„Sprich nicht so,“ bat Arabella. „Wenn ich dich ziehen lasse, geschieht es nur, weil ich deiner unwürdig bin. Dein Name schon war ein Gnadengeschenk.“
„Du belügst dich und mich, Bella,“ sagte er und küßte ihre Hand. „Du hast mir noch ein spätes Glück geschenkt und ich will es dir nicht danken, indem ich in deiner Gegenwart alt werde. Du sollst nicht das Opfer der Tatjana bringen, obgleich ich dir keinen Onegin wünsche. Dort bei uns ist es zu kalt und Nadescha wäre eifersüchtig auf dich — und ich selbst bin dort nur ein Bauer. Nein, täusch dir nichts vor. Weißt du aber, woran ich oft denken muß? Daß der arme Narr, der Student, recht gehabt hat, als er dich zu deiner Mutter bringen wollte. Adalbert schrieb mir, daß ihr Mann gestorben sei — —“
Vögelchen sann eine Weile. „So ist sie allein jetzt. Und glaubst du, daß sie von der Landstreicherin, ihrer Tochter, noch etwas wissen will?“
„Ich werde zu ihr fahren und mich als der Mann dieser Landstreicherin vorstellen und dich ihrem Schutz empfehlen.“
Vögelchen sann wieder. Dann sagte sie: „Du Guter, ja, fahre zu ihr.“
Sie sehnte sich nach einem ruhigen Ausblick in ihre Zukunft. Jetzt war alles Verworrenheit, seitdem sie sich in Verzweiflung gegen den Geliebten aufgelehnt, der zu kommen zögerte. Mit aller Gewalt begann sie den Zufall zu beschwören, der ihre Wege zusammenführen sollte.
Wenige Tage nach des Grafen Abreise erhielt sie von ihm einen Brief aus Wien.
„Mein geliebtes Vögelchen, eben komme ich von Deiner Mutter. Gott sei es gedankt, daß ich diesen Weg gemacht habe. Wie soll ich Dir diese Frau schildern, diese Sanfte, diese Wehrlose. Jetzt besitzt sie die Kraft, die der Schmerz verleiht und die jede Gabe als ein unverdientes Geschenk ansieht. In ihrem Gesicht ist das Lächeln der Sonne über viel Wetter und Verwüstung. Nun hat sie auch den Mann verloren, mit dem sie gut gelebt hat, und hat das Opfer gebracht, sich von ihrem Jungen zu trennen und ihn in ein Konvikt zu geben, weil sie sich seiner Erziehung nicht gewachsen fühlte. Zu keiner Zeit hast Du so sehr in ihrem Leben gefehlt als gerade jetzt. Mein Täubchen, ich erwarte Dich hier. Laß mich noch die Vereinigung mitansehen und einige Wochen hier mit Dir verbringen. Heute will ich mir das kleine Palais besichtigen, von dem uns Adalbert geschrieben hat. Paßt es Dir, so wollen wir es Dir wohnlich machen. Auch darüber möchte ich beruhigt sein, wie Du wohnst. Wird es Dir Mühe machen, mein Gepäck zu versorgen? Gedenkst Du Deine Jungfer mitzunehmen? Deine Mutter will Dich mit allem versorgen. Mein Liebling, laß mich stark bleiben. Wäre es besser vielleicht zu gehen, ohne Abschied zu nehmen? Versprichst Du täglich zu schreiben im Anfang unserer Trennung? Oh, Du geliebtes Vögelchen. Komm, laß den Alten noch einmal vor Dir knien, laß mich Deine schmalen Fesseln umspannen mit meinen Bärentatzen und gib, gib mir das Versprechen, daß Du Dein liebes, launiges — und zuweilen erstaunlich gescheites Geplauder mir bis ans Ende der Welt schicken wirst.
Es umarmt Dich Dein
Karinski.“