Frau Glühmann kam heute Vormittag weinend zu mir. Ihr Mann liegt seit gestern Abend an leichtem Fieber, doch da das hier zu den alltäglichen Vorkommnissen gehört, legte ich kein Gewicht darauf. Jetzt berichtete die Frau so bedenkliche Symptome, daß ich annehmen mußte, einen »cas pernicieux«, wie unser Doktor sagt, vor mir zu haben. Ich tröstete die vor Schreck und Aufregung Zitternde, so gut ich konnte, und erlaubte ihr, sofort selbst nach Zanzibar zu gehen. Unterdessen mußte ich freilich, so zerbrochen ich mich auch noch fühlte, meine Kranken und die Küche allein besorgen. Herr Stephens, der bereits aufgestanden ist, versprach aber in der liebenswürdigsten Weise, sich um Herrn Frey zu kümmern, und meine treuen Schwarzen wetteiferten miteinander, mir die Arbeit in der Küche möglichst leicht zu machen. So ging es ganz gut. Frau Glühmann hatte sich indessen zu dem allgemeinen Vertrauensmann, Père Acker, begeben und diesen um Rat gefragt. Père Acker hatte ihr gesagt, sie möchte dem Doktor Marseille ruhig vertrauen. Sie wandte sich nun an diesen und der Doktor kam sofort. Er fürchtete ein perniziöses Gallenfieber, konnte oder wollte indessen noch nichts Bestimmtes sagen. Im Verlauf des Tages wurde der Kranke am ganzen Körper zitronengelb und ebenso färbte sich das Weiße in den Augen. Er warf sich laut stöhnend umher und klagte über unerträgliche innere Hitze. Die arme Frau weinte bitterlich und war nicht zu bewegen, ihren Mann auch nur auf ein Viertelstündchen zu verlassen. Ich schickte nochmals nach dem Arzt, der noch am Abend kam. Seine Befürchtung war eingetroffen. Er suchte seinerseits die verzweiflungsvolle Frau zu beruhigen und verordnete kalte Vollbäder, Eiskompressen und als Nahrung nur Milch und geeisten Champagner. Ich hatte mich tagsüber angestrengt und war bei dem besten Willen nicht im Stande, die Nachtwache zu übernehmen. Ebensowenig durfte ich sie der Frau überlassen, die der Schmerz halb von Sinnen zu bringen schien. Ich schrieb daher an Fräulein Rentsch, die Krankenpflegerin der evangelischen Mission, und bat sie, mir, wenn möglich, in der bevorstehenden Nacht zu helfen. Schwester Rentsch schickte mir ihre Gehilfin, die Diakonissin Schwester Auguste. Diese macht durch ihr ruhiges und festes Auftreten einen wohlthuenden Eindruck. Sie meinte übrigens, der Kranke würde kaum die Nacht überleben.
d. 27. Dez. 1887.
Die Nacht war schlimm, wie Schwester Auguste sagt, doch ist der Zustand des Kranken unverändert. Als wir heute Morgen in der Halle frühstückten, sah mein Bruder durch's Fenster nach dem Hafen und rief: »Da liegt der Nautilus wieder!« Bald darauf – Albrecht und ich standen im unteren Flur unter der Haustür und sahen etwas besorgt nach dem Doktor aus – kamen Herr Dr. Peters und Herr v. Gravenreuth gefahren, um sich nach uns umzusehen. Herr Dr. Peters, der nie an Seekrankheit leidet, dies trübselige Übel überhaupt weder kennt noch anerkennt, ist von der Meerfahrt sehr erfrischt zurückgekehrt und erzählte mancherlei von Pangani, was mich interessierte.
Nachmittags kam die Post. Das war nun diesmal keine Weihnachtsfreude für mich. Man ist in Berlin mit dem, was ich thue, unzufrieden und stellt unausführbare Anforderungen.
Ich thue aber mit Überlegungen und mit Bewußtsein, was ich im gegebenen Fall für das Rechte halte. Natürlich ist dadurch nicht ausgeschlossen, daß ich irren kann.
d. 28. Dez. 1887.
