| »ich allein |
| unter Leiden glücklich sein?« |
Am nächsten Morgen wollte ich nach einer ruhig verschlafenen Nacht wie gewöhnlich aufstehen, aber kaum hatte ich mich aufgerichtet, so erfolgte zu meinem Erstaunen überaus heftiges Gallenerbrechen. Taumelnd legte ich mich zurück und merkte, daß ich liegen bleiben mußte. Die Temperatur schwankte vier Tage lang zwischen 39,5 und 40,5; Pausen gab es gar nicht. Die Gemütsdepression, die ich am meisten fürchtete, trat indessen nicht ein; das objektive Interesse an den Krankheitserscheinungen blieb vorherrschend. Während der drei ersten Tage hatte ich das eigentümliche Gefühl, aus lauter einzelnen, lose aneinander gelegten Stückchen zu bestehen; auch zogen in bunter Reihe unzählige Bilder an mir vorüber, immer mit Musikbegleitung, und ich wunderte mich dabei, daß Bilder und Musik stets überaus anmutig waren, während den Berichten Anderer zufolge Fieberfantasien mehr beunruhigender Natur zu sein pflegen. Mein Bruder, dem ich dies mitteilte, sagte lächelnd: »Du fantasierst ja!«, ich habe aber nicht einen Moment das Bewußtsein verloren.
Viel schlimmer als das Fieber selbst finde ich die nachfolgende Schwäche. Von einem so hohen Grad von Kraftlosigkeit habe ich mir in der That nie einen Begriff gemacht! Ich besinne mich fünf Minuten, ob ich es wagen soll, einmal an's andere Ende des Zimmers zu gehen, denn diese Anstrengung bringt eine Erschöpfung hervor, daß die Knie zittern und der Angstschweiß von der Stirne läuft. Auch jetzt, während ich die Buchstaben langsam male, zittert meine Hand so sehr, daß alles krumm und zackig wird.
d. 23. Dez. 1887.
Herrn Stephens geht es zu meiner nicht geringen Freude von Tag zu Tag besser. Herr Dr. Marseille, der selbst ganz verwundert darüber ist, sagte ihm gestern, als er ihn besuchte: »On peut féliciter, monsieur, vous êtes revenu de bien loin.«
Ich bin übrigens tief gerührt durch die nur von Zanzibar aus gewordene Teilnahme. Während ich noch lag, haben mich sowol die Schwestern vom katholischen Hospital, Albrechts besondere Freundinnen, als auch die von der evangelischen Mission besucht. Fräulein Rentsch konnte natürlich nicht umhin, mich etwas auszulachen. »Sehen Sie wol«, sagte sie, »und wie haben Sie immer das große Wort gehabt!«
d. 25. Dez. 1887.
Alle meine Festpläne sind durch das Fieber vereitelt worden, dessen Folgen sich noch immer in sehr störender Weise bemerklich machen. Frau Glühmann hat aber Pfefferkuchen gebacken und echt deutsche Weihnachtsstollen. Auch bin ich gestern selbst im feuchtheißen Garten gewesen, um ein Orangenbäumchen zum Christbaum auszusuchen. Wir haben es mit buntem Papier, Pfefferkuchenherzen und den schönen, leuchtend roten Pfefferschoten geschmückt.
Gestern Abend holte Herr Konsul O'Swald meinen Bruder und mich in seinem Wagen nach dem Usagara-Haus, wo sämtliche gerade anwesende Beamte der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft zu einem kleinen Diner versammelt waren. Freiherr v. Eberstein, der vor Kurzem erst vom Kilima Ndjaro hierher zurückgekehrt ist (eine Fußreise von 23 Tagen!), hatte Hof- und Treppen-Aufgang geschmackvoll mit Palmenzweigen und bunten Lampions dekoriert. Auf der Tafel prangte aber als Christbaum ein wirkliches Tannenbäumchen, welches der jüngere Herr O'Swald vor einigen Tagen auf seinem Dampfer »Zanzibar« von der Heimat mit herübergebracht hatte. Wir brannten kleine Tannenzweige an, aßen von dem von Frau Glühmann gebackenen Pfefferkuchen und versetzten uns im Geist nach Deutschland. Zu meinem Bedauern mußte ich sehr bald aufbrechen, da ich mir noch nicht die geringste Anstrengung zumuten darf.