Meine Wasserträgerinnen haben heute gestrikt. Infolge ihrer Arbeitseinstellung wollte Frau Glühmann die männliche Dienerschaft veranlassen, Wasser zu holen. Aber es geht gegen das Ehrgefühl der Schwarzen, eine Weiberbeschäftigung, und als solche gilt das Wassertragen, zu verrichten. Die Schwarzen kamen zu mir, und hielten mir mit lebhaften Gesten und Mienenspiel einen Vortrag darüber, sie seien zum Stuben reinmachen, zum Fegen, Aufwarten bei Tisch, zur Küchenarbeit und zum Botengehen da, aber nicht zum Wassertragen, und das thäten sie nicht. Ich lachte sie aus, was bei den Schwarzen immer von vorzüglicher Wirkung ist, und frug, ob sie denn ebenso unverständig sein wollten, wie die Weiber. Mit jenen wollten wir uns schon auseinandersetzen, oder andere Tagelöhnerinnen mieten. Heute aber sei Wasser nötig, besonders für den Kranken, und ob sie denn wollten, daß Frau Glühmann und ich selber das Wasser aus der Cisterne holen sollten? Im übrigen würde ich jedem, der heute als Freiwilliger fleißig Wasser trüge, einige Pesa schenken. Damit waren die Schlingel zum Glück einverstanden, grinsten mich freundlich an und sagten: »Du hast wohl gesprochen, Bibi, wir werden thun, was Du willst.« Der treffliche Abdallah, der meine Leute musterhaft in Ordnung hielt, ist ernstlich krank. Er fehlt mir überall.
d. 15. Jan. 1888
Herr Leue und Bertha Wilke, unsere Pflegerin, sind über Bagamoyo nach Zanzibar gekommen, um sich hier etwas aufzufrischen. Das durchgemachte schwere Fieber hat weder Bertha noch mich grade verschönert, was ja vorauszusehen war; aber das lebhafte junge Mädchen war, als wir uns wiedersahen, so betroffen über die Veränderung in meinem Aussehen, daß sie in heftiges Weinen ausbrach. Ihre Nerven scheinen einen starken Stoß erlitten zu haben. Ich werde sie nun zunächst in jeder Weise schonen, damit sie sich ganz erholt.
Dagegen geberdet sich der aus Dar-es-Salaam ausgeführte Diener Boheti ganz unsinnig vor Freude, als er seinen »bana Rubwa« wiedersah. Die reine Pudelnatur! Er biß sich beinah in beide Ohren und sein dummes Gesicht strahlte in Seligkeit. Ich bot Herrn Leue, der, um nach meiner Schamba zu kommen, einen heißen Weg gemacht hatte, einen kühlenden Trunk an, deutsches Bier, Limonade oder Sodawasser, was ich alles auf Eis stehen hatte. Aber er verachtete diese Genüsse und fragte: »haben Sie keine Madafu?« Er zog thatsächlich den Saft der Kokosnüsse, der ihm noch vor wenig Monaten Widerwillen erregt hatte, den vaterländischen Getränken vor. Spricht dies nicht für die Fähigkeit des Deutschen sich zu acclimatisieren?! –
Herr Leue hat übrigens jenen entlaufenen Sclaven, für dessen Freilassung er sich seinerzeit beim Wali von Dar-es-Salaam verwendet, schließlich dem Anspruch erhebenden Besitzer abgekauft und als Hausdiener beschäftigt. Ich freue mich für den armen Burschen.
d. 21. Januar 1888.
Bertha erholt sich, Gott sei Dank, von Tag zu Tag und ihr lustiges Lachen und Schwatzen belebt schon wieder unser stilles Haus. Selbst die Niedergeschlagenheit der armen Frau Glühmann, deren Mann noch recht krank ist, hält dieser ungekünstelten Heiterkeit und Lebhaftigkeit nicht immer Stand. –
Mein Aufenthalt in Ost-Afrika naht sich leider seinem Ende. Nach den zwischen mir und meinem Vorstand in Berlin zu Tage getretenen Meinungsverschiedenheiten mußte ich dem letzteren die Alternative stellen, mir, was Einrichten neuer Pflegestationen betrifft, einigermaßen freie Hand zu lassen, oder mich meiner Verpflichtungen zu entheben. Denn ohne eine gewisse Freiheit der Bewegung bin ich bei der Schwerfälligkeit des schriftlichen Verkehrs zwischen Berlin und hier nicht im Stand, mit Aussicht auf Erfolg weiter zu arbeiten. Eine daraufhin in Berlin einberufene Generalversammlung hat, wie mir telegraphisch mitgeteilt worden, einstimmig gegen mich entschieden.
Von ärztlicher Seite wird mir dringend ein baldiger Klimawechsel empfohlen, ich gedenke daher, obwol ich es weit vorziehen würde, bei meinem Bruder zu bleiben, mit dem nächsten Sultansdampfer über Indien nach Europa zurückzukehren, um, so Gott will, in nicht zu ferner Zeit die mir ans Herz gewachsene Thätigkeit hier unter günstigeren Bedingungen wieder aufnehmen zu können.
Ungern freilich lasse ich das kaum erst begonnene Werk im Stich und thue es nur »der Not gehorchend, nicht dem innern Triebe.« – Der Vorpostendienst unserer Landsleute hier, er sei von welcher Art er wolle, scheint mir für die Gewinnung und Festigung deutschen Einflusses von großer Wichtigkeit. Es liegt auf der Hand, daß in diesen ganz unfertigen, in den ersten Anfängen einer gesunden Entwickelung stehenden sozialen Verhältnissen das Einzelwesen noch eine ganz andere Bedeutung hat, als in den Kulturstaaten Europas. Darum möchte man auch nur die Besten der Nation, hier, wo noch jeder Deutsche mehr oder minder als Repräsentant des Deutschthums empfunden wird, beschäftigt sehen. Ich scheide mit dem Wunsch, daß mein Platz im Interesse der Weiterentwickelung unserer Sache nur durch eine wirklich gute Kraft ausgefüllt werden möge. Dann kann und wird aus den von meiner Hand gelegten schwachen Keimen ein segenspendendes Werk emporwachsen zur Ehre der deutschen Nation. Das walte Gott. –