d. 4. November 1887.
Heute besuchten mich zwölf Banjaninnen mit etlichen Kindern. Der etwa fünfzehnjährige Sohn meines Hauswirtes, Djeta Vali, geleitete die Damen hierher. Bei solchen Visiten macht Frau Glühmann den Dragoman. Mein großes Empfangszimmer füllt sich an mit zierlichen gelbbraunen Indierinnen. Es dauert eine geraume Weile, bis ich Allen in Erwiderung des schmeichelnden »Jambo, bibi, jambo!« die Hand gegeben habe. Abdallah und Boheti schleppen Stühle herbei und Alle nehmen Platz. Nun beginnt die Unterhaltung. Die anmutigste der jungen Frauen erzählt mir in harmloser Anschaulichkeit eine Krankheitsgeschichte, deren Details von Frau Glühmann übersetzt werden. Dabei hilft der junge Sohn des Djeta, der ein bischen englisch versteht. Dinge, über die bei uns der wohlerzogene Arzt seine Patientin im Flüsterton befragt, werden hier laut im Salon verhandelt, ohne daß es jemandem einfiele, verlegen zu werden. Diese naive Offenheit erinnert wirklich an das Altgriechische. – Ich hole der schönen Dame Arznei und gebe ihr nach meinem besten Verstehen Rat. In Wirklichkeit weiß ich gar nicht Bescheid bei ihrem Leiden, was mich sehr verdrießt, was ich aber nicht merken lassen darf. Die Patientin nimmt voll Dankbarkeit meine Hand und führt sie an Stirn und Augen. Um mein Gewissen zu erleichtern, empfehle ich ihr, den als sehr tüchtig geltenden persischen Arzt zu consultieren; aber sie schüttelt traurig den Kopf. Von einem Mann läßt sie sich nicht behandeln.
Die Banjaninnen tragen kurze, mit handbreiten, glatt anliegenden Ärmelchen versehene Jäckchen in den leuchtendsten Seidenstoffen, die sich der Form des Körpers eng anschließen. Die Oberarme sind mit schweren Goldreifen geziert, davon einige wol zwölf Centimeter breit sind. Sie tragen ferner, wie die Araberinnen, enge, bis auf die Knöchel reichende Beinkleider und um die Fußgelenke ebenfalls schweren Silber- und Goldschmuck. Über diesen unteren Kleidungsstücken befindet sich ein mehr oder minder geschmackvoll drappierter Überwurf von rotbuntem, persischen Muster, der schleierartig den Hinterkopf bedeckt, wie bei der sixtinischen Madonna. Das Vorschieben und Zurückwerfen dieser Umhüllung scheint zu den Lieblingsgesten zu gehören; es wird dabei viel Schalkhaftigkeit und Anmut entwickelt. Die Gesichter, deren Schönheit in den überaus sanften, träumerischen Augen besteht, haben die Damen nach Art der Schönheitspflästerchen aus der Rococcozeit mit Gold- und Silbersternchen beklebt; zwischen den Augenbrauen malen sie einen kreisrunden, zinnoberroten Fleck. Auf meine Frage, was dieser zu bedeuten habe, sagten sie: »dasturi«, d. h. es ist Brauch oder Sitte.
d. 7. November 1887.
Djeta Vali, der Besitzer meiner Schamba, ein reicher Indier, mohamedanischen Glaubens, besucht mich häufig. Er hält das ersichtlich für seine Pflicht als mein Hauswirt. Der würdige Herr, der, wenn er sich zu mir bemüht, stets sein wallendes Staatsgewand trägt, – (er besitzt deren zwei, ein burgunderrotes und ein königsblaues) – schreitet mit feierlichem Gesicht durch alle Zimmer und betrachtet die Einrichtung genau. Dann sagt er: »ah! ngema sana!« und seufzt dazu, denn er denkt wahrscheinlich, für diese jetzt »sehr gut« aussehende Wohnung hätte er mehr Mietgeld verlangen können. Im Empfangszimmer, wo Herr Djeta Platz nimmt, hängen zwei vorzügliche Bilder des Kaisers und des Kronprinzen. Während dem Gast der übliche Scherbet gereicht wird, fühlt er sich veranlaßt, die über diese Bilder erhaltene Lection zu recapitulieren. Er sagt dann: »Dies ist der Sultan der Deutschen und dies ist sein einziger Sohn. Euer Sultan ist 91 Jahre alt und sein Sohn 54.« Ich freue mich, daß er sich Alles gut gemerkt hat und füge als stehende Redewendung hinzu: »unser Sultan ist ein sehr guter Mann.« Darauf sagt Djeta: »Das hast Du gar nicht nötig noch zu sagen. Wenn er 91 Jahre alt ist, kann er gar nichts anderes sein; denn nur einen sehr guten Mann läßt Gott so alt werden.«
Dies ist einmal ausnahmsweise keine Phrase, sondern bei den Mohamedanern innigste Überzeugung. Der Sultan Bargasch ben Said machte vor Kurzem ganz dieselbe Bemerkung in einem Gespräch mit Herrn Dr. Peters.
d. 10. November 1887.
Unser geräumigstes im ersten Stock gelegenes Krankenzimmer ist zum Lazaret umgewandelt. Die Fellachen, die von Ägypten aus herbeigeschafft wurden, um den Tabaksbau auf den deutschen Stationen zu leiten, haben sich als dem Klima viel weniger gewachsen herausgestellt als unsere deutschen Herren, während man gerade das Gegenteil erwartet hatte. Jetzt liegen die armen Menschen hier vom Fieber geschüttelt. Ihr Führer, ein wohlhabender Araber und Tabakspflanzer aus Ismaïla, leidet schon seit Monaten an Dyssenterie und sein Zustand scheint hoffnungslos. Leider habe ich ihn zu spät in die Hände bekommen. Die anderen drei Kranken befinden sich in den fieberfreien Stunden sehr wohl hier. In ihren feuerroten, von unseren Berliner Damen genähten Hemden, sitzen sie mit kreuzweise untergeschlagenen Beinen auf ihren Betten und lachen mich so freundlich an, wenn ich mich nach ihnen umsehe. Sprechen kann ich nicht zu ihnen, denn sie verstehen nur arabisch. Nachdem aber, was ich durch Frau Glühmann höre, ist ihre Ausdrucksweise echt orientalisch. Einer beschwerte sich unwillig, als ihm während des Fiebers kein Brot verabreicht wurde. Als aber der Anfall vorüber war, dankte er in überschwenglichen Redewendungen für die gegen ihn ausgeübte Strenge und gipfelte in den Worten: »wenn Du mir nun sagst, Du wollest mir die Kehle durchschneiden, so soll es mir auch recht sein.«
d. 16. November.
Eben fuhr seine Hoheit der Sultan Bargasch ben Said an dem geöffnet stehenden Thor meines Gartens vorbei. Das ist immer ein glänzender Zug. Voran vier Paar rotuniformierte Vorreiter, dann zwei Offiziere der Leibwache in Schwarz und Gold, alle auf prachtvollen arabischen Pferden. Darauf folgt die geschlossene Equipage des Fürsten von vier schneeweißen Rossen gezogen, dann eine zweite Equipage, in welcher sich vermutlich einige Sultaninnen befinden. Den Schluß machen wieder zwei Paar feuerrote Reiter. Der ganze Zug bewegt sich in sausendem Galopp und ist verschwunden, kaum daß man einen Blick darauf geworfen hat. Der Sultan soll in letzter Zeit sehr alt geworden sein.