Am Abend desselben Tages entdeckten wir während des gemeinsamen Spaziergangs eine Quelle, die in einer dichten Wildnis von Papyrus glucksend und murmelnd zu Thale lief und ganz nahe dem Meere von den Landleuten in einer gemauerten Rinne gefaßt und in ein größeres Steinbecken geleitet worden war. Wir tranken aus Kokosnußschalen von dem Wasser und fanden es zwar sehr weich aber rein von Geschmack. Schwarze Männer waren, auf dem Rande des Bassins stehend, mit Waschen ihrer Kleidungsstücke beschäftigt. Vor uns stand ein kleines Steinhaus, umgeben von einer Gruppe hoher Kokosnußpalmen. Vom Meere war es nur durch eine mit leuchtend grünen Mangroven bedeckte Lagune getrennt.
Wir hatten uns vorgenommen dem Lauf der Quelle nachzugehen und führten dies am Nachmittag des folgenden Tages aus. Auf schmalen Waldpfaden gingen wir bergan, immer dem Quell entlang und kamen an ein noch im Bau begriffenes Dorf in einem prachtvollen Hain uralter Kokospalmen auf der Berghalde gelegen. Die Dorfbewohner schleppten uns sogleich ihre Kitanden herbei, dann wurde eine der Palmen erstiegen und wir erhielten frisch vom Baum gepflückte Nüsse, die wir mit Behagen austranken. Die Leute dieses Dorfes, dessen Hütten zum Teil erst als geschickt geflochtenes Gerüst standen, waren eifrig bei der Arbeit und unterbrachen diese nicht einmal, um uns anzugaffen. Ein Mann spann Baumwolle. Er ging dabei umher und drehte die Spindel, wie man es auf Bildwerken der alten Griechen sieht. Andere schnitzten oder schälten Stäbe zum Hüttenbau, oder banden das lange strohartige Gras, das sie zum Dachdecken brauchen, in Garben.
Ich bin überzeugt, daß die vielbeklagte Trägheit der Schwarzen nicht Anlage ist, sondern Gewohnheit. Dafür spricht einmal ihre Beweglichkeit, die Geschmeidigkeit der Gliedmaßen und die geschickten Bewegungen, dann auch der allgemein anerkannte Umstand, daß die Kinder fleißig und tüchtig sind. Die Schwarzen arbeiten eben nicht, so lange sie es nicht nötig haben, und das ist einfach gesunder Menschenverstand. Der Naturanlage nach scheinen mir die weichlichen, zur Fettsucht neigenden Indier weit träger zu sein als die Schwarzen.
Herr Dr. Peters hat mit Herrn Flemming, den Dienern und einigen Pagazi eine Expedition den Fluß hinauf unternommen, zur Besichtigung des Hinterlandes. Vorgestern sind die Herren in einer gemieteten Dau den Mtale hinaufgesegelt. Baron von St. Paul und Herr Dr. Kling, die sich gern der Expedition angeschlossen hätten, durften aus Rücksicht auf ihre angegriffene Gesundheit gegenwärtig nicht wagen, sich den unvermeidlichen Strapazen einer solchen Tour auszusetzen. Während gestern unsere Barawa-Bote den ganzen Tag damit zu thun hatten, Quellwasser an Bord zu schaffen, mietete Herr Dr. Kling in Lindi eine Dau und wir segelten mit vollem Winde in die Flußmündung hinein. Nachdem wir so etwa eine Stunde lang gefahren waren, landeten wir bei der schloßartigen Besitzung eines reichen Arabers. Dieser hat seinen Komplex von hübschen Steinhäusern mit einem undurchdringlichen Dornenwall umgeben auf den drei nicht durch den Fluß geschützten Seiten. An den äußersten Ecken dieses Walles hat er (oder einer seiner Ahnen) mit Zinnen gekrönte Türme gebaut, teils rund, teil viereckig. Durch diese führen Thorwege. Vor dem Wohnhause befindet sich ein schöner sauberer Platz, eine Art Gartenterrasse mit schattenspendenden Bäumen bestanden. Unter den Bäumen steht eine überdachte Gartenhalle, zu deren etwas erhöhtem Boden Treppenstufen führen. Dort saß der Burgherr mit gekreuzten Beinen. Vor ihm lag auf perlmuttereingelegtem Gestell ein Foliant in rotem Ledereinband, vermutlich der Koran. Neben sich auf der Matte hatte er einen mit indischem Schnitzwerk verzierten Kasten stehen mit Schreibtischeinrichtung; den Schlüssel dazu trug er an einer Kette um den Hals. Während er uns, – wir waren auf Sitze in selbiger Halle genötigt worden, – nach Landesbrauch Kokosnuswasser reichen ließ, schloß er seine Schatulle mehrmals auf, nahm zusammengefaltete Papiere heraus, die er auseinanderbreitete, mit wichtiger Miene betrachtete und an ihren Platz zurücklegte. Wahrscheinlich waren es Briefe und der Burgherr wollte uns durch das Lesen derselben auf seine Bildung aufmerksam machen.
