Überaus befriedigt von unseren Entdeckungen kehrten wir nach Sonnenuntergang auf unsere Barawa zurück, wohin auch eine halbe Stunde später die unermüdlichen Herren Dr. Peters und Flemming gerudert kamen. Man hatte »rote Erde mit Humus vermischt auf Kalk lagernd« vorgefunden, der Mtama und Baumwolle trug.

Am folgenden Morgen in aller Frühe segelten Herr Dr. Peters und Herr Flemming in die kanalartigen Arme eines in den Hafen von Kiloa Kisuani (= Kiloa auf der Insel) mündenden Flusses, um das Bergland nach Norden zu besichtigen. Auch hofften sie dabei Nilpferde zu erlegen.

Uns ging es indessen wie gestern. Schon am Strande begrüßte uns die Schar der Mädchen und Frauen, die heute noch vollzähliger erschienen waren. Meine besondere Freundin, sie nannte mir als ihren Namen »Mawua«, entfernte sich eilends und kam zurück mit einem an Zwirn aufgenähten dichten Kranz von Jasminblüten, den sie mir mit einem wirklich reizenden Lächeln einhändigte. Das Mädchen interessierte mich und gefiel mir. Sie schien im Dorfe eine Rolle zu spielen, grade wie man es überall findet, wo ein hervorragend selbstbewußtes und eigenartiges Individuum auftritt. Mawua hatte etwas Überlegenes, im Verkehr mit den Männern geradezu Stolzes an sich. Dabei war sie, obwohl sie mir auch heute beharrlich zur Seite blieb, weder zudringlich noch geräuschvoll. Sie bewachte meine Bewegungen mit der Aufmerksamkeit eines klugen Hundes und gab sich sichtlich große Mühe mein gebrochenes Suaheli zu verstehen. Übrigens ist dies der einzige Fall, in dem mir wirkliche Intelligenz bei einer Negerin in diesem Landstrich bis jetzt vorgekommen ist.

In dem grünüberwucherten Burghof einer riesigen portugiesischen Schloßruine lagerten wir uns um den Rand einer Cisterne. Baron St. Pauls Diener, Mbaruku, dessen stolze Livree in einem zerrissenen Winterüberzieher seines Herrn besteht, hatte Mundvorräte mitgebracht und wir ließen uns das Frühstück schmecken. Die Schwarzen, die uns in immer größer werdenden Haufen umstanden und stillvergnügt zusahen, erhielten die leeren Bierflaschen zum Geschenk. Meiner liebenswürdigen Freundin versprach ich aber ein »sawadi nsuri« (schönes Geschenk), und brachte ihr, als wir uns Nachmittags wieder ans Land begaben, einen mir aus Berlin geschickten Fächer mit, der eine komplizierte Mechanik zum Auseinanderklappen und lange rosa Atlasschleifen hatte. Die schwarze Dame nahm nach Art ihres Volkes diesen in Kiloa noch nie dagewesenen Gegenstand mit feierlichem Ernst entgegen und blieb, während die Gefährtinnen sie neugierig umringten, den ganzen Nachmittag in ernst gehobener Stimmung.

Während ich in den gestrüppüberwucherten Hallen einer uralten Moschee zeichnete, von andächtigen Zuschauern, die übrigens von der wackeren Mawua stets in einer gemessenen Entfernung gehalten wurden, umstanden, ging Bertha mit der gleichfalls intelligenten Schwester der Mawua nach der Lagune und ließ dort eine der Büffelkühe melken. Triumphierend brachte sie dann die frische, fette Milch in einer Porzellanschale. Das schmeckte einmal! Lange hatte uns kein Trunk gemundet wie dieser.

Später als gestern begaben wir uns auf das Schiff zurück. Es dunkelte bereits und die Sterne flammten auf, aber von dem Segel unserer Kibokojäger ließ sich nichts sehen. Statt wie sonst um sieben Uhr zu dinieren, setzten wir uns in den kleinen Schiffssalon, und einer unserer Schwarzen hockte auf dem Fußboden vor uns und drehte unausgesetzt den mitgenommenen schadhaften Leierkasten, während Herr von St. Paul erbauliche Betrachtungen über das Gemütsleben einiger über unseren Häuptern balancierenden Kockerutschen anstellte. Es wurde darüber acht und halb neun. Wir mußten in Rücksicht auf unseren gediegenen Hunger das Warten aufgegeben und begaben uns schließlich, um unsere Touristen ernstlich besorgt, zur Ruhe. Gegen zwei Uhr Nachts jedoch wurden wir durch die kräftige Stimme des Herrn Dr. Peters aus dem Schlaf gerüttelt. Er war dabei, den verschlafenen Goanesen Anordnungen in Betreff eines Nachtessens zu erteilen. Beruhigt und froh versammelten wir uns noch einmal in dem Eßzimmer und nahmen den Bericht der Herumstreicher entgegen. Die Herren waren erschöpft und hungrig. Dr. Peters hatte seit zwölf Stunden ununterbrochen das Steuer in der Hand gehabt, aber das Segeln und Kreuzen in den mangroveumstandenen, sumpfigen Flußarmen war äußerst beschwerlich gewesen.

