In einer stillen Straße eines südlichen Bezirkes von Wien, einem Parke gegenüber, wie es deren dort mehrere gibt, lag der Wohnsitz Arabella Karinskas, das nämliche Haus, in das einst Mannsthal Lola Ritter geladen. Hinter den Erkern und Fenstern sah man zwischen den Spitzen der Vorhänge Tropenpflanzen und abends das Licht kristallfunkelnder Lampen. Vor dem Hause stand zuweilen ein Kutschierwagen, vor dem in kaum gebändigter Unruhe ein Paar herrlicher russischer Pferde gespannt waren, die ihre Besitzerin aus dem Karinskischen Gestüt als einen sehr lebendigen Gruß bald nach ihres Mannes Abreise erhalten hatte. Zuweilen fuhr ein anderer Wagen vor und eine ältere Dame, die immer schwarz gekleidet war, entstieg ihm. Putzi, die Lachtaube, die eben vor dem Teegeschirr oder den Bronzekübeln der Azaleenbäume ihre Komplimente machte, flog dem willkommenen Gast auf die Schulter und rief die Herrin des Hauses herbei, die schon zur besprochenen Ausfahrt in den Prater bereit war. Arabella umarmte die Mutter und ein glückliches Lächeln sprach von der Eintracht der beiden Frauen. Sie hatten ein schweigendes Übereinkommen getroffen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Arabella wußte mehr von dem verstorbenen Doktor Gunter als von ihrem Vater. Aber im Laufe der Zeit erkannte sie in der Liebe der Mutter zu diesem, ihrem ersten Mann, den sie als Schwerkranken schon geheiratet, viel von ihrer eigenen heilbringenden und hilfsbereiten Sehnsucht.
Jedem, der Arabellas Heim sah, schien es undenkbar, daß hier eine Frau allein hause, eine junge reizende Frau, die in dem kleinstädtischen Wien Aufsehen erregte. Alles schien weich und einladend, die harten Wände verborgen hinter Kakemanos und Karamanien. Auf den Sofas häuften sich die Kissen, von Palmen beschattet. Die vielen kleinen Kostbarkeiten, die ihr Karinski auf den Reisen angehäuft hatte, machten das Haus zu einem kleinen Museum. Tiere belebten es, ein Papagei, ein Affe, die Taube und ein King Charles, der laut durch die Nase atmete und gern wie eine seidene Kugel auf Arabellas Schoße lag. Aber dies äußere Leben, das nun gefestigt war und sich zwischen Vergnügen und geräuschloser Wohltätigkeit bewegte, bildete nur eine trügerische Decke ihrer gärenden Unruhe. Sie sehnte sich quälend nach dem Geliebten. Ihr war, als hätte die Unrast nach seiner Nähe unter des Grafen Liebkosungen geschlummert, sie einwiegend in ein Leben, das der Luxus berauschte. Nun aber war sie erwacht und lechzte aus Scham und Ernüchterung nach Beruhigung. Hätte sie die Mutter nicht gefunden, sie wäre, das wußte sie, in das hemmungslose Leben jener Lust geraten, die immer in ihr gärte. Sie wäre eine der großen Amoureusen geworden, die zu den Sehenswürdigkeiten einer Stadt gehören. So aber war sie eine versehnte, im Traum lebende Frau, die vor episodenhaften Erlebnissen zurückzuschrecken begann und sich, immer des Geliebten gewärtig, scheute, eine sie fesselnde Liaison einzugehen. Sie hatte ihn nicht gewaltsam aus ihrer Sehnsucht zu drängen versucht, um der Qual ledig zu sein und frei dem Neuen. Wie der Fromme Gott, mit dem er hadert, dennoch aus tiefstem Herzen liebt und seine Gnade ersehnt, so behielt sie Givo in sich und rief nach einem geheimen Auftrag, den er ihr erteilen sollte, für den sie zu leben vermochte, wenn sie seiner Nähe nicht teilhaftig werden konnte. Wäre er nur einmal freiwillig herausgetreten aus der Ferne, um ihr Kraft zu geben. Sie wußte nicht, wo er war, und lange hatte sie sich enthalten, ihn und das Kind bewußt herbeizuwünschen. Nun brach ihr Widerstand. Mit aller Kraft ihres Seins in Tagen und Nächten schwor sie ihn nun herbei. Schaudernd erinnerte sie sich, wie sie als Kind oft bei heftigsten Wünschen kein Mittel gescheut hatte, ihren Willen dem Schicksal aufzutrotzen. Konnte es nicht wieder so sein wie damals, als sie das Feuer erzwang? Ein Jahr war hingegangen, daß die Tallandres nichts mehr von ihm zu wissen vorgaben. Das Kind war so zart gewesen. Verheimlichte man ihr Schlimmes? Sie wagte auch Angele nicht nach ihm zu fragen.
