Der eine Punkt ist: Wasser. Diejenigen, die untersucht und verbunden werden konnten, bestellten wir nach der Barawa. Da kam denn am andern Morgen in aller Frühe eine ganze Bootsladung voll Patienten, so daß wir in dem kleinen Schiffssalon eine Art Klinik einrichteten, allerdings zum geringen Vergnügen der Herren. Bertha war so beglückt, einmal wieder nach Herzenslust ihres Amtes walten zu können, daß sie es mir beinahe verargte, wenn ich die Behandlung des einen oder anderen Patienten für mich beanspruchte. Hoffentlich hilft den Leuten ihr Glaube. Unsere stets wiederholten Ermahnungen, sich etwas mehr der Reinlichkeit zu befleißigen, werden der Macht der Gewohnheit gegenüber kaum von Wirkung sein.
Heute haben Herr Dr. Peters und Herr v. St. Paul ein gefährliches Experiment gemacht, nämlich die Einfahrt in den Rowuma »forciert«, noch dazu mit dem kleinen Barawa-Boot, das einen ganz flachen Kiel hat. Der jähe Übergang von einer bedeutenden Meerestiefe unmittelbar vor der Flußmündung zu der geringen Tiefe des durch Schutt und Sandbänke verbarrikadierten Flusses verursacht, wie der »African Pilot« sagt, sehr gefährliche Brecher und dadurch eine Brandung, die einem Boote nur unter bestimmten günstigen Bedingungen von Wind und Strömung die Durchfahrt möglich machen. Da wir das tragische Ende des Lieutenant Günther in der Jub-Mündung noch in frischer Erinnerung hatten, sahen wir Zurückbleibenden die kühnen Männer nicht ohne die ernsteste Besorgnis hinausfahren. Als das kleine weiße Boot in dem dunstigen Morgen verschwand, fürchteten wir schon, seine Insassen zum letzten Mal gesehen zu haben. Um so größer war die Freude, als sie schon gegen ein Uhr Mittags wohlbehalten und in bester Stimmung zurückkehrten. Sie hatten die gefährliche Brandung beide Male sehr glücklich überwunden und waren fünf Seemeilen landeinwärts gesegelt. Dabei hatten sie zahlreiche Kibokos getroffen und Baron St. Paul konnte garnicht genug die Schönheit der durchfahrenen Landschaft rühmen.
Dar-es-Salaam, d. 27. August 1887.
Gestern Abend um elf Uhr nahmen Bertha und ich auf der Barawa Abschied von den Reisegefährten und begaben uns unter des Stationschefs Schutz an Land. Hier begrüßte uns ein fürchterlicher Lärm, denn auf Anregung Herrn Leues hatten die Einwohner zu Ehren des deutschen Besuchs eine große »ngoma« (Musik und Tanz) veranstaltet. Solch eine ngoma organisirt sich folgendermaßen: Wer ein Musikinstrument spielt, sei es Trommel, Pfeife, Kuhhorn oder auch nur eine Art von Castagnetten, der stellt sich irgendwo auf der Gemeindewiese hin, allein oder mit seinem Freund und beginnt seine lockende Weise. So sehr primitiv diese ist, so zieht sie doch die Bevölkerung an wie die Flöte des Rattenfängers von Hameln. Es dauert nicht zehn Minuten, so hat sich um den Künstler ein Kreis gebildet, der lavinenartig anwächst. Wird er stattlich genug befunden, so beginnen einzelne den volkstümlichen Tanz, der mit seinem Vor- und Rückwärtshüpfen, Chassieren, compliments aux dames etc. entfernte Verwandtschaft mit unserer Française zu haben scheint. Wir blieben bei einem jeden solchen Tanzkreis, an welchem unser Weg vorbeiführte, pflichtschuldig stehen, um unsere wohlwollende Anerkennung kund zu geben. Dadurch fühlten sich Tänzer, Musiker und Publikum sehr geehrt und der Volkshaufe wuchs während unserer Anwesenheit noch mehr. Es ist nicht zu beschreiben, wie eitel, kokett und lächerlich die schwarzen Tänzerinnen herumschwänzeln. Das beste aber erwartete uns noch. Vor dem Hause des Wali hatten die Araber einen Schwertertanz veranstaltet, den sie mit entsetzlicher Musik und Flintengeknatter begleiteten. Dazu leuchteten ihnen Magnesiafackeln, die Herr Leue zu ihrer großen Erbauung