Dar-es-Salaam, d. 14. Sept.

Täglich kommen Araber, Indier und Schwarze mit allerlei Krankheit behaftet und verlangen Heilung, vor allem aber »Daua« d. h. Medicin. Mit den einfachen Hülfsmitteln von Diät, Luft und Wasser (äußerlich angewandt!) ist bei diesen Leuten nichts zu machen. Sie bringen Glauben und verlangen Wunder. Ein von Unreinlichkeit strotzendes und darum mit Ausschlag behaftetes Indierkind wusch ich vor den Augen des zärtlichen Vaters mit warmem Wasser und in Ermangelung von anderer, mit meiner eigenen Waschseife. Darauf empfahl ich dem Vater dringend, diese Waschungen mit beliebiger Seife täglich, womöglich zweimal vorzunehmen. Der gute Mann ließ sich aber nicht davon abbringen, die Heilkraft allein in der von mir gebrauchten Seife zu suchen und ließ mir keine Ruhe, so daß ich endlich, um ihn nur los zu werden, ein Stück von meiner armen Seife abschnitt und ihm mitgab.

Ich gehe fast alle Tage nach dem neuen Haus hinüber, in dem uns ein fünffenstriges, gesund gelegenes Zimmer zum Krankenzimmer und ein Turmstübchen zur Apotheke überlassen worden ist. Leider gehen die Reparaturen nur langsam vorwärts. Viel zu thun ist hier nicht für uns; denn seit wir hier sind, ist bis auf leichte, sich regelmäßig wiederholende Fieberfälle, Gott sei Dank Alles gesund. Eine Pflegerin wird, solange Frau und Nichte des Missionars zu gelegentlicher Aushülfe bereit sind, in Dar-es-Salaam völlig ausreichend sein.

Dar-es-Salaam, d. 16. Sept.

Gestern ließ Herr Leue durch Ali Amadi, den gebildeten Diener, der mit Herrn Paul Reichardt in Berlin gewesen ist, den Wali nebst seinem Secretär Abdullah zum Abendessen einladen. Die Herrn Araber, die das Ehrende einer solchen Einladung voll zu würdigen wußten, erschienen im vollen Waffenschmuck ihrer malerischen Tracht, fühlten sich aber nichts weniger als behaglich. Herr Leue bat Herrn Missionar Greiner, den Herren auf arabisch zu sagen, sie möchten thun, als ob sie zu Hause wären, und sich nicht um Gabel und Messer kümmern. Da lächelten die Gäste würdevoll und griffen mit den Fingern in das Hühnerragout. Während wir Wein tranken, wurde ihnen Kokosnußwasser eingeschenkt. Herr Leue sprach ihnen sein Bedauern darüber aus, daß sie sich einen so herzerfreuenden Genuß, wie den des Weines, entgehen lassen müßten, und fragte, warum ihnen dies Verbot gegeben worden sei? Der Wali antwortete: »Wein in Mäßigkeit genossen erheitert zwar des Menschen Gemüt; aber der Prophet, dessen Name gelobt sei, wußte, daß wir zu schwach sind, um Maß zu halten und daß wir in der Unmäßigkeit den Tieren gleich werden.«

Da Abdullah, ein intelligenter junger Mann, noch in derselben Nacht nach Zanzibar abreist, gaben wir ihm Briefe und Grüße mit. Abdullah hat uns häufig abends besucht, teils mit, teils ohne Freund, um sich Daua zu erbitten. Merkwürdiger Weise sind die Bewohner von Dar-es-Salaam vielfach brustleidend. Der Wali und sein Secretär husten um die Wette.

Sobald wir Kaffee getrunken hatten, baten die Herren Araber sich empfehlen zu dürfen. Das Souper war für sie eine beschwerliche Ceremonie gewesen und sie dankten gewiß ihrem Gott, als sie es überstanden hatten.

Heute kam ein Araber aus Bagamoyo (der Stadt), und reclamierte einen der Feldarbeiter der Station als seinen Sclaven. Derselbe sei ihm vor drei Jahren entlaufen und nun auf einmal hier aufgetaucht. Herr Leue ließ den Burschen holen und fragte ihn, ob sich die Sache so verhielte, wie der Araber behauptete. Der junge Mann, ein bescheidener anständiger Mensch und guter Arbeiter, gab zu unserem Bedauern ohne weiteres alles zu. Herr Leue hatte wenig Lust, den armen Burschen auszuliefern und entschied sich dahin, den Fall vor den Wali zu bringen. Der Wali ließ sagen, er werde sich sofort einfinden und erschien, während wir beim Essen saßen, mit seinem Begleiter. Der Entlaufene, der bis dahin bewacht worden war, wurde vorgeführt. Der Wali unterzog ihn einem kurzen Verhör. Mir gefiel die natürliche Würde des Arabers, der seine Fragen in leisem, sanften Ton stellte und dabei, ohne streng zu thun, durch seine Unbeweglichkeit Respect hervorrief. Er erkundigte sich nach des Burschen Herkunft, seiner Heimat, seinen Verwandten etc. Der junge Mann antwortete präcis und wie Einer, der nichts zu verheimlichen sucht. Er erlaubte sich sogar einmal eine scherzhafte Bemerkung, die den Wali und seinen Begleiter zu wohlwollendem Lächeln veranlaßte. Darauf wurde der Angeklagte wieder abgeführt und Herr Leue frug den Wali, was er zu diesem Fall denke? Dieser sagte, da Vater und Mutter des Burschen freie Leute seien, so könne auch er nicht Sclave von Geburt sein, sondern wahrscheinlich sei er geraubt worden, was er auch selbst sage. Herr Leue antwortete, es sei natürlich seine Absicht Gerechtigkeit walten zu lassen und er wolle Niemand sein rechtmäßiges Eigentum vorenthalten. Wenn aber der Wali feststellen könne, daß der in Frage stehende Jüngling nicht Sclave sei, so geschähe ihm damit ein großer Gefallen etc. Da meinte der Wali, der Ausgang dieser Angelegenheit würde wesentlich von dem klugen Verhalten des Burschen selbst abhängen. Er werde sofort Leute ausschicken, um die Verwandten aus deren Dorf Mtoni kommen zu lassen und morgen Gerichtssitzung halten.

d. 17. September.

Die Verwandten des Jünglings waren bereits heute Morgen zur Stelle, also muß der Wali seine Boten in der Nacht geschickt haben. Herr Leue hat der großen Gerichtssitzung etwa eine Stunde lang beigewohnt. Er erzählte dann, der Vater sei ein Schafskopf; aber da sei ein Oheim mitgekommen, der habe sich für den Neffen gewaltig ins Zeug gelegt. Der Besitzer des Entflohenen und dessen Freund hätten auf der anderen Seite einen heillosen Lärm gemacht, um zu ihrem Rechte zu gelangen. Der Wali hat die Sache vertagt. Er will zunächst nach Bagamoyo schicken und den Händler herbeischaffen, von dem der Kläger den Burschen gekauft haben will.