Frau Gunter sah, daß Arabella immer zarter und empfindlicher wurde. Der Arzt empfahl zunächst größere Spaziergänge vor der Stadt. Meist fuhr sie nach Schönbrunn hinaus. An sonnenklaren Nachmittagen war der Park wie unter einem Zauber von Licht und Klarheit in die goldene Ruhe seines herbstlichen Farbenspieles getaucht. Ergriffen fühlte sie das Vergehen, das sanfte Sterben und fern das Wiederaufstehen der Natur, jenes köstliche Empfinden der Kreatur, das Tat twam asi — ich bin in allem, alle in jedem — war in ihr. Die Natur wies ihr das Rätselangesicht. „Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht.“ Givo hatte ihr dies Goethe-Wort in ein Buch geschrieben, das immer in ihrem Wäschekasten zwischen Spitzen lag.
Manchmal schien es Arabella, als hätte sie als Kind in diesem Park gespielt. In einem anderen Leben war es. Mit leisen Fäden war ihr hier das Herz verankert an die Irrwege und Rondells, an die Volieren und Glashäuser, an deren Fenstern sich Orchideen und Kamelien drängten, an die vielen verborgenen Wege und abgesperrten Teile, undurchdringbar der kindlichen Neugier.
Hier fühlte sie sich den Kindern ganz nahe. In der Menagerie plauderte sie mit ihnen und fütterte mit ihnen die Tiere. Musterten sie neugierige Blicke, ließ sie ihren Schleier fallen oder sie bedeckte wie absichtlos ihr Gesicht mit dem Fächer, den sie meist mit sich trug. „Die Kaiserin,“ flüsterte einmal eine Dame einer anderen zu. Einmal sprach sie ein Herr an, anscheinend ein Würdenträger, der aus dem Schlosse kam. Er wäre ihr schon mehrmals bewundernd gefolgt. Seine Stimme war angenehm, sein Wuchs dem eines edlen Hengstes gleichend, seine Augen liebkosten sie, während ein herrliches Raubtiergebiß sichtbar ward. Er bat sie um eine Zusammenkunft. Aber als dann die Stunde kam, flüchtete sie zu ihrer Mutter und ließ sich entschuldigen. Sie hatte all ihre Leichtigkeit verloren.
Da die Spaziergänge sie nicht sonderlich kräftigten und der Winter nahte, riet der Arzt zu einer Fahrt nach dem Süden. Sie wählten einen Ort, der, eben im Aufblühen, noch nicht die Masse der Reisenden anzog. Auf hellen Felsen lagen zwischen Pinienwäldchen die Villen über dem blauen See gelagert, durch schmale, säuberliche Fahrwege verbunden. Wieder empfand sie, die Südgeborene, die heimatliche Liebkosung der sonndurchwärmten, lichtgetränkten Luft. Sie spürte nun ihre Sehnsucht genährt von Kräften, die sie nur geahnt und die sie nun in einen ekstatischen Zustand von Lust und Wehmut versetzten. Der Zauber blauer, flüsternder Nächte lag ihr tagsüber noch in den Gliedern und mancher Kranke, der ihren strahlenden und dennoch schmerzwissenden Blick empfing, fühlte sich durch ein leisseliges Gefühl beglückt. Zuweilen wurde sie düster und floh selbst die Mutter. Denn da wurde ihr plötzlich ihre Vergangenheit bewußt: mit Grauen erinnerte sie sich, daß sie und die Mutter den selben Mann besessen hatten.
Den Verkehr mit Männern vermeidend suchte sie die Bekanntschaft der berühmten Schauspielerin Calese, die nach kurzem Aufenthalt am See zu einem Gastspiel nach Wien reisen sollte. Arabella fühlte sich hingezogen zu dieser Schwester im Wandern. Vogelfrei waren sie beide. Der Calese Gesicht war oft wie erloschen hinter Schminke und Grimasse und wie nackt lag die verwüstete Schönheit des Antlitzes. Sie hatte ein Kind und Arabella sah den verzweifelten Abschied, als sie es in die Heimat zurücksandte, um ihr mehrmonatiges Gastspiel im Norden anzutreten. Vögelchen mußte an Noemi denken, als sie die Kleine sah, und bat die Calese es ihr anzuvertrauen. Die aber fürchtete das rauhe Winterklima für das wärmebedürftige Kind.
