d. 5. October 1887.

Bei dem hier stets nur zwölf Stunden dauernden Tag und der Hitze während desselben ist es ratsam, die Morgenstunden zu benutzen, was die Freunde auch stets thun. Es ist vorgekommen, daß Ramassan um sechs Uhr morgens schon an meine Thüre klopft mit der Meldung, die Herren säßen unten im Boot und ließen fragen, ob ich nicht Lust hätte, mich an der Fahrt zu beteiligen. Diese Botschaft weckt mich aus tiefem Schlaf; das Frühaufstehen war immer meine schwächste Seite. Ich halte indessen Fahren auf dem Meer für das beste Vorbeugungsmittel gegen Fieberzustände und versäume deshalb nicht gern eine Gelegenheit dazu, trotzdem ich selbst im Boot nicht vor Anwandelungen des leidigen Seeübels sicher bin. Am angenehmsten ist die Fahrt, wenn Herr Consul O'Swald den Kapitän macht; denn er ist ein halber Seemann, kennt jeden Fleck im Hafen und ist ebenso gewandt wie ruhig und besonnen. Regiert dagegen Herr Dr. Peters das Segel, so mache ich mich jedesmal auf ein unfreiwilliges Wellenbad mit zweifelhaftem Ausgang gefaßt. Dann pflegt unser kleines Boot ganz auf der Seite zu liegen und macht bei Wendungen und beim Manövrieren mit dem Segel bedenkenerregende Bewegungen. Vor dem Ertrinken fürchte ich mich nicht sehr, ich kann sogar ein wenig schwimmen, dagegen denke ich es mir sehr unangenehm, von Haifischen aufgefressen zu werden. Die Offiziere des Nautilus behaupten allerdings, es befänden sich zur Zeit nur zwei Haifische im Hafen, Karl und Anton geheißen. Die seien mit dem letzten von Arabien heimkehrenden Pilgerschiff hereingekommen. Anton sei gutartig, Karl habe dagegen erst vor Kurzem einen Neger aufgefressen.

Thatsache ist, daß die Haifische sich den von Norden kommenden Pilgerschiffen anschließen. Der fromme Sultan Bargasch ben Said giebt so viel Pilgern, wie das Schiff aufnehmen kann, freie Überfahrt nach Arabien und läßt an Reis und Kokosnüssen so viel an Bord schaffen, daß die Gläubigen eine ganze Weile davon leben können. Da der Sultan bis auf einen Araber lauter deutsche Kapitäne hat, so werden auch diese Pilgerschiffe meist von einem Deutschen commandiert. Herr Kapitän Jürgensen erzählte mir Schauerliches von der Rückfahrt eines solchen Schiffes. Die Gläubigen, die sich als Deckpassagiere durch hervorragende Unsauberkeit auszeichnen sollen, haben auf der Reise vom Hafen nach Mecca und zurück gewöhnlich, was sie an Geld und Mundvorrat noch besaßen, aufgezehrt. Dann entstehen an Bord Hunger und Epidemien. Die über Bord geworfenen Leichen ziehen die Haifische an, und diese ungemütlichen Tiere halten mit den überlebenden Pilgern ihren Einzug im Hafen von Zanzibar.

d. 12. October.

Fieber habe ich bis jetzt nach Ablauf der kritischen elf Tage noch nicht bekommen, obwol ich den Rat der Hospitalschwestern, am neunten und zehnten Tage nach meinem Eintreffen hier Chinin zu nehmen, in dem allmälig gewonnenen Gefühl der Sicherheit nicht befolgte. Heute aber habe ich vor Ungeduld und Ärger geweint. Man braucht nur etwas Dringendes vorzuhaben, wobei man auf hiesige Zwischenhändler angewiesen ist, so lernt man ein Lied von der Unzuverlässigkeit und unbesiegbaren Indolenz dieser Orientalen singen! Mir liegt so viel daran, bald in die gemietete Schamba überzusiedeln und ich komme nicht mit den vorbereitenden Arbeiten von der Stelle.

d. 15. October.

Mohamed ben Salim ist gestorben. Dieser Premierminister des Sultans war erst ein Dreißiger und sein plötzliches Ende giebt zu allerhand dunklen Mutmaßungen Anlaß. Er soll sich die Ungnade seines Herrn zugezogen haben. Er hat einen Tag vor seinem Ende an Herrn Dr. Peters eine Botschaft geschickt mit der Bitte, dieser möge sich persönlich zu ihm bemühen, er habe ihm etwas mitzuteilen. Herr Dr. Peters verschob den Besuch auf den nächsten Tag; inzwischen war aber der Araber gestorben. Im Volke war der Verstorbene gefürchtet und beliebt. Der lange Abdallah (Karl Schmidt), ein Juwel von einem Diener, der sonst kein überflüssiges Wort redet, blieb heute beim Spaziergang plötzlich vor mir stehen, wandte sich nach mir um und sagte mit düsterem Ernst: »Bibi! Mohamed ben Salim kaputto«. Das letzte Wort haben sich die Schwarzen von uns angeeignet und gebrauchen es mit Vorliebe. Auch unser »ja« gefällt ihnen so gut, daß sie es nicht nur im Verkehr mit uns, sondern auch unter einander anwenden.

Insel Zanzibar. Schamba,
d. 25. October.

Gott sei Dank, ich bin in meinem Hause und mit der Einrichtung desselben so ziemlich fertig! Die neugeflochtenen Matten liegen auf den Stubenböden, die Möbel stehen an ihrem Ort, Wäsche und Verbandzeug, säuberlich geordnet, füllt in großen Haufen die Schränke; sogar die Fenstervorhänge sind genäht und aufgesteckt. Das an sich sehr hübsche Haus sieht nun so sauber und freundlich aus, daß es eine Freude ist, darin umherzugehen. Die vielen großen Kisten mit Wäschegegenständen und Küchenutensilien, die mit dem letzten Schiff von Berlin geschickt worden, sind auf den Schultern schwarzer Pagazi zu mir hinausgewandert; man hörte den tactmäßigen Gesang schon von weiter Ferne und bald unterschied ich an der Art des Atemholens zwischen dem Singen, sowie am Tempo, ob eine schwerere Last zu erwarten war, oder eine leichtere. Je schwerer die Last, desto schneller und abgebrochener tönte der Gesang. Hier angekommen, speculierten die meist nur mit dem Lendentuch bekleideten Jünglinge auf meine Gutmütigkeit und stellten sich, als ob sie heftige Leibschmerzen hätten. Ich hatte nämlich einem unter ihnen, der wirklich Magenschmerzen zu haben schien, etwas Cognac verabreicht. Auf eine sofort ausgebrochene Epidemie konnte ich mich natürlich nicht einlassen, ich gab jedoch den Hanswursten, um sie zu trösten, pro Mann zwei der aus Berlin erhaltenen Pfeffernüsse, und das befriedigte sie auch.

Beim Auspacken der Kisten, was auf der unteren Veranda vorgenommen wurde, umstanden uns die Diener voll Neugierde und äußerten naive Bewunderung für jeden unbekannten Gegenstand aus »Uleija« (Europa). Auch das Füllen der Bettkissen mit Kokosnusfasern haben wir auf der zu ebener Erde gelegenen Veranda besorgt.