Der Wali von Mchinga, ein ehrwürdiger Greis mit langem weißen Barte und edlen Zügen, empfing uns mit den üblichen Begrüßungsformen und ließ Kitanden in seine Vorhalle bringen, auf denen wir mit ernster Würde Platz nahmen. Dann begann das Pourparler. Herr Dr. Peters, dessen Gesicht während der ganzen Verhandlung unerschütterlichsten Ernst zur Schau trug, wandte sich in deutscher Sprache mit ungefähr folgenden Worten an Baron St. Paul: »Unser Freund, der Sultan Bargash ben Said wird uns laut Vertrag seine Rechte und Befugnisse, was die Verwaltung dieses Hafens anbetrifft, überlassen. Du wirst in Zukunft also mir und denen, die ich Dir hierher sende, zu gehorchen haben.«

Baron St. Paul übertrug diese Worte in's Kisuaheli und der Offizier des Sultans wiederum in's Arabische. Der alte Herr folgte den Sprechern der Reihe nach mit aufmerksamen Blicken. Dabei nahmen die großen Augen unter den geschwungenen Brauen mehr und mehr den Ausdruck der Angst an. Die arabische Übertragung des Barawa-Offiziers nahm, verziert durch die gebräuchlichen Redeblumen, mindestens dreimal die Zeit des deutschen Wortlauts in Anspruch. Dann sagte der ehrwürdige Wali: »Hast Du ausgeredet?« Der Offizier antwortete: »Ich habe geredet.« Nun begann erst der Alte seine Erwiderung: »Sage Deinem Herrn, ich sei der Mann des Sejid, nicht sein Sklave. Die Freunde des Sejid seien auch meine Freunde und ich werde ihre Worte so hoch halten, wie die des Sejid selbst.«

Herr Dr. Peters ließ ihm versichern, er sei ein Freund aller Araber, also auch der seinige. Er würde ihn deshalb in keiner Weise schädigen, oder sich Rechte nehmen, die ihm nicht zukämen. Er sei weit davon entfernt, in ihm, dem Wali, einem Sklaven zu sehen, mit dessen Eigentum man nach Belieben schalten könne, vielmehr achte er in ihm einen treuen Beamten des Sejid (Seyd = Herrscher) Bargash bin Said, seines Freundes, und er hoffe nur, daß der Wali ihm und den deutschen Herren ebenso redlich dienen werde, wie er es dem Sultan gethan.

Der Alte sah tief ergriffen aus. Das Neue der Situation schien ihn zu überwältigen. Indessen erneuerte er die Versicherungen seiner gänzlichen Ergebenheit und war sofort bereit, der Aufforderung des Herrn Dr. Peters Folge zu leisten und uns das umliegende Ackerland zu zeigen. Wir erhoben uns also und zogen geleitet von dem Wali und von seinen Leuten gefolgt in langem Zuge nach den Feldern. Die freundlich gesinnten, zutraulichen Schwarzen beeiferten sich mir die nach ihrem Geschmack schönsten Blumen abzubrechen, während wir im Geschwindschritt eine Niederung am Fuße bewaldeter Hügel durchwanderten. Die Herren ließen hier und da Erde umgraben, um Proben mitzunehmen. Dies Vornehmen umstanden die Schwarzen stets mit ehrerbietiger Scheu. Sie mochten eine symbolische Handlung darin sehen. Dem alten Wali traten Thränen in die Augen, so daß Herr Dr. Peters sich veranlaßt sah, ihm wieder und wieder zu versichern, falls die Deutschen sich hier anbauen sollten, würden sie kein Stückchen Land in Besitz nehmen, das der betreffende Eigentümer nicht herzugeben willig sei. Herr Flemming untersuchte die Qualität der in zahlreichen Büschen wild wachsenden Baumwolle, die sich wie feine weiße Watte aus den abgewelkten Blüten ziehen ließ. Dabei regnete es.

Als wir endlich, die meisten von uns recht ermüdet, an den Strand zurückkehrten, hatten sich die Wolken zerteilt, und die sinkende Sonne zauberte Farben von ganz eigentümlicher Schönheit an den westlichen Himmel, über welchem in seinem stillen und reinen Glanze der Abendstern erschien. Eine ganze Weile standen wir in Anschauen versunken schweigend am Strande, während das von der Barawa für uns ausgesandte Boot sich mühsam durch die Sturzwellen der Brandung arbeitete. Auf den Schultern der Schwarzen gelangten wir endlich in das schwankende Fahrzeug und es dunkelte stark, als wir die Schiffstreppe hinanstiegen.

Am folgenden Tage gelangten wir in den vielgepriesenen Hafen von Lindi. Die Formen der Küste und der waldigen Berge rings um die tiefeinschneidende Bucht bieten allerdings ein schönes Landschaftsbild. Es ist nur tot, denn »das Gebild von Menschenhand« fehlt. Dem Menschen hat es Gott verliehen, der schönen Natur den Stempel seines bewußt strebenden Geistes aufzudrücken; das drängt sich dem Beschauer dieser ostafrikanischen Landschaften immer wieder auf. Sie tragen Reichtum und blühendes Leben in sich verschlossen und scheinen erwartungsvoll dem Herrn der Erde entgegenzusehen, daß er die edlen Keime aus dem lange Schlaf erwecke und an's Licht ziehe.