Am frühen Morgen dampften wir weiter. Ich bin leider immer krank so lange wir fahren und verlasse meine Koje erst, wenn der Anker geworfen wird. Wir langten übrigens schon Mittags in Kiswere an, dessen schöne Bucht von mehreren größeren Dörfern umgeben ist. Als ich an Deck kam, waren die Herren alle schon fort, doch hatte uns Herr Dr. Peters zu etwaiger Bedeckung zwei Diener dagelassen. Wir begaben uns unter dem Schutze des Ober-Ingenieurs, Herrn Ungemach, an das Ufer, und kletterten durch wilde Waldung und Steppengras den Hügel hinan, der sich dicht am Meer ziemlich steil erhebt. Obwohl wir durch Gras von mehr als zweifacher Mannshöhe schritten, und uns oft nur mühsam aus der Umklammerung der Dornen und Lianen befreiten, kam uns weder eine Schlange noch sonstiges tropisches Ungeziefer in den Weg. Wir erfreuten uns dagegen an dem Gurren wilder Tauben und dem Zirpen der Grillen, Laute, die an die Heimat erinnerten. Um uns her wucherten die baumhohen Ähren der Negerhirse, dazwischen blühende Baumwollsträucher, kandelaberähnliche Kakteen, Ricinus mit seinen eleganten Blättern, feingefiederte Akazien, Gummibäume und dichte Aloegruppen. Hier und da starrte uns auch der elephantenähnliche Koloß eines tausendjährigen Affenbrodbaums entgegen. Die Sonne war noch hoch und die Hitze machte sich sehr bemerklich. Dafür trugen die Diener kühlendes Bier sowie Brot, Büchsenbutter und Metwurst hinter uns her. Bei den nächsten Hütten, die wir erreichten, machten wir Halt. Der Herr der kleinen Niederlassung, ein Araber, ließ uns sofort eine Kitanda*) herbeitragen und seine beste Matte darüber breiten. So setzten wir uns in den Schatten seines Vordachs und freuten uns des köstlichen Mahles. Unter dem Vordach des Frauenhauses standen die schwarzen Gemahlinnen mit den Kleinen auf den Armen. Uns dicht gegenüber hatte der Herr des Hauses Platz genommen nebst seinem Freunde, einem Kleiderkünstler; hinter ihnen standen die Sklaven. Alle sahen uns schweigend zu und wir versuchten mit dem Gastfreund eine Unterhaltung in Suaheli zu führen, was auch ziemlich gelang. Der erwähnte Kleiderkünstler bestickte eine rot und weiß karrierte Jacke mit kunstreichen Stichen in weißer Baumwolle. Als wir aufbrachen, gaben uns die Schwarzen, wie gewöhnlich, das Geleit bis zu dem Boot. Unsere Ruderer waren diesmal Herrn Ungemach's Maschinisten, ein indisches Brüderpaar, mit weichlichen Zügen und den feuchten, schmachtenden Augen dieses Volkes. Sie trugen uns zu Ehren ihre besten weißen Anzüge und golddurchwirkte Käppchen auf dem dunklen Haar. Die beiden schwarzen Diener, die uns Dr. Peters zur Verfügung gestellt, bildeten in ihren hellblauen silberverschnürten Jacken und roten Mützen zu jenen den vollendetsten Gegensatz.

*)Kitanden sind die geflochtenen Negerbettstellen, die gelegentlich auch zum Sitz oder Feldtisch der Europäer dienen müssen.

Am folgenden Tage hielten wir in der Mchinga-Bay. Herr Dr. Peters fragte, ob es mich nicht interessieren würde, einmal mit anzusehen, wie die angesessenen Araber die Ankündigung der deutschen Verwaltung aufnähmen. Ich bejahte natürlich und kletterte schleunigst die schwankende Schiffstreppe hinab in den bereits gefüllten Kahn, um die Herren über die hochgehenden Wogen an's Ufer zu begleiten. Der Himmel war mit schwarzem Gewölk umzogen, die Landschaft erschien fahl und düster. Geleitet von dem arabischen Offizier der Barawa, begaben wir uns ungesäumt nach dem Hause des Wali. Zu beschaulichen Reflexionen und gemütlichen Unterhaltungen kommt es nicht, wenn Dr. Peters führt. Dieser geniale Mann scheint nur rastlos vorwärts eilen zu können, ohne Rücksicht auf das, was rechts und links vom Wege sich bieten mag:

»Der eignen Bahn
nachgehend grad' und unverrückt.«