Der Hafen gleicht fast einem Landsee, da die schmale Verbindung mit dem Meere durch die mit Palmen, Bananen und Affenbrotbäumen bestandenen Landvorsprünge dem Auge meist entzogen ist. Dagegen schneidet er tief in das Land ein. Unser mit vier Ruderern bemanntes Boot brauchte anderthalb Stunden, um bis dahin zu kommen, wo ein seichtes Flüßchen seine Gewässer mit der Salzflut vermischt. Dort hausen zahlreiche Nilpferde. Auch Affen und Papageien amüsieren sich an den waldigen Hängen, die den Hafen umschließen.

Dar-es-Salaam, d. 29. August.

Unsere Wohnung besteht, wie ich schon in meinem Tagebuch erwähnt, aus einer Reihe kleiner Inderhäuser, deren Wände durchbrochen und mit Thüren versehen sind, die auf die Veranda führen, welche also die einzelnen Wohnungen (je ein Zimmer) verbindet. In dem ersten dieser Zimmer wohnt und schläft Herr Greiner mit seiner Frau, das zweite, welches Herrn Leue's Dominium ist, dient zugleich als Salon und Eßzimmer. No. 3, Herrn Tschepe's Gemach, gleicht einer Werkstatt und Rüstkammer. Dann kommt viertens ein Zimmer, in dem die deutsche Haushälterin mit der Nichte des Missionars schläft, und endlich dasjenige, welches Bertha und mir überlassen worden. Glasfenster, verschließbare Thüren, Schränke etc. sind Luxusgegenstände, die Dar-es-Salaam vorläufig nicht kennt. Ich kann aber in Wahrheit versichern, daß ich mich, so weit meine Erinnerung reicht, noch nie so frisch und geistig wohl befunden habe, wie hier in diesen ganz primitiven Verhältnissen. Frei und leicht wird es dem geplagten Kulturmenschen zu Mute, wenn er einige Dutzende der Sclavenketten, die wir »Bedürfnisse« nennen, abzuwerfen genötigt ist.

d. 30. August. 1887.

Wir haben ein zwölfjähriges Negermädchen in Dienst genommen, eine von der englischen Mission getaufte Christin. Die Engländer nannten sie Alice, ich habe aber als gute Deutsche »Liese« daraus gemacht. Die kleine Liese bringt mir Morgens ein Glas frischer Kuhmilch ans Bett, die herrlich mundet. Dann stehe ich auf und finde die Hausgenossen gewöhnlich schon auf der Veranda. Dort steht auch der Frühstückstisch und darauf, was des verwöhnten Menschen Herz begehren kann: einheimischer Honig, Eier, hausbackenes Schwarzbrot und englische Zwiebacke. Sowie ich meinen Platz einnehme, erscheint der aufmerksame Mandoa und schenkt aus indischer Porzellankanne den Kaffee ein. Mandoa ist ein ehrgeiziger und strebsamer Jüngling, der ungeachtet seiner schwarzen Hautfarbe errötet, wenn er in spöttischer Weise auf eine Ungeschicklichkeit aufmerksam gemacht wird. Er ist sogar stolz und trotzig und weint Thränen bitteren Ärgers, wenn er sich gekränkt fühlt, oder ungerecht behandelt glaubt. Mandoa ist der Diener des Stationschefs und thut sich auf diesen Vorzug viel zu gute.

Während ich frühstücke, wartet auf mich gewöhnlich schon mein Lieblingspatient, ein Sultanssklave, der vor kurzem in sein Messer gefallen ist, wodurch er sich eine tiefe Wunde in der Seite zugezogen hat. Herr Leue hat ihn vor dem Verbluten gerettet. Hätte er nur krumme Nadeln gehabt und antiseptischen Faden, um die Wunde zu nähen, so würde sie nicht mehr klaffen, wie sie es thut. Im übrigen scheint Faradi, so heißt der junge Mann, eine gesunde Heilhaut zu haben. Heute Morgen brachte er mir als Zeichen seiner Dankbarkeit fünf Kokosnüsse.

d. 31. August.

