Herr Leue läßt soeben seine Asikari vor dem Hause Übungen machen, was schon recht gut geht. Wie bei uns zu Hause, sind die Rekruten auch hier stets von Neugierigen umringt. Anfangs haben die Leute von Dar-es-Salaam gelacht; seitdem Herr Leue aber die Spötter mit einigem Nachdruck hat weitergehen heißen, steht alles andachtsvoll in ehrerbietiger Entfernung.
Fräulein Marie, die Nichte des Missionars, ist wieder wohlauf und singt wie ein Vogel.
d. 3. September 1887.
Es regnet täglich einige Stunden, die kleine Regenzeit (September, October) scheint also pünktlich einzutreten. Die Veranda, auf der ich schreibe, steht augenblicklich unter Wasser, da etliche Dachrinnen sich auf sie ergießen. Der Himmel ist ein grauer Sack. Die Veranda beherbergt neben uns eine ganze Menagerie. Da wohnen auf Ständern, die Herr Tschepe angefertigt hat, vier zahme grüne Papageien, Moses, Heraklit, Männchen und Elias geheißen. Männchen ist so zahm, daß er auf Herrn Leue's Ruf anspaziert kommt und allerhand Kunststückchen macht, z. B. sich auf der flachen Hand seines Herrn »tot« stellt. Die Vögel sprechen nicht, noch schreien sie, was für unsere jeweiligen Fieberpatienten sehr vorteilhaft ist. Die ausgelassensten der Tierbande sind zwei Freunde sehr verschiedener Abstammung, der junge Hund »Kescho« und die Manguste. Letztere, bei uns unter dem Namen Ichneumon bekannt, erscheint mir wie ein Mittelding zwischen Affe und Ratte. Das Tierchen ist so unschön als möglich, aber zahm und zutraulich. Es liegt wie ein Schooßhund am liebsten auf dem Ende meines Kleides, und so oft es von diesem Platz fortgejagt wird, so oft kommt es wieder. Furcht kennt es gar nicht. Neulich stand unsere Tischglocke auf dem Fußboden. Da ging die Manguste hin und untersuchte den unbekannten Gegenstand mit den Pfötchen. Ich dachte: warte nur, wenn es klingelt, wirst Du schon Reißaus nehmen! Aber keineswegs! Das Klingeln schien ihr vielmehr Vergnügen zu machen und sie bewegte fröhlich den Metallklöppel, bis ich die Glocke ihren unbefugten Pfötchen entriß. Die eigentlichen Clowns der Gesellschaft sind aber auch hier die kleinen Affen.
Morgen ist Sonntag. Da räumen wir unsere Veranda zur Kirche um und versammeln Alles, was sich zum Christentum bekennt, zu einem Morgengottesdienst. Der Kawaß Abdallah, der Araber und Mohamedaner ist, aber bedingungslos thut, was sein Herr von ihm verlangt, wird von diesem auch zur Kirche kommandiert. Abdallah freut sich über das Ceremonielle und Feierliche des Vorgangs, das Übrige ist ihm, da er nichts versteht, ganz gleichgültig.
Dar-es-Salaam, d. 5. Sept.
Vieles entbehre ich gern, aber ungern das Wasser. Unser gutes deutsches Mineralwasser ist am Ende, und der Wein geht auf die Neige. Was ist aber auch Wein für einen wirklich Durstigen! Das hiesige Wasser giebt Fieber, darf also nicht getrunken werden. Nach zweimaliger Abkochung ist es zwar unschädlich, hat aber einen so widerlichen Geruch, daß ich dann doch das weichliche Kokosnuswasser vorziehe.
Dar-es-Salaam, d. 7. Sept.
Herr Tschepe leidet an einer Entzündung der Augen, die ihn zu momentaner Untätigkeit verurteilt. Darüber ist der Arme ganz melancholisch. Wir müssen ihn gewaltsam nötigen, im verdunkelten Zimmer zu verweilen. Ich lese ihm jetzt aus Keller's ›Leuten von Seldwyla‹ vor; aber sonderbarer Weise wirkt hier diese Lectüre gar nicht erheiternd, wahrscheinlich weil man sich von den Vorgängen und Anschauungen der deutschen Kleinstadt zu sehr abgetrennt fühlt. Daheim habe ich Thränen gelacht über diese Geschichten.