Zora hatte nun erreicht, was ihr äußerlich zu erreichen möglich war, aber was galt ihr nun die Fessel, die Imanuel an sie schmiedete, da sie erkannte, daß ihr spröder Unmut, der immer wieder bei ihr die Oberhand gewann, sein Herz ihr abkehrte, so sehr er es auch verbarg. Wie oft schrie sie es ihm, dem Stillen, Freundlichen ins Gesicht: „Sag doch, daß du mich hassest, so sag es doch!“ Givo konnte den Zeitpunkt nicht erwarten, bis das Kind sich aus dieser Hülle begeben würde, die ihm vergiftet schien von dunklen Leidenschaften. Er, der für alle Menschen ein Heilmittel zu finden meinte, er versagte kläglich an Zoras Bitterkeit. Sie wollte Liebe, Leidenschaft. Er konnte sie ihr nicht geben, er besaß sie nicht mehr.
Als seine Kräfte zu versagen drohten und er die hohe Welt seiner eigenen Lebensinsel aufs äußerste bedrängt sah, als er schon verzagte Arabella erhoffen zu dürfen, ward ihm ein Mädchen geboren und oh Wunder, es glich der Geliebten. Zora erkrankte an der Geburt und war lange unfähig sich des Kindes anzunehmen. Ja, sie selbst wollte, daß man es aus dem Hause entferne. Ihr war, als könne es in ihrer Nähe Schaden nehmen. Ihr Wesen verdüsterte sich zunehmend. Sie wußte, das Kind glich nicht ihr, nicht Givo, sondern jener anderen, an die auch sie oft und oft gedacht hatte, weil sie ihr Manuels Herz neidete. Sie hatte in eifernder Qual ihr Bild immer wieder wachgerufen, jenen flüchtigen Augenblick, da sie verächtlich an ihr vorübergeschritten war, daß sie wohl auch damals von ihrem Antlitz besessen war, als sie es empfangen hatte. Und er, dachte er denn jemals an sie, Zora? Nein, das fühlte sie zu jeder Stunde, der Himmel, zu dem er aufsah, war bestrahlt von der einen, anderen. Zora konnte es körperlich spüren, wenn er mit seiner Sehnsucht bei dieser weilte.
Da das Kind seinen Sinn nicht gewendet, da sie vielmehr glaubte, ihr entstellter Körper entfremde ihn, hatte es ihr gefallen mit ihrer Mutterschaft Spott zu treiben. Mit einem Male war wieder der Ehrgeiz der Künstlerin ihn ihr erwacht. Sie wollte nur bald sich der engeren Gemeinschaft mit dem Kinde entledigen. Als ihr zugemutet wurde, es selbst zu nähren, lachte sie verächtlich. „Mit Galle statt mit Milch!“
In einem englischen Dorf vor der erwarteten Zeit gebar sie das Mädchen. Daß es Arabella glich, schien Trug zuerst, Wunsch dem einen, Befürchtung dem anderen, aber als das Kind einige Monate zählte, war eine Ähnlichkeit nicht zu verkennen.
Zora hatte, als sie sich wieder wohler fühlte, zu geigen begonnen, doch es war das alte Spiel nicht, und Givo schien es bedeutsam, daß es zerrissen klang, gequält, niemals sehnsüchtig hingegeben mehr. Er fühlte die Schuld, die er an seiner Frau innerer Verwüstung trug. Seit jener unselige Verdacht in ihm aufgestiegen, hatte er sie nicht mehr berührt, kaum daß seine Lippen ihre Stirne streiften. War dieser Bann des Blutes nicht Zeuge, daß mehr als Verdacht ihn hemmte! Ein Wissen mußte tief unten in der Welt der Instinkte sein Blut gewarnt haben. Aber er beklagte ihre Verlassenheit an seiner Seite, ihre Freudlosigkeit an dem Kinde, wie ein Fernstehender sah er alles und dieser war milde und freundlich zu Zora Uhari.
Noemi
„Kinder und Gräber sein Weibersachen.“
(Gerhart Hauptmann
„Rose Bernd“.)
