Um halb sechs Uhr, sobald der Morgen dämmerte, rief ich meinen Bruder und bat ihn, einen der Schwarzen zu wecken und schleunigst nach der Stadt zu schicken. Albrecht ging hinunter und ich öffnete das Fenster, um die kühle, erquickende Morgenluft einzulassen. Auf einmal sah ich eine dunkle, gänzlich unbekleidete Gestalt in großen Sprüngen durch den Garten eilen, der übrigens noch in fahlem Dämmerlicht lag, und im Negerhäuschen am Eingang verschwinden. Gleich darauf kam Albrecht wieder herauf und erzählte lachend, er habe unfreiwillig großen Schrecken erregt. Als er nämlich seiner Meinung nach den ersten besten Schwarzen beim Rockzipfel gepackt habe, um ihn aus dem Schlaf zu rütteln, sei dieser, das Gewand in seiner Hand lassend, in jähem Schrecken aufgesprungen und mit der Schnelligkeit eines Hirsches davongelaufen. Ihm sei nämlich statt des Dieners eine unserer Wasserträgerinnen in die Hände geraten.
Der Richtige hatte sich indessen auf den Weg gemacht und wurde mit Sehnsucht zurückerwartet. Als er aber nach einer Stunde zurückkam, brachte er doch kein Eis! dieses sollte erst um neun Uhr zu haben sein.
Die Verzweiflung meines unglücklichen Patienten über dies verlängerte Warten ist nicht zu beschreiben und meine Kraft, sein Jammern anzuhören, ohne Hülfe schaffen zu können, war vollständig am Ende. Ich erlaubte Frau Glühmann aufzustehen, maß die Temperatur des Kranken, die wunderbarer Weise etwas gesunken war, gab ihm eine Gabe Chinin, die er nur mit großem Widerstreben nahm, und legte mich auf einen Rohrsessel in die nächste leerstehende Stube. Hier schlief ich sofort ein.
Mein Bruder weckte mich, als um neun Uhr der Arzt kam. Dieser war mit dem Zustand des Kranken sehr zufrieden und meinte, das Bedenklichste sei jetzt wirklich sein gänzliches moralisches Zusammenbrechen. Wenn ich ihn dazu bekommen könnte, sich etwas aufzuraffen und Mut zu fassen, so sei ein Besserwerden gar nicht ausgeschlossen. Als bald darauf der Diener das schmerzlich entbehrte Eis brachte, atmete ich auf. Es schien mir, als müsse nun Alles eine Wendung zum Guten nehmen.
Mein Bruder, dessen heitere Stimmung durch die unruhige Nacht durchaus nicht gelitten hatte, erzählte mir fröhlich, er habe vor einer Stunde etwa mit Schwester Auguste zusammen gefrühstückt. Sie sei sehr unterhaltend und liebenswürdig gewesen, also habe sie ihm seinen nächtlichen Überfall wol nicht übel genommen. Sie war, da sie den Kranken wohler gefunden hatte, nach Zanzibar zurückgekehrt.
d. 10. Januar 1888.
Das neue Jahr habe ich in heftigem Fieber angefangen. Mein Bruder ist nach der Station Petershöhe gereist, während ich noch zu Bett lag. Herr Dr. Peters ist heut in Begleitung der Herren Baron St. Paul und Regierungsbaumeister Hörneke auf der Zanzibar abgereist, um sich nach Berlin zu begeben. Mit dem Herrn Regierungsbaumeister Hörneke, der bis jetzt Chef der Station Pangani war, habe ich noch vom Bett aus eingehend über die geplante Einrichtung einer Pflegestation dortselbst sprechen können. Wenn ich Erlaubnis und Mittel zum Bau eines einfachen, auf Pfählen erhöht stehenden Holzhauses erlange, kann ich im Frühjahr, sowie der Südwestmonsum wieder eingesetzt hat, ans Werk gehen. Dazu helfe Gott. – Gegenwärtig bin ich matt, wie eine Fliege im Winter.
d. 12. Januar 1888.
Bertha, meine wackere Gehülfin, ist gleichzeitig mit mir in Dar-es-Salaam schwer krank gewesen. Sie hat sich indessen, Dank ihrer guten Natur, rasch wieder aufgerichtet und soll, sobald sie gute Reisegelegenheit findet, hierherkommen, um sich bei mir auszuruhen und zu erholen.
Glühmann, der schon wieder im Garten spazieren gehen durfte, ist leider aufs neue erkrankt, und zwar an einer Nierenentzündung. Dr. Marseille verordnete täglich ein heißes Bad und die äußerste Vorsicht gegen Zugluft. Genießen darf der Kranke nichts als Milch.