Erfreulicher Weise ist von dem Moment an, daß Herr Dr. Koch sich meines Kranken annahm, eine ganz auffallende Besserung in dessen Zustand eingetreten, was niemand freudiger anerkennt als der arme Herr Stephens selbst. Das Fieber sinkt allmählich und die Schmerzen haben unter den verordneten Eiscompressen ebenfalls abgenommen. Der Patient, der heute seine Hühnersuppe mit Appetit verzehrte, sagte mir ganz erfreut: »Sowie ich das Gesicht von Herrn Dr. Koch vor mir sah, ist mir Hoffnung und Lebensmut zurückgekommen!« Der Kranke ist so geduldig und liebenswürdig, daß er auch meines Bruders Teilnahme in hohem Grade erweckt hat. Herr Consul O'Swald läßt übrigens auch keinen Tag vergehen, ohne sich nach ihm umzusehen und ihm Mut zuzusprechen. Herr Dr. Koch, der leider demnächst mit der Möwe fortfährt, meint, mit der ins Auge gefaßten Operation könne in Folge dieser unerwartet günstigen Wendung gewartet werden.

Mein Bruder und Baron Gravenreuth machen mir ernstliche Vorstellungen darüber, daß ich mir nicht genügend Bewegung schaffe und gar nicht mehr in's Freie komme. Ich gehe dafür im Haus treppauf, treppab; das muß genügen. Abends, wenn ich mit meinem Bruder in der Halle beim Essen sitze, treiben wir Insectologie. Jeder Teller und der ganze Eßtisch wimmelt von kleinen, größeren und ganz großen geflügelten und ungeflügelten Ameisen. Zwischen diesen flinken Gästen spazieren Käfer von mancherlei Gestalt und Farbe. Laut brummend und mit den Flügeln klappernd, umschwirren »langbeinige Cikaden« unsere Lampen; andere drehen sich wie ein Brummkreisel auf dem Tisch und summen dazu wie ein Kessel, der Dampf ausläßt. Neulich fing Abdallah auf dem Büffet ein Fledermäuschen und brachte es uns. Er hielt das Tierchen an den Enden der ausgespannten, durchsichtig weißen Flügel, der Körper war mit einem weißen Fellchen bekleidet, das Köpfchen hellbraun. Unter den nach vorne gerichteten braunen Öhrchen hervor sahen uns ein paar erschrockene Äuglein an. Wenn ich das niedliche Tierchen streichelnd berührte, zuckte es ängstlich zusammen. Wir ließen es bald wieder in die Dunkelheit hinausfliegen. Zuweilen hören wir ein lautes Aufklopfen, einmal auf dem Stubenboden, einmal auf dem Tisch in rascher Folge. Dann bemerken wir einen hüpfenden braunen Körper, der sich bei näherem Hinsehen als Maulwurfsgrille kennzeichnet. Es hilft nun nichts, wir müssen uns schon mit diesem zudringlichen Volk befreunden.

Unangenehmer ist es, daß hier Rost und Schimmel ihr Wesen mit einer geradezu unheimlichen Geschäftigkeit treiben. Jedes Stückchen Leder, jeder Schuh, jedes Futteral, jedes Buch präsentiert sich, wenn man es drei oder vier Tage vertrauensvoll sich selbst überlassen hat, mit dichten grünen Schimmelwaldungen überwachsen. Jedes Stückchen Metall hüllt sich in Rostbraun. Erfolglos hantiere ich mit Öl, Vasseline und Abwischtüchern herum, die Natur arbeitet hier gar zu eifrig. Man ist zuweilen versucht, die Hände zusammenzulegen und sich für überwunden zu erklären.

»Hoffnungslos
Weicht der Mensch der Götterstärke!
Hilflos sieht er seine Werke,
Und bewundernd, untergeh'n.«

d. 9. Dezember 1887.

Heute mußte sich nun auch mein Bruder legen. Die Leistenanschwellung, die er bis jetzt mit Gewalt ignoriert hat, ist sehr schmerzhaft geworden und wird demnächst geschnitten werden müssen. Ich selbst kann ein Gefühl des Unbehagens nicht recht abschütteln und fange an, zu glauben, daß die Herren Recht haben, wenn sie mich drängen, spazieren zu gehen. Ich werde mich auch dazu aufraffen. Heute habe ich mich den Herren Flemming und Baron Gravenreuth zu einem schönen Spaziergang durch Wiesen und Reisfelder angeschlossen. Auf den Korallenklippen längs des Meeres hin unterhalb des Kiungani-Felsens und am Pulvermagazin vorbei, kehrten wir zurück. Den Kranken geht es verhältnißmäßig gut.

d. 11. Dez. 1887.

Den Nachmittagskaffee oder Thee nehmen wir jetzt in dem kleinen Zimmer meines Bruders, an dessen Bett, ein, und das ist stets die heiterste Stunde des Tages. Heute, als wir eben beim Theetrinken waren, meldete Abdallah Herrn Dr. Koch. Dieser hatte sich bereits meine anderen Kranken angesehen und trat nun bei uns ein. Meinen Bruder (den ich mit feuchten Umschlägen behandelt hatte) sehen, ihn untersuchen und nach einem scharfen Messer verlangen, war eins. Ich hatte mein chirurgisches Besteck zur Hand. Im Handumdrehen verschwand das Theeservice und die Bisquitkiste. An deren Platz wurden die Schalen mit Karbollösung etc., Jodoformpulver, Holzwollwatte und was sich sonst gehört, auf das Tischchen gestellt. Der Doktor schnitt, wusch sich die Hände und verabschiedete sich, während ich Verband anlegte. Der ganze Vorgang ging so unbeschreiblich schnell und kam so unvorbereitet, daß mein Bruder und ich, als wir uns besannen, laut und herzlich zu lachen anfingen.

d. 21. Dez. 1887.

So, nun bin endlich auch ich an die Reihe gekommen. Es ging mir wirklich mit dem Fieber wie jener bekannten alten Dame mit dem Diebe, das heißt, nachdem ich es nun seit sechs Monaten erwartet hatte, empfing ich es mit dem Gefühl: »na endlich!« Am zwölften, Abends, bemerkte mein Bruder, als ich nicht essen mochte und etwas aufgeregt sprach, er vermute stark, daß ich Fieber habe. Daraufhin holte ich nicht ohne Neugierde den Fiebermesser, welcher eine Temperatur von 38,5 ergab, also leichtes Fieber. Ich konstatierte dies erstmalige Eintreten desselben mit einer gewissen moralischen Genugthuung, denn warum sollte