Eigentlich hatte es garnicht in unserer Absicht gelegen, den alten Herrn zu besuchen, aber er kam uns, sobald wir landeten, an das Ufer entgegengeeilt und nötigte uns zu sich hinauf. Auch bei der Abfahrt gab er uns mit seinem ganzen Gefolge das Geleit. Stattlich sah er aus, unter seinen zahlreichen Kindern, Sklavinnen und Dienern stehend mit langem weißen Gewande, gelblichweißem wallenden Bart, buntem Turban und den Herrscherstab in der Hand – ein ostafrikanischer Landedelmann.
Unsere Rückfahrt dauerte, da wir diesmal keinen Wind zum Segeln hatten, volle drei Stunden. Vier Schwarze aus Lindi, die außer dem Schurz nicht durch Kleidung beschwert waren, ruderten, begleitet und angefeuert von dem rhythmischen Geheul ihrer originellen Wechselgesänge; die ganze Fahrt über plärrten sie ohne Unterbrechung, so daß ich die Leistungsfähigkeit ihrer Lungen anstaunte. Ich durfte steuern, saß oben auf dem erhöhten Hinterdeck der Dau und konnte mir einbilden, das schwerfällige Fahrzeug mit seinen vierzehn Insassen nach meinem Belieben zu lenken. Dabei geriet ich aber bald rechts bald links den Mangroven zu nahe und fuhr schließlich im Hafen auf eine der heimtückisch lauernden Korallenbänke. Zum Glück kamen wir, ohne Schiffbruch zu erleiden, wieder los. Schön war es, als bei einbrechender Nacht das Meerwasser am Kiel und unter den Rudern phosphoreszierte.
Rowuma-Bai, d. 23. August 1887.
Wir sind am Ziel der Fahrt nach Süden angelangt. Rasch will ich diesem Bericht noch einige Zeilen hinzufügen, denn so lange das Schiff in Bewegung ist, vermag ich nicht einmal zu lesen, geschweige denn zu schreiben. Morgen früh aber werden die Anker gelichtet und wir fahren vor dem Winde direkt nach Dar-es-Salaam.
Sobald Herr Dr. Peters von seiner Expedition landeinwärts zurückgekehrt, verließen wir die liebliche Bucht von Lindi. Am Morgen vor unserer Abfahrt kam ein kranker Indier an Bord und bat uns ihn zu heilen, denn die Nachricht, daß wir uns hiermit befaßten, war mit bekannter Schnelligkeit uns vorausgeeilt. Kaum hatte ich den Fuß auf festen Grund gesetzt, so brachte man mir Patienten. Am lebhaftesten war der Andrang in dem schönen Hafenorte Mikindani, vor dem wir vorgestern ankerten. Wir hatten dort in Gesellschaft der Herren einen weiten Weg durch parkartige, in der üppigsten Vegetation prangende Landschaft gemacht, hatten aber vor jenen an den Landungsplatz zurückkehren müssen, da wir sehr müde geworden waren. Während wir nun in der Nähe unseres Bootes unter dem Schutz zweier Diener die Herren erwarteten, brachte man kranke Kinder herbeigeschleppt; Männer mit schlimmen Fußübeln kamen gehinkt und gekrochen, ein älterer Araber wollte sogar von seinem Magenleiden befreit werden. Wir gaben allen Rat, den wir wußten und verordneten nach der Schwierigkeit feuchte Umschläge, Waschungen und Abreibungen. Man kann hier wirklich sagen:
| »Es ist ihr ewig Weh und ach, |
| So tausendfach, |
| Aus einem Punkte zu kurieren.« |