Jetzt haben die Schwarzen ihr Neujahrsfest gehabt, ein sikukuu (siku = Tag, kuu = groß, im Sinne von vornehm) oder vielmehr zwei solche nach einander. Der Wali schickte einen Botschafter zu Herrn Leue, der das Fest feierlich ankündigte, und die sämtlichen auf der Station beschäftigten Arbeiter und Diener zu einem Festmahle einlud. Herr Leue nahm diese Nachricht in der landesüblichen Weise, nämlich mit ernster Würde und höflichen Phrasen entgegen und kündigte dem Wali an, er würde am zweiten Feiertage seinerseits die Leute desselben bewirten. Das ist das verhängnisvolle der arabischen Ehrengeschenke etc., daß sie stets eine gleichwertige Gegengabe erfordern. Es ist des Landes Brauch. – Am ersten Morgen des Festes kamen die sämtlichen Arbeiter der Station um sich ihr »Sikukuu«, d. h. diesmal »Festagstrinkgeld«, zu erbitten. Herr Leue ließ sie der Reihe nach zur Musterung antreten: die Garten- und Feldarbeiter, die Maurer, den Schneider, den Wäscher, die Wasserträgerinnen und den Viehhirten, der den klangvollen Namen Marindila führt. Herr Leue, der sehr auf adrettes Aussehen seiner Leute hält, tadelte mit spöttischen Bemerkungen diejenigen, deren Aufzug zerlumpt oder unsauber war. Die Schwarzen, die bekanntlich durchweg eitel sind, zeigen eine große Empfänglichkeit für derartige Auszeichnungen. – Tagsüber wurde geschossen und getanzt. Am zweiten Festtag fanden Tanz und Spiel mit besonderem Pomp vor unsern Fenstern statt. Die Araberjünglinge sprangen wieder wie die Rasenden durcheinander. Dazu wurde unablässig getrommelt und gesungen. Da unsere Zimmer keine Glasscheiben in den Fenstern haben, waren sie bald von dem Pulverdampf der knatternden Gewehrsalven erfüllt. Leider hatte die Nichte des Missionars einen, wenn auch an sich leichten Fieberanfall, der indessen bei diesem barbarischen Lärm bösartiger zu werden drohte. Ich bat daher den Chef sehr dringend, die Herrn Araber zu veranlassen, ihre Spiele in einiger Entfernung fortzusetzen. Herr Leue meinte, eine derartige Verletzung der Sitte könne von den Arabern sehr übel aufgefaßt werden, da sie gerade uns zu Ehren hier tanzten. Ein Abbrechen unsererseits müsse daher unterbleiben. Ich beharrte nichts destoweniger auf meinen Wunsch, da mir Leben und Gesundheit der Unseren ungleich wichtiger erscheint, als die mehr oder minder gnädige Gesinnung der Araber. Diese müssen sich ja doch schließlich nach uns richten. Herr Leue ließ sich, wenn auch ungern, herbei, einen Parlamentär hinunterzuschicken. Herr Missionar Greiner, der des Arabischen mächtig ist, bot sich an, den heiklen Auftrag zu übernehmen. Er sprach den Anführern in schönen Phrasen den Dank des Stationschefs für die uns gewordene Aufmerksamkeit aus, was sofort richtig aufgefaßt wurde, nämlich als Verabschiedung. Zu meiner großen Befriedigung zog die Horde ohne weiteres ab, und das kranke Mädchen, dessen Temperatur mit beängstigender Geschwindigkeit stieg, fühlte sich ungemein erleichtert.

d. 1. September 1887.

Wir haben Besuch gehabt von dem Bischof von Zanzibar, Monseigneur de Courmont, und dem berühmten Père Étienne Baur aus Bagamoyo. Die Herren brachten mir Nachrichten von meinem Bruder. Derselbe war totkrank nach Bagamoyo gebracht worden. Dort lag grade ein östreichisches Kriegsschiff, und der Arzt desselben übernahm die Behandlung. Als indessen nach den angewandten Mitteln das Fieber sich ungeschwächt wieder einstellte, sagte der Marinearzt zum Pater Baur, nun könne er nichts mehr machen und wolle ihm den seiner Ansicht nach hoffnungslosen Patienten überlassen. Père Étienne hat seine bewährten Kraftmittel angewandt, nämlich riesige Gaben Chinin, denen aber jedesmal entsprechende Brechmittel vorausgeschickt werden, um den Magen auszufegen und dem Chinin volle Wirksamkeit zu geben. Es gehört allerdings eine kräftige Konstitution dazu, um eine solche Kur des öfteren durchzumachen. Albrecht hat einen derartigen schweren Anfall von Gallenfieber jetzt bereits zum drittenmale überstanden. Sobald er transportfähig war, hat man ihn nach Zanzibar geschickt, wo er nun im Hospital liegt; doch versicherten mir beide Herren, er sei jetzt außer Gefahr, ich möchte mich seinetwegen völlig beruhigen. Père Étienne kennt meinen Bruder, seit er hier ist, was nun bald drei Jahre sind, und mag ihn sehr gern. Vornehmlich bewundert er aufrichtig Albrecht's spartanische Härte gegen sich selbst, wovon er mir manches zu erzählen wußte. Père Étienne steht seit 26 Jahren der Missionsniederlassung in Bagamoyo vor und gilt als der erfahrenste und sicherste Berater in allen möglichen Dingen. Er ist Elsässer und spricht mit uns nur deutsch. Monseigneur de Courmont, der ein vornehmer Franzose ist und seinen Manieren nach mehr im Salon zu Hause ist, als in der afrikanischen Einöde, versteht dagegen kein Wort deutsch. Wir (die Haushälterin und ich) haben ein für afrikanische Verhältnisse recht annehmbares Diner zu stande gebracht; beim Kaffee freilich fungierte als Sahnengießer ein alter Tassenkopf, doch nimmt man das bei uns nicht so genau. Übernachten mußten die liebenswürdigen Gäste auf ihrer Missionsdau, deren Segel durch ein aufgenähtes großes schwarzes Kreuz schon von weitem kenntlich ist.