Wenn mich des Nachts die Hitze einmal nicht schlafen läßt, habe ich, wie das in letzter Nacht der Fall war, eine Reihe von eigenartigen Concerten. Um Mitternacht ungefähr erhebt ein frommer Muselmann, der eine Hütte am Ende meines Gartens bewohnt, seine Stimme zu lautem Gesang. In eintöniger, mir bereits vertrauter Melodie sendet er seine Koranverse in die Nacht hinaus. Es ist eine junge, klangvolle Stimme. Leise secundiert ein anderer Gläubiger aus der Entfernung. Sein Organ klingt greisenhaft. Die mitternächtige Andacht dauert vielleicht eine Viertelstunde. – Dann ertönt das heisere Gebell eines Hundes; einer seiner Freunde beantwortet es, und nach wenig Minuten hallt es ringsum wieder von wehmütigem, vielstimmigen Geheul der schakalartigen wilden Hunde. Es ist, als suche immer einer den anderen an Jammer zu überbieten – eine schauerliche Fuge! Aber auch diese Sänger verstummen wieder, »ihren Gram begrabend in der untersten Tiefe.« Ich freue mich darüber und schlafe endlich ein. – In wundervollem rötlichen Gold sieht mir durch die offenen Fenster der Himmel entgegen, wenn ich morgens erwache. Das erste Aufleuchten des Tages ist von wunderbarer Schönheit hier. Die Papaïs und Palmenwedel schimmern feucht in dem von den ersten Sonnenstrahlen berührten Nachttau und auf der Schlucht am Kiungani-Felsen lagern blauweiße Nebel. Plötzlich erschallt vielstimmiger Männergesang, so frisch und kräftig und so melodisch dabei, daß ich mir sofort sage: da marschieren Deutsche und singen ein deutsches Lied. Und so ist es auch. Die fröhlichen Sänger sind die Matrosen des »Nautilus«, die in der Morgenkühle am Meeresstrand Übungen machen.

Eben kommen Herr Konsul O'Swald und Herr Dr. Peters durch das Thor gefahren.

d. 23. Nov. 1887.

Als ich gestern Abend mit Herrn Dr. Peters und Herrn Konsul O'Swald beim Abendessen in der Halle saß, meldete Abdallah einen Boten aus der Tabaksplantage »Olga«. Dieser brachte für Herrn O'Swald ein Briefchen. Mein Herr Nachbar durchlas es und machte ein bedenkliches Gesicht. Sein Vertreter auf der Plantage schrieb, der Aufseher (ein Thüringer, namens Frey) sei plötzlich schwer am Fieber erkrankt. Er habe eine Temperatur von 40 Grad, sei äußerst deprimiert und glaube sein Ende gekommen. Herr O'Swald möchte doch so gut sein, den Kranken so rasch als möglich per Wagen nach Zanzibar schaffen zu lassen.

Soweit der Inhalt des Briefes, mit dem der Bote natürlich zuerst in Zanzibar gewesen, mithin schon eine geraume Zeit unterwegs war. Ich schlug Herrn O'Swald vor, den Kranken hierher zu bringen und mir zu überlassen. Dies war eine wesentliche Kürzung der in keinem Falle einem Fieberkranken förderlichen Nachtfahrt, denn meine Schamba liegt gerade auf halbem Wege zwischen Zanzibar und der Plantage »Olga«. Herr O'Swald, dem die bedeutende Vereinfachung der Sache auch einleuchtete, ging sehr gerne auf diesen Vorschlag ein. Wir trugen rasch Decken und Plaids herbei und, da der Wagen unten stand, konnte er ungesäumt nach der Plantage fahren.

Frau Glühmann und ich ließen es uns unterdessen angelegen sein, das Krankenzimmer im oberen Stock in Bereitschaft zu setzen. Herr und Frau Glühmann liefen geschäftig treppauf, treppab. Sie überboten einander an Eifer, denn diesmal galt es, einem Landsmann Hülfe zu schaffen. Als ich im befriedigenden Bewußtsein, daß Alles in Ordnung, zu meinem allein gebliebenen Gast in die Halle zurückkehrte, sagte Herr Dr. Peters mit ironischem Lächeln: »Sie freuen sich wol ordentlich, wenn jemand wieder krank geworden ist?« Herr Dr. Peters denkt über das Krankwerden wie die mère supérieure vom Hospital vom heiligen Geist und vom heiligen Herzen Mariä. Auch er meint, daß man in den meisten Fällen im Stande sei, durch Kraft des Willens eine Krankheit im Entstehen niederzukämpfen.

Nach kaum dreiviertelstündigem Ausbleiben kam mein wackerer Nachbar mit seinem Kranken, den er nach Möglichkeit eingepackt hatte und mit einem Arm festhielt, während er den anderen zum Handhaben der Zügel brauchte, zurück. Der Kranke klapperte trotzdem in heftigem Schüttelfrost und wurde schleunigst zu Bett gebracht. Glühmann hat nachts bei ihm gewacht.

Heute Morgen kam, von Herrn Konsul O'Swald geschickt, der gute Dr. Marseille, der den Kranken bat, sich vollständig zu beruhigen und im übrigen mit unseren Einrichtungen sehr einverstanden war. Ich habe nach dem Muster derjenigen im Augusta-Hospital Temperaturbögen angefertigt. Diese befestige ich an der Wand, so daß der Arzt sie bequem übersehen kann, und bezeichne mit Rotstift dreimal täglich die Blutwärme des Patienten, solange sie nicht normal ist. »Voilà ce qui est bien!« sagte Dr. Marseille, als er dies bei dem verstorbenen Ardili Effendi zum ersten Mal sah, »on voit ce qui se passe

d. 24. Nov. 1887.

Gestern ist mein Bruder angekommen. Körperlich und geistig erfrischt durch die ihm in Indien und auf der Reise gewordenen heiteren Eindrücke. Er ist in Bombay von Sr. Königl. Hoheit dem Herzog von Connaught sowie von dem Gouverneur der Hauptstadt, Lord Ray, sehr freundlich empfangen worden, hat überhaupt weit mehr gesellige Vergnügungen gefunden, als er erwartete. Während seines vorübergehenden Aufenthalts in Zanzibar wohnt er bei mir auf der Schamba, was meinem Haus für mich eine ganz heimatliche Färbung verleiht. Herrn Frey's Fieber scheint normal zu verlaufen. Heute haben wir auch Omar Abdallah, den letzten unserer Ägypter, als geheilt entlassen können.