gestiftet hatte. Ich war so ermüdet von all dem Toben und Schreien, daß ich ganz bescheiden anfragte, ob ich mich nunmehr nicht zurückziehen dürfe? Aber da kam ich bei unserem verehrten Stationschef schön an! Ein solcher Verstoß gegen die Etikette! Der Wali ließ ja eben Sessel auf die Straße tragen und zog sein Schwert aus der Scheide, um in höchst eigener Person vor uns zu tanzen! Wir setzten uns also andachtsvoll auf die rohrgeflochtenen Armstühle vor das mit Marmorplatten ausgelegte Palais des verstorbenen Sejid Madjid und bestaunten die immer wilder werdenden Bewegungen der über ihre blanken Schwerter springenden Wüstensöhne. Etwa zehn, Seite an Seite gedrängte, beständig sich in den Hüften wiegende Araber mit hochgehobenen Schwertern übten einen überaus einförmigen, aber desto gellenderen Gesang aus. Vor den Sängern schlugen zwei Musiker wie besessen auf große Trommeln, bald stehend, bald kniend, bald gar am Boden liegend. Diese regsamen Trommler dirigieren seltsamer Weise sowohl Gesang als Tanz. Die Übrigen, die um die Schwertertänzer in weitem Halbkreis Spalier bildeten, trugen durch fleißiges Abfeuern ihrer Gewehre das ihrige zu der Feier bei. Bertha war trotz des Höllenlärmes in ihrem Sessel eingeschlafen. Freilich war die Mitternachtsstunde auch bereits vorüber.
Als ich heute gegen acht Uhr aus schwerem Schlaf erwachte, war das erste, was ich zu meinem Schrecken hörte, die gräuliche Tanzmusik mit begleitendem Gekreische. Ich frug etwas kleinlaut, ob heute eine Nachfeier stattfände; aber man belehrte mich, daß die Tänzer noch von gestern her beisammen seien.
d. 28. August.
Am Strande unter prächtigen Mangobäumen liegt das Grab des Regierungsbaumeisters Wolf, von Palmzweigen überdeckt. Bertha liebt es, gegen Sonnenuntergang dorthin zu pilgern und einen Kranz von frischgrünen Ranken auf dem Hügel niederzulegen in treuem Gedenken an den freundlichen Reisegefährten.
Die bösen, bösen Zelte! Sämtliche Herren haben das Wohnen in ihnen teuer bezahlen müssen. Mein Bruder liegt schwer krank in Zanzibar. Es ist mir hart angekommen, nicht gleich dorthin zu fahren, um bei ihm sein zu können; denn er ist in Lebensgefahr. Nur die Überlegung, daß er im Hospital der Schwestern vom heiligen Geist die beste Pflege hat und daß sich für mich vielleicht nicht sobald wieder eine Reisegelegenheit nach Dar-es-Salaam finden würde, hat mich bewogen, hier zu bleiben. Ich bin in Angst um Albrecht und weiß nicht, ob ich recht gethan habe. Nun, wir stehen Alle in Gottes Hand! –
Dar-es-Salaam ist eine Ruinenstadt. Von den durch Sejid Madjid errichteten Steinpalästen sind zwei noch bewohnbar, der eine ist des Wali Residenz, den anderen hat Herr Dr. Peters für die Gesellschaftsbeamten gemietet. Eine schöne breite Steintreppe führt von der Hausthüre den Uferhang zum Meere hinab. Die Herren glauben durch geringe Ausbesserungsarbeiten hier die bequemste Landungsstelle schaffen zu können.
Die Stadt besteht aus drei Quartieren. Im Halbkreis um den Hafen stehn die arabischen Ruinen, unter welchen der zum Harem bestimmte schloßartige Bau noch immer sehr stattlich aussieht. Er ist leider innen so verfallen, daß man ihn nicht einmal ohne Lebensgefahr besehen kann. Nach dem Lande zu haben die speculativen Indier ihre Handelsstraßen angelegt und in jedem ihrer aneinanderklebenden kleinen Häuser einen Kramladen errichtet. Hier kaufen die Europäer für schweres Geld, was sie unter der aufgestapelten Lumpenware etwa brauchbares finden; in den meisten Fällen freilich finden sie überhaupt nichts. Rechts und links vom Hafen schließen sich die Negervorstädte an, die sich, wie fast überall durch Sauberkeit und Geräumigkeit (was Wege und Plätze anbelangt,) auszeichnen.