Als sie von England nach Paris kamen, bat sie ihn, mit ihr die Gräber ihrer Eltern in Spanien zu besuchen. Er willigte ein. Er ging zu Helene und gab ihr das kleine Mädchen in Obhut, bis daß sie zur Weiterreise nach Deutschland und Österreich zurückgekehrt wären. Alphi klatschte in die Hände, daß er nun ein Schwesterchen haben solle. Helene Tallandre war erschüttert über die Ähnlichkeit der kleinen Noemi mit ihrer Herzensfreundin. Kaum war Imanuel abgereist, telegraphierte sie an Arabella Karinski. „Mache dich reisebereit, Brief folgt.“ In diesem schrieb Helene, sie müsse ihr von einem Wunder berichten. Givos Kind gleiche ihr. Es wäre für wenige Wochen in ihre Hut gegeben. Sie möge kommen, um es zu sehen. Sie und Tallandre würden sorgen, daß ihr Besuch Geheimnis bleibe. Helene hatte richtig geraten. Arabella depeschierte: „Ich komme.“ An einem der nächsten Abende trat sie leise mit traurig fragendem Lächeln ein. Sie war so seltsam geworden in ihrer reisenden, dennoch febrilen Schönheit, der Schmerz hatte ihren großen Kinderaugen etwas Überirdisches gegeben. Das Kindliche lag nur mehr um den Mund in dem Lächeln, in den Händen und Bewegungen. Ihre Augen waren wissender und auch ihre Art zu sprechen die einer sichern anmutigen Weltdame, die immer Bescheid weiß und die gewohnt ist, von jedermann Dienste dankbar zu empfangen. Helene küßte sie. In wortloser Rührung führte sie die Freundin in die Kinderstube. Da saß in Alphis Gitterbettchen ein kleines Mädchen mit strahlenden blauen Augen und fahlblondem Gelock um ein schmales Gesichtchen mit durstigrotem Mund, der es noch blasser erscheinen ließ. Es sah auf ohne Lächeln, ohne Furcht in ernsthafter Aufmerksamkeit. Dies schien kein Kind zu sein, kein Engel, keine Elfe und war doch etwas von all dem, eine Pflanze, Menschenkind genannt, aus Seelenland kommend. Man vergaß es nicht, wenn man es einmal sah. Es war schlank, fast gebrechlich, mager, seine Haut hatte einen leichten bräunlichen Stich, als glühte es unter ihr. Seine Augen leuchteten in einem fiebrigen Glanz und in ihnen war diese Fremdheit einer anderen Welt und die Sehnsucht nach zärtlicher Wärme. Arabella kniete vor dem Kind in tiefster Ergriffenheit. Es langte mit ernster Gebärde in ihre Haare, die den seinen glichen, und plötzlich lachte es laut auf, wie Kinder lachen, irdische Kinder. Es freute sich. Arabella hatte es angesehen mit heißester Liebe. War ihm zumute, als blickte es in einen Spiegel? Lachte es deshalb mit so holdem Laut? Sie stand auf, reichte der Kleinen ein Perlenkettchen, das sie seit Kindheit trug, eilte aus dem Zimmer. Schluchzen machte ihren Körper erbeben. Während sie weinend Helenens Hand hielt, sagte sie: „Bin ich nicht kindisch! Wie reizend ist es! Ein Engel! Hab Dank!“ Sie blieb den ganzen Abend an Noemis Bettchen, bis die Kleine schläfrig wurde und sie selbst auch die Müdigkeit der langen Reise übermannte. Am Morgen fuhr sie zu Ceciles Grabstätte. Sie fand sie in reichem Blumenflor. Gaston und sein Vater schmückten sie in dankbarer Liebe. Dann ließ sie nach Konrads Grab forschen. Es dauerte lange, bis man es in den Büchern verzeichnet fand. Sie hatte weit zu gehen und Mühe, es zu entdecken. Nur ein Schildchen bezeichnete es. Arabella blieb stehen und betete auf ihre Weise. Draußen vor den Toren des Friedhofes bestellte sie im Laden eines Steinmetz ein kleines Grabmal aus Porphyr. „Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur.“ Dies sollte in Konrads Stein gemeißelt sein.
Sie stand zu sehr unter dem Eindruck, den das Kind auf sie gemacht hatte, um die Stadt wiederzufinden. Einen Augenblick dachte sie daran, die Sainte Chapelle zu besuchen, aber sie schämte sich dieser Wallfahrtsgelüste. Die Bilder der Straßen flogen an ihr vorbei und taten ihr nicht wohl. Die Menschen waren ihr fremd geworden und sie empfand fast Unlust, in die Läden zu gehen und die schmeichlerischen Laute der Verkäufer zu hören. Zu Mittag war sie wieder bei der kleinen Noemi. Ein Wagen wartete vor dem Tor und nach dem Essen nahm Helene Alphi an der Hand, sie selbst das kleine Mädchen auf den Arm und trug es behutsam hinab ins Freie. Es war ein schöner Vorfrühlingstag. Sie fuhren ins Bois, hielten dann vor einem Spielzeugladen und Arabella kaufte ein. Wie glücklich war sie mit den Kindern. Einen Augenblick kam es wie ein Rausch über sie. Nimm die Kleine und entflieh! Gehört sie denn nicht dir vor Gott? Aber sie biß die Lippen zusammen und reichte sie abends Helene, die sie ins Bettchen zurücklegte. Noemi hielt die Püppchen in der Hand, die sie sich gewählt hatte, und sah mit ihrer ernsten Aufmerksamkeit bald auf Arabella, bald auf das Spielzeug. Noch hatte sie das Perlenkettchen um den Hals und seltsam, es wollte sich nicht von ihm trennen, hielt es fest und verzerrte schmerzvoll das Gesichtchen, als man es ihm nehmen wollte. Arabella hatte es als einen Talisman getragen seit ihrem fünften Jahr. Es war, sie ahnte es dunkel, ein Geschenk ihrer Mutter. Aber wie froh war sie, daß es die kleinen Händchen hielten wie ihr eigen.