Als sie die Kleine verließ, wollte Tallandre sie zurückhalten. Ob nicht das Wohl des Freundes über alle Bedenken ginge, Givo sei am Ende seiner Kräfte, sie zu ersehnen. Sie möge seine Rückkehr abwarten. Da verhärtete sich ihr Herz. „Nein, nein, nein,“ rief sie und wies auf die Türe, hinter der das Kind schlummerte. „Da dies hat er mir geraubt, auch ich hätte ein Kind von ihm, auch ich,“ und sie barg schluchzend ihr Antlitz. „Warum ist er mir nicht gefolgt nach seiner Mutter Tod, warum hat er mich verlassen und nicht diese Frau? Aber er hatte mir ja nichts geraubt, nein, er hatte mich ja gerettet aus den Armen meines Verführers und so eine, die darf man wieder hinausstoßen — in anderer Männer Arme, von Bett zu Bett.“ — Tallandre war erschüttert, in seiner Ungeschicklichkeit wußte er nichts zu sagen als: „Aber waren denn Sie es nicht, die ihm davonlief?“
Arabella war erschrocken über die eigene Heftigkeit. Die Anklage gegen den Geliebten, die sie selbst sich verschwiegen, hatte sie nun laut vor einem anderen ausgestoßen. Tallandres Bemerkung brachte sie völlig zu sich. Sie hob den Kopf, sah seine Bestürzung und unter Tränen lächelnd sagte sie, ihn mit du anredend: „Mein armer, lieber Fifi, das verstehst du nicht.“ Und als eben Helene eintrat, umarmte sie die Freundin, drückte Tallandre die Hand und eilte davon.
Leer war ihr Kopf und Herz, als sie in den Straßen irrte. Sie lechzte nach Betäubung, nach Brand, der ihr Erinnerung ausmerzte für Stunden, für einen Tag, für eine Nacht. Sie erinnerte sich blitzartig Malpasses und seines funkelnden Begehrens im Blick. Jahre waren vergangen seit jenen beiden flüchtigen Begegnungen in Louvais und Nizza, seit jener Aufforderung, sich bei ihm zu melden. Aber war sie nicht seither schöner geworden? Sie hatte kürzlich in den Zeitungen gelesen, er sei erkrankt. Aber dies war ja ein Grund mehr, ihn aufzusuchen. Der Portier des Hotels fand die Adresse im Anzeiger. Sie ließ sich zu ihm fahren und schon läutete sie an der Türe. Der Diener Francois, der nämliche, der Malpasse in Louvais begleitet hatte, öffnete mit düsterem Antlitz.
„Der Herr empfängt nicht.“
„Sagen Sie ihm, jene Dame, die er vor Jahren am Bahnhof zu Louvais — Sie waren mit ihm damals —“
Die Gräfin nickte. Francois kam zurück. „Monsieur erinnert sich nicht, aber er hat gefragt, ob Madame schön seien —“ Francois verbeugte sich, es zu bekräftigen, indem er die Tür öffnete. Malpasse kam ihr entgegen. Er schien ihr jünger als damals, so schlank war er, er hatte die Gestalt eines Jünglings. Sein Blick war noch sengender geworden, ein ängstliches Licht flackte darin.
„Soll ich heucheln, Madame, ich erinnere mich nicht mehr. Um so freundlicher von Ihnen, da Sie vielleicht auch erfahren haben, daß ich mich elend fühle — —. Ich habe mich allen Bekannten verleugnen lassen. Oh bitte, nehmen Sie hier Platz — aber zuweilen sehne ich mich aus dem Kerker meiner Krankheit wieder zu jenem Unbekannten, jenem fremden Leben, das uns auf der Straße streift. Frauen, deren Antlitz dann plötzlich im Tag auftaucht, Frauen, die wir vielleicht vor Jahren sahen —“
„Am Boulevard des Anglais zum Beispiel.“
„Sind wir einander dort begegnet? Lassen Sie es vergessen sein. Bleiben Sie die Unbekannte, die schöne Unbekannte dieser Stunde —“