Frau Gunter war abgereist, um ihrem Sohn nicht allzulange ihre Besuche im Konvikt zu entziehen. Arabella und die Schauspielerin beschlossen gemeinsame Rückfahrt. Als sie über den Brenner fuhren, lagen Berge und Wälder im Märchenglanz des Schnees. Reich wie Tropenpflanzen starrten die Bäume in ihrer üppigen weißen Pracht. Das Geheimnis der Wälder, wie es ihr Givo einst gelehrt, erwachte in Arabellas Erinnerung. Sie sah vorzeitliche Menschen, hochgewachsen, rothaarig, blauäugig, das Beil in den behaarten Händen, von riesigen Hunden gefolgt, über die beschneiten Pfade schreiten. Frauen mit fliegenden Haaren weissagten unter den Bäumen. Auerochsen und Einhorn lugten am Weges, Bärenspuren, die Male jagender Pferde waren in den Schnee geschrieben. Sie dachte an Rama, den sanften Friedensverkünder, von dem ihr Givo nicht müde geworden zu erzählen und dessen Bild ihr mit dem seinen verschmolz. Sie sah ihn unter dem Baume sinnend, wie er die Pest banne, sah die goldene Sichel des Fremden, der ihm erschien, und wie diese den Mistelzweig des Heiles bruderselig vom Stamme schnitt. Aesc-heyl-hopa, die Hoffnung des Heiles, ist im Walde. Weihnachten nennen es die Menschen und legen unter den winterlichen Baum die Symbole ihres Erlösers. Die Stimme der Calese weckte sie. Arabella erzählte ihre Legenden aus östlichen Sagenkreisen. „Uns verdrängt der Heiland alle anderen Sinnbilder,“ sagte die Calese. „Mir ist er immer gegenwärtig. Ich weiß, Sie werden nicht lächeln über die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzählen werde.“ Und mit ihrer seltsam erzenen, oft aufschluchzenden Stimme begann sie: „Im Anfang meiner Laufbahn, ehe ich mich zu jenem Glanz gekämpft hatte, den die Menschen Ruhm nennen, war ich eines Tages durch viele Qual bis zu dem Entschluß gejagt, freiwillig aus dem Leben zu gehen. Es war Sommer, ein schwüler Abend, als ich in einer Phiole Gift bereitete. Der Gesang der Vögel lockte mich hinaus. Ich wollte noch einmal, bevor ich trank, das Leben der Glücklichen sehen. Als ich unter den Menschen umherirrte, in den Gärten und Straßen, begegnete mir ein Fremder. Er blieb vor mir stehen und sein Blick zwang auch mich stehen zu bleiben. Ich glaubte, es wäre der Herr selbst, so milde war sein Antlitz. Er geleitet mich, spricht freundlich zu mir wie zu einem Kinde, bisweilen nimmt er meine Hand, als könnte ich straucheln.
Vor der Stadt heißt er mich in eine Schenke treten und schenkt mir Glas auf Glas eines berauschenden Weines. Wir scherzen einfältig wie Kinder und plötzlich sinkt mein Kopf, mein müdgesorgter, an seine Schulter und ich schlafe ein. Als ich erwache, ist er verschwunden. Ich suche ihn in allen Ecken, ich laufe verzweifelt auf die Straße hinaus, nirgends eine Spur. Ich irre weiter, da steht an einer Brücke — — ein — — hölzerner Heiland. Es ist — sein Antlitz, er bewegt die schweren Augenlider, sein Mund lächelt Wiedererkennen in unnennbarer Süße. Ich sinke vor ihm zusammen. Ich erwache zu Hause, eine Pflegeschwester ist um mich. Ich hatte lange Fieber gehabt. Die Phiole war verschwunden. Eine edle Frau nahm sich meiner an. Ich war gerettet.“
Arabella reicht ihr die Hand. „Er war es. Weil du an ihn glaubtest,“ sagte sie. Und sie denkt: „Auch mir wird Rama begegnen, weil ich an ihn glaube — Rama Imanuel.“