Vor Kurzem habe ich mit den Herren Baron Gravenreuth und Baron St. Paul einige reiche Indierinnen besucht, deren Ehemänner sehr darum gebeten hatten. Man tritt von der engen Straße aus in den Laden dieser Großhändler und Millionäre, in einen engen, düsteren Raum. In einer Ecke liegt ein Haufen gewaltiger Elephantenzähne, der nach wenig aussieht, denn die Zähne sind schwärzlich und unsauber, der aber einen ansehnlichen Wert repräsentiert. Die Comptoiristen hocken auf dem Fußboden und haben vor sich auf niederen, in Indien geschnitzten Holzschemeln die Kontobücher liegen, Folianten, in rotem, dem Aussehen nach kostbaren Stoff gebunden. Der Hausherr, der sich jedesmal sehr geehrt fühlte, führte uns dunkle und steile Treppen hinauf nach seinem Salon, der ungefähr aussah wie der Warenraum eines unserer kleinen Kaufleute. Glasschränke mit indischen Luxusartikeln rings an den Wänden; in den Nischen eine Menge Porcellan auf Wandbrettern, meist ein aus deutscher Fabrik stammendes blumiges Muster, wie man es bei uns auf den Dörfern findet. Nun wurden die »Bibis« herbeigerufen. Die Frauen des Djeta Wali kamen auch; aber die des Sewa Hadchi konnten sich nicht entschließen. Sewa, ein höchst intelligenter aber ebenso intriganter Herr, der für europäische Reisende die Karavanen auszurüsten pflegt, hielt uns in Folge dessen einen erbaulichen Vortrag über den himmelweiten Unterschied zwischen europäischen Frauen und Orientalinnen. Eine derartige Visite bietet im Allgemeinen nichts Interessantes, giebt aber den Indiern den Eindruck, daß wir Deutschen es gut mit ihnen meinen.

d. 18. Nov. 1887.

Gute Nachrichten von Dar-es-Salaam. Bertha hat meine Sendung erhalten. Sie hat täglich schwarze, arabische und indische Patienten; daneben beaufsichtigt sie die Küche der Station. Die Herren Leue und Tschepe sowie Herr Missionar Greiner und seine Damen sind Gott sei Dank alle wohlauf.

Herr Dr. Bley aus Usungula und Herr Schroeder von der Plantagengesellschaft sind auf kurzen Urlaub in Zanzibar gewesen. Beide arbeiten mit wahrem Fanatismus daran, ihre Niederlassungen zu Musterstationen zu machen.

Herr Dr. Bley hat von Usungula einen Baumstamm mitgebracht, dessen ebenholzschwarzes, festes Holz ihm der Beachtung wert scheint. Mein Bruder ist auf dem Rückweg von Indien hierher begriffen, hat aber in Magadoxa den Dampfer gewechselt, um die dem Sultan tributpflichtigen Häfen der Somaliküste zu besichtigen.

Es ist eine wahre Genugthuung für deutsches Nationalgefühl, das einmütige Schaffen und das energische, ernste Vorwärtsstreben unserer Kolonialbeamten zu beobachten. Man sagt im Allgemeinen: wo drei Deutsche sind, da sind auch drei auseinandergehende Meinungen. Die Beamtenschaft unserer Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft bietet gegenwärtig, Gott sei Dank, ein entgegengesetztes Bild. Es sind da ja so ziemlich alle deutschen Gaue vertreten: Lauenburger und Hamburger, Ostpreußen, Mecklenburger, Schlesier, Berliner, Sachsen, Thüringer, Baiern und Würtemberger. Alle stehen aber für einen Mann. Dieser musterhafte Corpsgeist erweckt begründeter Weise bei den Außenstehenden ein Gefühl von Unbehagen, das bei den uns auf Schritt und Tritt mit Argusaugen bewachenden Engländern täglich zu wachsen scheint.

d. 20. Nov. 1887.

Ardili Effendi ist gestorben. Ich habe nichts versäumt, um den armen Mann seiner in Ismaïla zurückgelassenen Familie zu erhalten und der gute Dr. Marseille hat, obwol er wußte, daß die Mühe vergeblich war, täglich den weiten Weg zu uns hinaus gemacht. Glühmann hat sich während der sehr schweren Pflege musterhaft benommen.

Ardili Effendi hat während seiner dreimonatlichen Krankheit nach Aussage seiner Untergebenen alles gegessen, was ihm in den Weg kam, insonderheit Mangos und andere, schon Gesunden nicht sehr heilsame Früchte. Mit etwas mehr Vorsicht hätte die eiserne Natur des Ägypters ohne Zweifel über die Krankheit den Sieg davongetragen. Sein Grab ist am Strande des Meeres, in der Nähe meines Gartens.

d. 22. November.