Mit dem Kisuaheli, das hier überall die vermittelnde Sprache bildet, komme ich freilich noch nicht weit. Die feuchte Hitze, diese wahre Treibhaustemperatur, wirkt so erschlaffend, daß man sich wenig zu Sprachstudien aufgelegt fühlt. Freilich würde mich die Notwendigkeit zwingen, endlich ernsthaft zu lernen, wenn ich nicht eine Haushälterin hätte, die nach jeder Richtung hin ein Wertobject ist. Ich habe sie sowol wie den Diener Boheti und den Küchenjungen Hamed der Station Dar-es-Salaam ausgeführt. Frau Glühmann ist von Geburt Griechin. In dem deutschen Waisenhaus der Kaiserswerther Diakonissen in Jerusalem »Talitha Kumi« hat sie ihre Erziehung erhalten und ist dann in Kairo als Köchin bei dem dortigen evangelischen Geistlichen gewesen. Dort und wol auch schon in Jerusalem hat sie arabisch gelernt, was sie fließend spricht, wenn auch in anderem Dialect als die Araber hier. In Kairo hat sie ein Deutscher, Namens Glühmann, der als Krankenwärter am dortigen deutschen Hospital angestellt war, geheiratet. Das junge Paar hörte von der hiesigen Kolonie, und von dieser alles Heil erwartend, verließen sie Kairo und kamen mit ihren Ersparnissen nach Zanzibar. Hier wollte sich indessen eine ihren Wünschen entsprechende Stellung nicht finden, vielmehr mußten sie dem ungewohnten Klima, das ebenso feucht ist, wie Ägypten trocken, reichlichen Tribut zahlen. Die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft nahm sich ihrer an, soweit sie konnte. Ich kaufte ihnen zur Einrichtung unserer Pflegestation in Dar-es-Salaam ab, was sie an Hausgerät und Betten besaßen. Da mir sowol Baron Gravenreuth wie auch Herr Missionar Greiner die Leute warm empfahlen, habe ich sie immer im Auge behalten. Jetzt haben sie sich in den Parterre-Zimmern meines Hauses wohnlich eingerichtet und die Frau unterstützt mich aufs Beste. Sie führt die Wirtschaft, beaufsichtigt das Kochen, wobei sie den als Küchenjungen fungierenden Schwarzen, Namens Hamed, zum Koch anlernt, und da sie sich mittlerweile auch mit der Suaheli-Sprache vertraut gemacht hat, vermittelt sie den Verkehr zwischen mir und der hiesigen Bevölkerung. Sie hat alle vierzehn Tage Fieber, welches jedoch selten länger als einen Tag dauert und nicht mit Heftigkeit auftritt. Ihren Mann hat Herr Dr. Peters zunächst als Krankenwärter für die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft angestellt, doch soll er hier wohnen. Er kann auf diese Weise mit seiner Frau zusammensein und wir haben in unserer einsam gelegenen Schamba den Schutz eines Europäers. Glühmann ist nach Pangani gereist, um den dort schwer erkrankten Dr. Spuhn zu holen.
d. 1. Nov. 1887.
Glühmann ist zu unserem Schmerz allein zurückgekehrt. Als er nach Pangani kam, war Herr Dr. Spuhn bereits seinen Leiden erlegen. Der Kranke hatte, wie das grade bei den Deutschen öfters vorkommt, hartnäckig das ihm gebotene Chinin zurückgewiesen, grade wie seinerzeit Herr Regierungsbaumeister Wolff. Neulich besuchte mich der Vorsteher der hiesigen katholischen Mission, Père Acker, und ihm sprach ich über die Bedenken, die von deutscher Seite so häufig gegen das Chinin erhoben werden. Er teilte sie nicht und meinte, die organischen Veränderungen, die wir dem Chiningenuß zuschreiben, seien eine Folge des Fiebers, nicht des Chinins. »Ich habe schon Manchen am Fieber sterben sehen,« sagte er, »aber noch Keinen am Chinin.«
Ein Herr Julius Hensel, »Lehrer der angewandten, organischen Chemie«, hat mir eine Kiste mit Salzen geschickt (biammonium phosphat, Hämolin-Eisen und calcium magnesium) und dieselben in einem ausführlichen Begleitschreiben als bewährtes, dem Chinin weit vorzuziehendes Mittel gegen das Malariafieber empfohlen.