In die Bucht mündet ein breiter Fluß, der Lindi oder Mtale, der zahlreiche Arme in die Wildnis an seinen Ufern entsendet und in schön gewundener Linie eine Reihe waldiger Bergkuppen durchbricht. Man erinnert sich an den Rhein zwischen Bonn und Koblenz, an das Siebengebirge. Aber es fehlen eben die Städte und Burgen, die Kirchlein und freundlichen Villen. Hier herrscht noch die Einsamkeit. Weißköpfige Flußadler sitzen auf den knorrigen Strünken am Ufer und der gellende Schrei eines wilden Affen tönt von Zeit zu Zeit durch die Wildnis.

Der Wali von Lindi, ein Greis mit blöden Augen und einem Spitzbubengesicht, bewohnt die Ruine eines portugiesischen Forts. Ein Kanonenrohr aus alter Zeit steht dräuend vor dem Portale aufgepflanzt. Der Salon des Alten in den halbverfallenen Bogenhallen schien mir direkt in einen der mittelalterlichen Romane Walter Scott's zu gehören. Kostbare Waffen schmücken die Wände. Auf den Gesimsen der Wandpfeiler lag der Koran und der sonstige Bücherschatz des Hausherrn. Auf der Erde hockten junge Asikari, (= Soldaten des Sultans), malerisch gekleidet, reich bewaffnet und von meist edlem Gesichtsschnitt. In der dunklen Halle, die durch Säulen und Bogen von dem luftigeren Hauptraume getrennt war, brannte ein Holzfeuerchen, um welches einige Schwarze beschäftigt waren. Der listig dreinschauende Wali ließ uns Kokosnüsse bringen, »Madafu«, deren Saft wir austranken. Er ließ uns dann durch einen jungen Sohn in dem weiten Gemäuer, das übrigens nichts Interessantes mehr bot, umherführen.

Auf der dem Orte Lindi gegenüberliegenden Seite der Bucht gehen wir mit Vorliebe spazieren. Zerrissene Felsblöcke von den barocksten Formen, in die das Wasser tausende von Rinnen und Becken gewaschen hat, bedecken den Strand. Unmittelbar hinter ihnen steigt der bewaldete Hügel auf. Herr Dr. Kling scizzierte, und Bertha machte, während sie zwischen dem wilden Gestein Muscheln suchte, zum erstenmal die Bekanntschaft einer Schlange, die sich indessen in ihrem Felsloch in Gesellschaft kleinerer Eidechsen liegend, ganz passiv verhielt. Herr von St. Paul und ich klommen, begleitet von Mbaruku den Hügel hinan. Wir arbeiteten uns tapfer durch das Gestrüpp, den Spuren der Nilpferde nachgehend, die durch das mannshohe Gras ganz gangbare Pfade getrampelt hatten. Auch Raubtierspuren zeigte mir der Baron und Löcher, die eine Hyäne gescharrt hatte. Wir kletterten in eine tiefe und enge Schlucht hinunter, durch welche den wilden Gesteinmassen nach, zur Regenzeit ein starkes Wasser in Kaskaden stürzen muß. Hier herrschte erquickende Kühle und tiefer Waldesschatten. Die Schlucht war von uralten Bäumen und Schlingpflanzen völlig überdacht. Mbaruku im langen Winterpaletot, der stets den photographischen Apparat hinter seinem Herrn herträgt, mußte denselben aufstellen, und Baron von St. Paul versuchte zu photographieren. Aber es fehlte an Licht, und war ein gar zu wildes Durcheinander von Laubwerk und Gestein. Mbaruku entstammt dem Innern. Als Baron St. Paul seine Station Madimola verließ, lief ihm dieser Schwarze nebst einem Dutzend seiner Stammesgenossen nach Bagamoyo nach und sie flehten ihn an, sie in seinen Diensten zu behalten. »Bana St. Paul« steht bei den Schwarzen in dem Ruf ein »sehr guter Herr« zu sein. Mbaruku folgt ihm wie ein treuer Hund und sein grundhäßliches Angesicht strahlt beständig im Glanze inniger Glückseligkeit. Nebenbei gesagt, ist Herr von St. Paul auch unter den Europäern rühmlichst bekannt durch seinen unverwüstlichen Humor und seine unerschütterliche Gemütsruhe.

Wir versuchten in unserer Schlucht weiter zu gehen, aber die Lianen umklammerten uns, Dornen hakten sich in mein dünnes Kleid und Äste verbarrikadierten uns den Weg, so daß wir wieder die ziemlich steile Wand zum Tageslicht emporkletterten. Als wir den Gipfel des Berghanges erreichten, lagen Hafen und Flußthal als herrliches Panorama uns zu Füßen. Freilich strahlte dort oben auch die Mittagssonne eine solche Glut aus, daß meine Phantasie sich lebhaft mit der Eventualität eines Hitzschlags zu beschäftigen begann. Eilends suchten wir trotz der schönen Aussicht wieder den Schutz des Dickichts.