„Ja, ja, Herr Manuel.“

„Die Mutter hat also zwei Mal daraus genommen, zehn Tropfen. Du sagtest, sie hätte, bevor es geschah —“

„Jawohl, Herr Manuel,“ die alte Minka begann von neuem zu weinen in der Erinnerung an Frau Leas letzte irdische Verrichtung.

„Wer hat ihr die Tropfen gegeben?“

„Die junge Frau, wie immer —“

„Die Flasche lag auf der Erde und war leer. Ihr habt sie wohl umgestoßen. Nun danke, Minka.“ Die Alte ging. Er beugte sich zur Erde und suchte die Stelle, wo das Fläschchen gelegen war, tastete den Boden ab, ob er feucht wäre von vergossener Flüssigkeit. Bleich erhob er sich. Zora stand hinter ihm. Sie hielt Blumen in der Hand. Sie legte sie auf die Decke hin. Sie fand kein Wort des Trostes.

„Laß doch, später,“ sagte er und schob die Blumen beiseite. Dann ging er ans Fenster und blieb regungslos. „Wenn sie mir folgt,“ sprach sein Herz, „wenn sie kommt, wenn sie ihren Kopf an meine Schulter lehnt, wie sie zu tun pflegt —“ Aber er hörte, wie Zora das Zimmer verließ. Später, als er sich quälte, um seinen Verdacht zu besiegen, sagte er sich, daß wohl Mißtrauen aus seinem Blick geglommen war und ihre Annäherung verscheuchte.

Er sprach das Sterbegebet, sprach vor der kleinen Gemeinde die Worte: „Herr des Seraphs und des Wurms, Herr des Lebens und des Todes, ich bin in deiner Hand. Wenn du mich abrufst, ist mein Glück dein Wille, denn du bist die Liebe und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in dir und du in ihm. Du Licht und Heil, ich fürchte mich nicht, denn meine Seele ist bei dir.“ Als er so sprach, da war Zora bleicher als das Bahrtuch. Dennoch, sie trug sein Kind und er wandte sich ihr zu und bannte mit dem äußeren Willen die Dämonen des Verdachtes.

Seine Stelle im Observatoire war besetzt, so ging er mit Zora nach England, wo eine Zusammenkunft der Schauenden einberufen war. Givo gründete dort die weltliche Seelsorge. Er ging dabei von dem Standpunkt aus, daß der kirchliche Priester in seinem abgeschlossenen Lebenswandel nicht Einblick gewinnen könne in die mannigfaltigen Verwicklungen des Lebens, daß er ein Schauender nur des Himmels und ein Wegschauender der Erde sei. Aber um der Menschen Seele zu versorgen, müsse man ein Schauender des Lebens sein. Er rief die Priester in den lichten Tag hinaus, zu forschen nach den Quellen der Schuld, die ihnen gebeichtet werden, wenn sie erst schal geworden und unwiderruflich trotz der Sühne. Er wies die Bedrängten an eine neue Art von Helfenden, an die weltlichen Seelsorger, die auf dem ganzen Erdenrund ihre ratende, warnende, tröstende und verzeihende, heilende Tätigkeit entwickeln sollten.

Er half Settlements einrichten, Arbeitererholungsheime, die sich allmählich zu Volksuniversitäten ausbilden sollten. Er arbeitete im Sinne Elihu Burrits am Entstehen der Friedensbewegung. Oft aber sehnte er sich zurück nach der nächtlichen Stille seiner Sternwarten. Er war nun niemals allein. Zora erwartete das Kind. Durfte er sie da auf unbegrenzte Zeit verlassen? Er war neuerdings gebunden und seine Pläne waren es mit ihm. Seine Gedanken an Arabella und seine freudige Ungeduld um das Kind begegneten sich in seinem Herzen. Zuweilen erschrak er, daß er von einer anderen als von der Geliebten ein Kind haben sollte, die vor Gott seine Frau war. Aber ihm war, dieses wäre in Liebe um sie gezeugt. War er denn nicht ganz erfüllt von ihr!