Dar-es-Salaam, d. 20. Sept.
Sejid Madjid hat, als er diesen Hafen zu seiner Residenz erkor, hier einen Wald von Kokosnußpalmen anpflanzen lassen, der sich etwa eine Stunde weit in der Ebene hinzieht. Wenn ich in dem mäßigen Waldesschatten auf dem weichen Sandboden gehe, rings um mich her Baumstämme und nichts als Baumstämme, so fühle ich mich in den Grunewald versetzt. Hat unser Maskatesel nichts für die Station zu thun, so reite ich vor dem Morgenkaffee mitunter durch den Wald nach der Schamba. Dies ist eine Oase. Um den durch einen Quell gebildeten, mit Schilfpflanzen und Papyrus angefüllten Weiher, den Lieblingssitz der von den Schwarzen sehr gefürchteten kleinen Giftschlangen, bedeckt üppiges Grün den Sandboden. Ein Stacket umgiebt Weiher und Wiese. Hier weiden die Rinder und Schafe der Station, sowie auch die Eselin »Johanna«.
Heute Morgen machte ich die Erfahrung, daß man das Naturell der Maskatesel nicht unterschätzen darf. Da ein Damensattel selbstverständlich zu den hier unbekannten Gegenständen gehört, reiten wir auf einer Decke, ohne Steigbügel, also ohne jeden Halt. Das ging bis heute ganz vortrefflich und ich hatte nie die geringste Sorge. Heute Morgen nun, als ich von der Schamba zurückkehrend, im Begriff war, in die erste Indergasse Dar-es-Salaam's einzulenken, fing es an zu regnen. Ich ließ den Zügel fallen und machte mir mit beiden Händen an meinem Schirm zu schaffen. Als dieser aber beim raschen Aufspannen etwas krachte, wurde mein Reittier plötzlich wild und that einen jähen Sprung zur Seite. Da ich auf ein derartiges Manöver gänzlich unvorbereitet war, fiel ich sofort hinten über. Es gelang mir eben noch, dieser unfreiwilligen Beugung nach rückwärts so weit nachzuhelfen, daß ich, den aufgespannten Schirm in den Händen, der ganzen Länge nach zwar, aber doch unbeschadet auf die Erde zu liegen kam. Der feurige weiße Renner sauste unterdessen über die Ebene, dem Walde zu, denn sein Herz trieb ihn nach der Schamba, wo Johanna, seine Freundin, graste. Questenberg, der schwarze Stallknecht, der uns auf unseren Spazierritten zu Fuß begleitet, lief, was er laufen konnte, hinter dem Ausreißer her und war, als ich mich aufrichtete, schon in weiter Ferne. Das Schicksal seines Pflegebefohlenen beunruhigte ihn natürlich ungleich mehr, als das meine. Bald verschwanden Beide im Palmenwald. Ich mußte, beschämt über meinen Leichtsinn, mit dem zum Glück unzerbrochenen Übelthäter von Schirm zu Fuß nach Hause pilgern, gelobte aber im Stillen, in Zukunft dem Temperament einer edlen Rasse etwas mehr Rechnung zu tragen.
Zwei Stunden später erst führte Questenberg den endlich eingefangenen Ausreißer in den Stall zurück.
Dar-es-Salaam, d. 22. Sept.
Gegen Abend fahren wir täglich ins offene Meer hinaus, um durch Einatmen der kräftigen Salzluft uns gegen das Fieber widerstandsfähiger zu machen. Mit Kreuzen jeden Windstoß ausnutzend, gelangen wir meist, ohne die Riemen in Bewegung zu setzen, durch die enge Öffnung des Hafens. Schon der Anblick der weiten leuchtenden Wasserfläche wirkt nervenstärkend. Dann schäumen die vom Kiel durchschnittenen Wellen zischend um das Boot, wie Champagner, und die salzigen Wassertropfen fallen wie ein Sprühregen auf uns nieder. Neben Herrn Leue, dem »bana mkubua« von Dar-es-Salaam, der den Sonnenschirm in der einen, das Steuer in der anderen Hand hält, sitzt der zierliche Mandoa, die geladene Büchse schußbereit. Regt sich etwas im Gestrüpp am Strande, oder blinkt zwischen dem Gezweig die weiße Brust eines Wasservogels, so gerät Mandoa in Aufregung wie ein guter Jagdhund und sieht seinen Herrn herausfordernd an, bis dieser zum Gewehr greift. Dann knattert ein Schuß oder zwei und von den Hügeln schallt das Echo zurück, oder wenn der Schuß einem Tümmler galt, springt die Kugel wie ein Gummiball wieder und wieder aufschlagend auf dem Wasser hin. Sämtliche Asikari, die, während Segel und Wind sie vom Rudern dispensieren, plaudernd umhersitzen, verfolgen mit lebhafter Teilnahme den Vorgang.
