Hoffentlich komme ich endlich nach Dar-es-Salaam! Ich glaube, daß sich durch Vorbeugungsmittel und vernünftige Vorsichtsmaßregeln viel Unheil verhüten läßt. Das ist wieder einmal ein schwerer Verlust und wir haben das Vorwärtsschreiten so nötig! –
Lindi, an Bord der Barawa.
d. 19. August 1887.
In den ersten Tagen dieses Monats schon erfuhren wir, daß die Möwe bei ihrer, Mitte August anzutretenden Reise Dar-es-Salaam nicht berühren würde. Dagegen hatte Seine Hoheit der Sultan seinen Dampfer Barawa Herrn Dr. Peters abermals zur Verfügung gestellt und zwar zu einer Besichtigungsfahrt nach den von ihm und Dr. Peters ins Auge gefaßten zukünftigen Vertragshäfen, von Zanzibar südwärts bis zum Rowuma und Cap Delgado. Ich war froh, als Herr Dr. Peters sich bereit erklärte, uns mitsamt unseren Sachen mitzunehmen, um uns auf der Heimreise in Dar-es-Salaam abzusetzen. Es interessierte mich sehr, die für die Zukunft unserer Kolonie gewiß in erster Linie wichtigen und auch für meine besondere Aufgabe in Frage kommenden Hafenorte kennen zu lernen. Daneben durfte ich von der Ozonluft auf offener See für meine Gefährtin Bertha eine sehr wünschenswerte Auffrischung ihrer Lebensgeister erwarten. Wir konnten mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, bis zu unserem auf Tag und Stunde voraus bestimmten Eintreffen in Dar-es-Salaam Quartier für uns bereit zu finden.
Am Abend des 5. August begaben wir uns begleitet von Baron Gravenreuth und Herrn Schröder beim Glanz der Sterne nach der Barawa, die am 6. in aller Frühe abdampfen sollte. Bei unserem ansehnlichen Gepäck befand sich auch unser Äffchen Hassan, ein langgeschwänzter Nachtaffe Mukki, den ich von Herrn O'Swald zum Geschenk erhalten, und ein meiner Bertha gehörendes junges Hündchen, namens August. Auf der Barawa fanden wir den goanesischen Küchenmeister Seiner Hoheit, mit seinem ganzen Rüstzeug an Eßvorrat, Silber, Porzellan und braunschwarzen Goa-Kellnern unserer harrend. Außer uns Deutschen war der Statthalter (Wali) von Kiloa mit drei Frauen und zwei Sklavinnen an Bord.
Nach etwa sechsunddreißigstündiger ununterbrochener Fahrt, während welcher der weibliche Teil der Passagiere, Deutsche, Araberinnen und Suahelidamen unterschiedslos an heftiger Seekrankheit festlag, fuhr die Barawa in Kiloa Kisuindji ein. Der Wali von Kiloa, ein auffallend großer Araber mit schönen Zügen und langem, braunen, in zwei Zipfeln bis auf den Gürtel herabhängenden Bart, hatte während dieser Fahrt nicht nur sehr eifrig für seine in die, der unseren gegenüber befindlichen Kabine gepferchten Frauen gesorgt, sondern er bot auch mir und Bertha, sobald wir uns sehen ließen, Orangen und Konfekt an und versäumte keine Gelegenheit sich teilnehmend nach meinem Befinden zu erkundigen. Auch seine Hauptfrau, die Araberin, rief uns »jambo Bibi, jambo!« zu und wagte sogar einen Moment in der offenen Thür meiner Kabine zu erscheinen, um mich zu begrüßen. Bertha, die sich eher als ich erholte, stattete dafür den Nachbarinnen einen Besuch ab.
In Kiloa Kisuindje hatte der Wali sein, Reiseziel erreicht und fuhr mit unseren Herren, die er im Auftrag des Sultans geleiten mußte, ans Land.
Herr Dr. Peters war begleitet von den Herren Flemming und Baron St. Paul. Auch hatte sich ihnen Herr Dr. Kling, ein junger deutscher Gelehrter, der aus dem uneigennützigsten Interesse für die Entwickelung unserer Kolonie hier einen Aufenthalt macht, angeschlossen. Herr von St. Paul hat die zwei Jahre seines Hierseins ausgenützt, um die Suahelisprache gründlich zu studieren. Er gehört zu den wenigen Europäern, die dieses weichklingende und an Formen reiche Idiom nicht nur verständlich, sondern auch grammatikalisch richtig sprechen, »ein klassisches Suaheli,« wie Herr Dr. Peters sich ausdrückt. Baron von St. Paul macht bei wichtigen Auseinandersetzungen den Dolmetscher bis auf die Fälle, wo zum äußersten Erstaunen der Bevölkerung Herr Flemming für ihn eintritt. Letzterer hat sich zwanzig Jahre lang in Indien mit Baumwolle beschäftigt, und ist in Folge dessen des Hindostanischen mächtig. Da nun an dieser Küste der Handel in den Händen der Indier und Banjanen ist, so kann es sich unter Umständen als sehr günstig erweisen, die Sprache dieser Erzschwindler zu kennen.
