalls seinem Umzug ins Haus und der Sorgfalt der Schwester Rentsch zu danken ist. Am vorigen Abend glaubte niemand, daß er aufkommen würde. Das Thermometer zeigte am 23. neun Uhr morgens nur 16° C., so daß ich fror, als ich in leichtem Anzug an Deck kam. Herr Dr. Peters war schon bei Tagesanbruch an Land gefahren, um geschäftliche Anordnungen zu treffen. Wir Anderen saßen unterdessen sehr gemütlich auf dem Promenadendeck und tranken in Gesellschaft des edlen Mohamed bin Salim unseren Thee.

Herr Dr. Peters behauptet, die Gegenwart von Damen sei den Muhamedanern eine Widerwärtigkeit. Hierin irrt er sich aber. Bei aller Frömmigkeit wissen die Herren Araber die Gesellschaft von Europäerinnen recht wohl zu schätzen. Mohamed bin Salim ließ das Licht seiner Liebenswürdigkeit über uns leuchten. Er fand wahrscheinlich, daß unsere gerösteten Weißbrodschnitte, mit Büchsenbutter bestrichen, zu geringe Kost für seine Ehrengäste seien, denn er winkte uns verheißungsvoll zu, ein wenig zu warten und ließ aus seinem Privatmundvorrat einen Teller voll runder Zwiebacke holen. Natürlich that ich, als seien diese ein seltener Leckerbissen, und da er mit vornehm wohlwollender Handbewegung immer wieder einlud zuzulangen, leistete ich wahrhaft achtungswertes im Zwiebackessen.

Im übrigen verging dieser Tag entsprechend dem vorherigen. Herr Dr. Peters verhandelte mit den Arabern um den einzigen der aus Said Madjid's Zeit stammenden Paläste, der sich als noch bewohnbar erwies, um den Stationsbeamten bessere Wohnungsverhältnisse zu schaffen. Die Herren Schroeder und Flemming fuhren den Hafen hinauf, um an der seichten Flußmündung Nilpferden nachzustellen. Ich unternahm mit meinem Bruder eine Bootfahrt, bei welcher wir mit einer Dau in Collision gerieten und beinah verunglückten.

Unterdessen waren die schwarzen Unterthanen des Sultans (alles Sclaven,) Tag und Nacht damit beschäftigt, die Barawa mit Kokosnüssen zu befrachten. Dreißig bis vierzig Frauen trugen diese Früchte nach der nahe dem Ufer liegenden Dau, wobei sie bis an die Schultern, die Kleineren bis an den Hals im Wasser waten mußten. Ihre Lasten tragen diese Weiber immer auf dem Kopf, was ihnen durchweg eine Haltung giebt, um die sie manche hübsche Europäerin beneiden könnte. War eine Dau mit Nüssen angefüllt, so segelte sie nach der Barawa und hier waren zahlreiche Jünglinge, schwarz, braun und gelb von Farbe, beschäftigt, die Früchte in den geöffneten Warenraum des Schiffes hinabzuwerfen. Dabei zählten sie teils arabisch teils Suaheli singend bis fünfzig, bei jeder Zahl je zwei Nüsse werfend. Bei fünfzig angekommen, wurde ein Knoten in einen langen Strick gemacht. Soviel Knoten dann das Seil zeigte, so viel Hunderte von Kokosnüssen waren verladen worden. Dieser gewaltige Vorrat ist für ein Pilgerschiff bestimmt, welches der fromme Bargash ben Said zur Fahrt nach Mecca ausrüstet.