Am Horizont sieht man als eine Zackenlinie die schaumgekrönte Dünung der hohen See. Zuweilen erscheint dort ein schneeweißer Punkt, der langsam größer wird und endlich als leuchtendes Segel sich scharf vom Himmel abhebt. Dann fragen wir jedesmal: »Kommt die Dau von Zanzibar?«, worauf die Asikari antworten: »von Zanzibar« (suaheli = ja Ungudja). Oder sie sagen: »Es ist ein Fischerboot.« In Zweifel sind sie eigentümlicher Weise nie. Das Fischerboot läßt uns gleichgültig; ist es aber eine Dau von Zanzibar, so segeln wir ihr entgegen, weit hinaus, wenn Wind und Wellen es erlauben. Bald hört man ein dumpfes Trommeln, das ist die »ngoma«, mit der sich die Schifffahrer die Zeit vertreiben. Der Trommelwirbel ist schon aus weiter Ferne vernehmlich und klingt fast unheimlich; die begleitende Pfeife hört man erst viel später. Haben wir die Dau erreicht, so rufen wir dem Kapitän zu, ob er eine »Post« für uns habe? Zuweilen reicht man dann ein mit Bindfaden umwickeltes Packetchen ins Boot hinüber, über dessen Inhalt wir uns gierig hermachen. Ist nichts für uns da, so verachten wir die Dau und fahren resigniert weiter. Dann geht die Sonne unter. Wir nehmen die Flagge ab und wickeln sie zusammen. Das Rot am westlichen Himmel erlischt rasch und der Wind legt sich vollständig. Das Segel wird gerefft und die Ruder, die in sicherem Takt das Wasser teilen, wirbeln mit jedem Schlage tausend diamantgleiche Funken auf. Zuweilen springt in unserer Nähe ein Delphin hoch in die Luft und senkrecht ins Meer zurück. Diese Tiere scheinen die Zeit nach Sonnenuntergang gymnastischen Übungen zu widmen.
Zanzibar, d. 1. Okt. 1887.
Da mir die Herren der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft in der zuvorkommendsten Weise geholfen haben, ist es mir gelungen, ein nicht weit von der Stadt am Meere gelegenes Haus zu mieten. Es ist umgeben von herrlichen Bäumen, schattig und still, also für Kranke und Erholungsbedürftige der geeignetste Aufenthalt. Ich werde dort, wenn ich von Deutschland aus genügende Unterstützung erhalte, eine Apotheke einrichten, um die einzelnen Stationen stets mit den notwendigen Medicamenten etc. versorgen zu können. Nach und nach können wir hoffentlich auf jede der Küstenstationen eine oder zwei Pflegerinnen setzen und ihnen die Ausrüstung für ein den sanitären Anforderungen nach Möglichkeit entsprechendes Krankenzimmer mitgeben. Auch hier sollen mehrere Zimmer für Kranke oder Reconvalescenten bereit gehalten werden.
Unsere Östreicherin hat inzwischen einen kleinen Jungen bekommen und befindet sich unter der Obhut der Hospitalschwestern ganz wohl. Es ist ein anmuthiges Bild, wenn die kleine, zarte »mère supérieure« das winzige Wickelkind auf den Armen hält und mit zärtlichem Stolz in den großen Augen auf das dumme Gesichtchen niedersieht. Ein so junger Pflegling mag selten ihrer Hut vertraut werden! Der Naturforscher ist auf einige Wochen hier gewesen, um seinen Sohn kennen zu lernen; aber zum Leidwesen der jungen Frau ist er wieder auf den Continent zurück. Er hat sie freilich samt dem Kindchen in die Wildnis mitnehmen wollen; – man weiß nicht, soll man solchen absoluten Idealismus bewundern oder ihn belächeln! Die Missionen, beide, die katholische und die englische, haben diesen zuversichtlichen Jünger der Wissenschaft fast mit Gewalt von diesem Vorhaben abgebracht. Die hiesigen Damen sind übrigens ganz erstaunt, daß ich bei dem wiederholten Küstenwechsel doch noch nicht den üblichen Tribut an Fieber gezahlt habe. Sie meinen, innerhalb elf Tagen solle ich mit Bestimmtheit auf einen Anfall rechnen. Ich glaube aber nach allem, was ich bis jetzt unangefochten durchgemacht habe, daß ich außerordentlich wenig zum Fieber disponiere.