Das war eine unruhige Nacht! Herr Dr. Peters holte auf seinem gestrigen Nachmittags-Spaziergang meinen Bruder ab und nahm ihn mit nach der Stadt, wo er im Kreise der Kameraden den Abend zubringen wollte. Herr O'Swald kam Nachmittags mit seinem Wagen, um den wieder ganz munteren Herrn Stephens nach Zanzibar zu befördern. Kurz nachdem Alle fortwaren, kam der nach Eis ausgeschickte Bote zurück mit der Nachricht, der Sultan gäbe ein Fest, infolgedessen sei heute kein Eis zu bekommen. Als sie dies erfuhr, geriet Frau Glühmann derartig außer sich, daß es weder Schwester Auguste noch mir gelang, sie auch nur einigermaßen zu besänftigen. Sie wollte durchaus selbst nach der Stadt laufen und dort alles aufbieten, um Eis herbeizuschaffen. Selbstverständlich konnte hieran nicht gedacht werden, denn sie befand sich in einem Zustand von Übermüdung und fieberhafter Aufregung, daß ich jeden Augenblick ein völliges Zusammenbrechen ihrerseits erwartete. Ich schickte einen Boten nach dem Usagara-Haus mit ein paar Zeilen für meinen Bruder, dem ich unsere Not vortrug und ihn bat, sein Möglichstes zu thun. Inzwischen badeten wir den Kranken und machten ihm feuchte Umschläge; aber er jammerte unausgesetzt nach Eis, ohne welches er verbrennen müsse. Es wurde Abend, und ich quartierte Schwester Auguste, die sich tagsüber wenig Ruhe gegönnt hatte, in mein Zimmer ein, wo sie sich auch bald zur Ruhe begab. Frau Glühmann dagegen widerstand all' meinem Drängen, ein Gleiches zu thun. Sie, die sonst die Fügsamkeit selbst war, ist wie ausgetauscht. Ich ließ schließlich ihr Bett in das Krankenzimmer tragen und setzte es durch, daß sie sich hier wenigstens niederlegte. Um zehn Uhr endlich kam die ersehnte Antwort meines Bruders, aber auch er hatte trotz eifriger Bemühungen und trotzdem er einen Boten an den Sultan geschickt, nichts erreichen können.
So groß die Not nun auch war, so fehlte es doch selbst dieser schlimmen Nacht nicht an scherzhaften Momenten. Gegen Mitternacht hörte ich schon in der Ferne das lustige Pfeifen meines Bruders, mit dem er sich die in der Nacht zuweilen lästigen wilden Hunde fern zu halten pflegt. Mit aufmerksamen Ohren verfolgte ich sein Näherkommen. Ich hörte, wie er erst das Gartenpförtchen schloß, dann die Hausthüre auf- und wieder zuschloß, und wie er in gewohntem raschen Schritt die Treppe heraufkam. Aber statt nun, wie ich erwartete, mich im Krankenzimmer aufzusuchen, wandte er sich von dem großen Mittelzimmer aus nach links, wo er gar nichts zu suchen hatte und dann hörte ich ihn zu meinem lebhaften Erstaunen in deutscher Sprache laut sprechen. Plötzlich dämmerte mir ein Licht auf. Eilig ging ich nach meinem Schlafzimmer und richtig, da saß er auf dem Sessel neben meinem Bett, um gewohnter Weise seiner vermeintlichen Schwester Bericht über die Eindrücke des Abends zu erstatten. Wer aber hinter den dichten Musketieren diesen Bericht in tiefem Schweigen entgegennahm, das war die arme Schwester Auguste.
Ich rief: »Aber Albrecht! Wo bist Du denn?!« Das wirkte, und er war schnell genug aus dem Zimmer. Ich sprach der Schwester mein Bedauern über die nächtliche Störung aus, sie zeigte aber zum Glück den besten Humor und versicherte mir, sie werde sogleich wieder einschlafen.
Beruhigt kehrte ich zu meinem Kranken zurück. Dort war inzwischen auch Albrecht angelangt und kündigte mir an, er werde nun die Wache für mich übernehmen. Herr und Frau Glühmann waren unterdessen in ihrer Herzensangst darauf verfallen, daß ein Bote, der um Mitternacht nach der Eisfabrik geschickt würde, möglicher Weise um zwei oder drei Uhr morgens schon Eis bekommen könne und sie flehten mich an, diesen Plan auszuführen. Ich wußte, daß der Versuch vergeblich sein würde, auch waren meine Leute tagsüber so viel nach der Stadt und zurück gelaufen, daß ich nicht Lust hatte, sie auch nachts noch für nichts und wieder nichts herum zu jagen. Dies setzte ich dem Kranken auseinander und redete ihm zu, noch Geduld zu haben, bis der Tag anbräche. Glühmann antwortete in seiner krankhaften Erregung heftig, worauf mein Bruder ihn in strengem Ton zurechtwies, ein Ton, der störrigen Rekruten oder Schwarzen gegenüber besser angebracht sein mochte, als bei einem Schwerkranken, und der jedenfalls nicht einem berufenen Krankenpfleger angehörte. Dies durfte natürlich nicht so weiter gehen und ich bat meinen Bruder dringend, sich schlafen zu legen. Albrecht wollte es aber wenigstens nicht bequemer haben als ich und verstand sich auf mein Zureden nur dazu, sich im Nebenzimmer auf den Fußboden zu legen, wobei er sich zum Schutz gegen die Muskitos mit einem Betttuch zudeckte. Bald hörte ich jedoch an seinen kräftigen und regelmäßigen Atemzügen, daß er schlief.