Bis jetzt habe ich mit diesen Henselschen Salzen bei den Europäern freilich nichts ausgerichtet. Herr Missionar Greiner, dem ich in Dar-es-Salaam während eines mit Schüttelfrost verbundenen Fieberanfalls anriet, das jedenfalls unschädliche »Nervensalz« (biammonium phosphat) einmal zu probieren, wies diese Zumutung mit Entrüstung zurück! »Hebe Dich von mir, Satanas!« Hier, wo es sich so oft um Leben und Tod handelt, fühlt man sich im Allgemeinen zum Experimentieren nicht aufgelegt. Die in unserem an Gedankenarbeit reichen Vaterland gemachten Entdeckungen in die Praxis zu übertragen, das müssen wir einem vertrauenswürdigen deutschen Arzt überlassen. Hoffentlich schickt man uns bald einen solchen.
Meine leichten Fieberfälle behandle ich so: der Patient muß schwitzen, je mehr, desto besser. Dabei sinkt die Temperatur fast immer und er erhält ein Gramm Chinin. Am nächsten Tag, wenn die Blutwärme normal ist, erhält er noch ein halbes Gramm. Wer die Anfälle regelmäßig bekommt, wie Frau Glühmann und die Familie Greiner, muß, solange er meiner Obhut anvertraut ist, täglich ein Glas Chinawein trinken. Bei Galligkeit ist Eno's Fruchtsalz das Universalmittel.
d. 2. Nov. 1887.
Ich habe hier von allen Seiten den Blick ins Grüne. Eine wahre Wildnis von Mangobäumen und Palmen umgiebt mich. Rechts vom Hause ist der Hühnerhof, in welchem zur Zeit siebenunddreißig Hühner des Gebraten-, bez. Gekochtwerdens warten. Wir essen selten ein anderes als Hühnerfleisch und nur seine Zubereitung bietet Variationen. Daneben haben wir rohen Schinken, der sich zu meiner Verwunderung recht gut hält. Links liegt der Gemüsegarten, in den wir bereits Salat und Radieschen ausgesäet haben. Dort wachsen Melonen und Gurken, Papaïs und rote Pfefferschoten. Sogar ein Weinstock schlingt seine Reben um ein Gelände. Wenn die Regenzeit vorüber ist, will ich den von Berlin erhaltenen Blumen- und Gemüsesamen aussäen. Garten und Hof sind auf drei Seiten von dem Ackerland der Schamba umgeben, welches mit Maniok bestanden ist. Ananasstauden bilden die Einfassung des Ackers und der Beete, während eine Reihe dicht nebeneinanderstehender Bananen das Gartenland von den angrenzenden Wiesen trennt. Im Garten und auf dem Felde wachsen zahlreiche junge Orangenbäume, deren gelbgrünes Laub gegen das dunkle der riesigen Mangobäume und das saftgrüne der Bananen lebhaft kontrastiert. Die dichte, niedrige Hecke trennt meine Schamba von einem lang gedehnten Wiesenstreifen, der sich zwischen dem Meer und der Mnasimodja bis nach Zanzibar erstreckt. Vor der Stadt liegt die große Kaserne. Auf der erwähnten Wiese hält General Mathew Truppenrevue ab. Fast allmorgendlich werden dort militärische Übungen vorgenommen, und wenn ich noch halb im Schlafe liege, glaube ich mich beim Hören der kriegerischen Musik und der energischen Kommandorufe nach Berlin versetzt.
Hinter meinem Haus wirft das Meer seine Schaumwellen gegen zackige Korallenklippen. Auf einem vorspringenden Riff liegt so malerisch als möglich eine Station der englischen Mission, Kiungani. Es ist dies meine nächste europäische Nachbarschaft. Morgens, mittags und abends läßt das Glöckchen der dortigen Kapelle sein helles Läuten zu uns herüberklingen. Am Fuße des Kiungani-Felsens unmittelbar am Meere, das hier ziemlich starke Brandung hat, steht ein eigentümlicher langgestreckter Steinbau. Das ist Sr. Hoheit des Sultans Pulvermagazin.
Mein kleiner, zahmer Nachtaffe, Mucki, springt känguruhartig, die lächerlichen Händchen mit den langen Fingern in die Luft streckend, durch die Zimmer. Klapp, klapp, geht es immer, wenn die Hinterfüßchen nach weitem Luftsprung den Boden berühren. Mucki ist sehr zutraulich. Am liebsten klettert er mir auf die Schulter und jetzt beißt er grade ganz frech am Federhalter, mit dem ich schreibe.