Während die Herren am Lande hohe Politik trieben, wurden an Bord der Barawa in umständlicher Weise die Frauen des Wali sammt ihren geschmückten Sclavinnen auf eine Dau gebracht, um ans Land zu segeln. Den besten Platz auf der Dau erhielt die Araberin, die mit ihrer Maske in feine schwarze Schleier gehüllt zart und vornehm aussah. Sie nickte mir im Fortfahren immer wieder freundlich zu. Sehr verschieden von ihr waren die beiden reichgekleideten aber unmaskierten Suahelifrauen. Den schwarzen Schönen geht es wie unseren Landmädchen. Sie sehen am besten aus in ihrer Volkstracht, bestehend aus einem oft in malerische Falten drapierten bunten Tuch, das dicht unter den Schultern befestigt, Hals und Arme freiläßt, während es den Körper eng umschließt und bis auf die Knöchel herabfällt. Ein trauriges Verdienst haben sich dabei freilich die Engländer erworben, indem sie als speculative Kaufleute, um dem ungebildeten Geschmack der Negerinnen möglichst entgegenzukommen, die denkbar geschmacklosesten, haarsträubend häßlichen Muster für deren Kleiderstoffe eingeführt haben. Sind die Suahelifrauen dagegen europäisch gekleidet, oder wie die Weiber des Wali von Kiloa in arabischem Putz, so sind sie meist ein lächerlicher Anblick.
Da Wind und Strömung dem Landen ungünstig waren, verzichtete ich auf Herrn Elson's, des Kapitäns, Rat darauf, die Barawa zu verlassen. Am Morgen des zehnten August dampften wir weiter, und fuhren schon gegen Mittag in die reizende Bucht von Kiloa Kisuani. Baron St. Paul, Dr. Kling und ich versuchten vom Schiffe aus die Küste, deren waldige Ufer sich rechts und links wie Kulissen voreinander schoben, zu scizzieren; aber da der Wind unser Schiff an der Ankerkette in fortwährender Drehung erhielt, unser Modell sich also beständig verschob, wollte das Zeichnen nicht recht gelingen. Daß der Mitwelt dadurch ein bedeutender Verlust geworden, glaube ich nicht, unbeschadet der Achtung, die ich vor den Talenten meiner verehrten Reisegefährten habe, denn unmöglich kann die beste Bleistiftzeichnung eine Landschaft wiedergeben, deren Zauber fast ausschließlich in Farbe und Licht besteht. Das Meer im Vordergrunde, kleine Inselchen mit blendend grünem Mangrovedickicht bewachsen, waldige Landzungen, ferne Berge und darüber der reine Himmel, alles blau in blau harmonisch abgestimmt, vor uns im Sonnenglanz blitzend die beständige Bewegung des ruhelosen Wassers, das war ein ebenso eigenartiges als entzückendes Landschaftsbild. Herr Dr. Peters hatte sich, sowie wir vor Anker lagen mit Herrn Flemming an Land begeben, um das Terrain dort auf seine Brauchbarkeit für Tabacks- und Baumwollenplantagen zu prüfen. Wir Anderen fuhren erst später an Land, um uns umzusehen. Wir landeten an einer halbzerfallenen Burgfeste aus der Portugiesenzeit, die mit ihren Türmen und Thoren ganz mittelalterlich auf einem Felsen am Meere steht. Während wir die malerische Ruine von allen Seiten betrachteten, photographierten und scizzierten, versammelten sich die Dorfbewohner um uns, und ich fand mich plötzlich ganz umringt von den Mädchen des Ortes. Ich hatte eine gelbe Blume abgepflückt. Die jungen Mädchen, die sich ersichtlich bewogen fühlten die Honeurs ihrer Küste zu machen, bedeuteten mir durch Worte und Zeichen, ich möchte die Blume fortwerfen. Dieselbe sei nichts wert, denn sie habe keinen Duft. Sie gaben mir dafür einige süßduftende aber stiellose Jasminblüten.
Während wir uns noch lebhaft unterhielten, traten aus einem geschlängelten, in Gesträuch versteckten Seitenpfad Herr Dr. Peters und Herr Flemming, gefolgt von schwarzen Jünglingen und Knaben, die in Körben oder auf den Köpfen Proben von Gestein und Erde trugen. Nachdem wir uns lachend begrüßt, gingen wir jedoch wieder in verschiedenen Richtungen auseinander. Während Herr Dr. Peters und Herr Flemming mit ihren Gefolgen ihren Rundgang im Geschwindschritt fortsetzten, durchschritten wir Anderen, nämlich Herr Kapitän Elson, Herr Dr. Kling, Baron v. St. Paul, meine Gefährtin und ich das Negerdorf. Dabei gaben uns die gesamten schwarzen Jungfrauen, sowie eine Menge Knaben und kleiner Mädchen das Geleite. Ein junges Mädchen hatte sich mir besonders angeschlossen und wich mir von Anfang an nicht von der Seite. Wir sahen wilde Baumwollstauden und Bananen, vor allem aber freute uns der Viehreichtum. Auf einer schlammbedeckten Niederung am Meere, die zur Regenzeit jedenfalls unter Wasser steht, weidete eine große Rinderherde. Auf den Ruinen kletterten Ziegen wie Gemsen zwischen Felsblöcken und Trümmern und in den bambusumzäunten Höfen trieben Büffelkälber und Schafe ihr Wesen, nicht zu vergessen des Federviehs.