Die Station besitzt vier Esel, von denen drei zum Lasttragen benutzt werden; der vierte, ein weißer Maskatesel, dient als Reitpferd.
Eines der hübschesten Negerdörfer von Zanzibar bis zum Rowuma ist das zwanzig Minuten von Dar-es-Salaam entfernte Bagamoyo (nicht die bekannte Stadt gleichen Namens). Der Weg dorthin ist wie ein Parkweg, breit und ziemlich gradlinig mit einer Einfassung von Ananasstauden umgeben, führt er durch Wiesen, auf denen die Rinderherden der reichen Indier friedlich grasen. Aus schilfumgebenen Wassertümpeln, dem idyllischen Wohnort giftiger Schlangen, tönt das Quaken des Ochsenfrosches und vereint sich zur friedlichen Abendsymphonie mit dem tausendfachen Gezirpe der Grillen. Rechts und links vom Wege ist die Wiese geschmückt mit prachtvollen Mangobäumen, deren compakte Laubkronen fast den Rasen berühren. Gelbe Blüten umspinnen das dunkle Grün jetzt wie mit Goldfiligran und ein Duft entsteigt ihnen ähnlich dem unserer Lindenblüte. Aus kleinen Vertiefungen ragen die riesigen Sammetblätter saftgrüner Bananen. Blühende Baumwollsträucher, Granaten, Orangen und über diese ragend Gruppen schlanker Kokospalmen vervollständigen das Bild dieser wilden Parklandschaft, wie ich sie ähnlich nur in Mikindani gesehen.
Hier reite ich zuweilen gegen Sonnenuntergang auf dem Maskatesel. Ich belausche dabei gewöhnlich einen frommen Muselmann, der in wallendem, weißen Gewand auf dem Dach seines Hauses steht und unter vielen Verneigungen Koranverse absingt. Dann bildet der rotgoldene Abendhimmel mit den scharfen Silhouetten einzelner Palmen und dem Aufblitzen des hier und da durchschimmernden Meeres einen Hintergrund, der an die Heiligenbilder auf den bunten Glasfenstern der Kathedralen erinnert. Es ist wirklich märchenhaft.
Dar-es-Salaam, d. 10. Sept.
Ich habe auf der Station den regelmäßigen Gebrauch von Eno's Fruchtsalz eingeführt, als Vorbeugungsmittel gegen die Gallenbeschwerden, mit denen wir hier beständig zu kämpfen haben. Das Schwierige ist auch hier der Mangel an Trinkwasser. Wir helfen uns mit dem wasserklaren Saft der Kokosnüsse, von denen Herr Leue anfangs zwar nichts wissen wollte, aber Not lehrt beten. Er hat sich rasch bekehrt. Der Kokosnußsaft schmeckt wie Zuckerwasser mit einem Nußbeigeschmack, anfangs fade, aber erfrischend, wenn man daran gewöhnt und durstig ist.
Dar-es-Salaam, d. 12. Sept. 1887.
Eben kam einer dieser schwarzen Hanswurste zu mir und bat mit jämmerlicher Miene um »Daua«. Er war in dem leichten Kostüm erschienen, das wir »blouse au naturel« nennen, zeigte auf seine Brust und seufzte kläglich, dieselbe sei »hawesi sana!« (sehr krank). Voll Mitleid ging ich nach der Apotheke, um ihm ein Dover'sches Pulver zu holen. Als ich aber wieder kam, wahrscheinlich früher als der Schwerkranke vermutete, fand ich meinen Ali mit der Dienerschaft lachend und Witze machend, daß der Schlingel sich mit den weißen Zähnen in beide Ohren zu beißen schien. Sowie er mich bemerkte, wurde höchst naiv und ohne jeden Übergang wieder die Duldermiene aufgesetzt.
Gestern trat ein langer, sorgfältig gekleideter Schwarzer bei mir an und überreichte mir einen Brief von meinem Bruder. Albrecht schrieb:
»Ich werde morgen per Sultansdampfer Nyanza nach Bombay fahren und dann in die Berge; denn man hat mir Klimawechsel und Bergluft verordnet. In drei Monaten komme ich wieder. Wird man hier nicht blasiert? Heute hatte ich etwa folgende Unterhaltung mit dem italienischen Consul Filonardi: »Guten Morgen«. – »Wie geht es Ihnen? Besser?« – »Danke; fahre morgen ein bischen nach dem Himalaya.« – »Wollen Sie vorher bei mir frühstücken?« – »Gern; wieviel Uhr?« – »Elf.« – »Werde kommen, adieu.« Ich will Dir Abdallah während meiner Abwesenheit lassen, wenn Du ihn brauchen kannst. Ich habe ihn über ein Jahr in meinem Dienste, und möchte ihn nicht gern verlieren etc.«
Abdallah, der mit seinem äußerst ehrbaren Gesicht wartend vor mir stehen geblieben war, mußte mir von der Abreise seines Herrn erzählen. Er hatte die letzte Nacht an Bord der Nyanza zugebracht; Abdallah wird, so lange er bei mir ist, Carl Schmidt heißen, denn er ist die schwarze Ausgabe eines Jünglings dieses Namens aus meinem Heimatsdorfe Ingersleben. Abdallahs und Abdullahs laufen hier schon zu viel herum.