„Nun ja, wir wollen jetzt reisen, da du nun einmal unter die Menschen gegangen und an ihnen klug geworden bist,“ antwortete er. „Nun bleibst du ja auch eine Weile bei mir?“ Sie preßte seine Hand: ein glühendes Versprechen.
Vögelchen sah mit Erstaunen, wie er, den sie lässig und oft müde gekannt, die Segel meisterte. Sie war stolz darauf, daß er sich Normayr zur Seite stellen konnte. Wie er nun zur Maquard fahren wollte, machte sie sich eiligst bereit, ihn zu begleiten. Ihr Gesichtchen wurde nachdenklich, als er erklärte, sie nicht mitnehmen zu können. „Nicht etwa, weil ich sie aussätzig finde, wie diese Leute hier.“ Da hob sie den Kopf und sagte eigensinnig: „Du willst allein sein mit ihr.“ Vögelchen blickte Mannsthal an vom Kopf bis zu den Füßen. Sie schien erst jetzt bewußt zu empfinden, daß er ein Mann sei, und so gut wie ein anderer mit jener Frau in einer dieser geheimnisvollen Verknüpfungen stehen konnte, von denen die Leute gemunkelt hatten. Sie gedachte der seltsamen Nacht und Schauer von Ahnungen durchbebten sie. Zugleich empfand sie Eifersucht und verfiel in Unmut. Mehr als Ärger war es, der sich schon bis zu Zornausbrüchen bei ihr steigern konnte, wenn sie sich vor Rätseln sah, die den Andern völlig klar waren. Er gab nach, verschob den Besuch. Sie machten eine Spazierfahrt, stiegen aus und gingen durch ein benachbartes Dorf. Sie trafen dort den jungen Normayr mit einem älteren Offizier. Er erschrak, grüßte ehrerbietig. Vögelchen nickte ihm zu. „Das war er,“ sagte sie nach einer Weile.
„Ich dachte es mir,“ sagte Mannsthal erschauernd. Dann schwiegen sie. Aber auf der Rückfahrt nahm er plötzlich ihren Kopf zwischen seine Hände und küßte sie. Vögelchen sah eine Träne in seinem Auge.
„Va,“ rief sie und drückte seine Hände leidenschaftlich an die Lippen.
Als Vögelchen nach dem Essen auf ihr Zimmer gegangen war, schritt Mannsthal etwa zehn Minuten den See entlang. Dort stand sein Wagen. Er fuhr zur Maquard.
Des Morgens war er zurück. Nun wußte er mehr, als ihm lieb war. Die Maquard hatte ihm vorgearbeitet. Vielleicht hatte sie seine Absichten unbewußt gefördert. Er verschwieg Vögelchen den Besuch, ja er versuchte diese Begegnung in ihrer Erinnerung zu verdunkeln. Andere Eindrücke sollten sie verdrängen. Indessen kamen die Koffer mit den bestellten Kleidern, Mänteln, Hüten, Schuhen, mit blütenfeiner Wäsche, neuen Gepäckstücken und Toilettegegenstände mit Vögelchens Namenszug „Arabella“. Das Kind freute sich und auch das Mädchen schon, das gefallen wollte. Das Vögelchen von früher hätte manches abgelehnt von den neuen Dingen, die allerdings die Maquard mit seltenem Gefühl der Anpassung gewählt hatte. Ihre Jungfer hatte zurechtgemacht, was da und dort noch fehlte, und Vögelchen meinte, sie wäre zu ihr von einer Putzmacherin gesandt. Tags darauf veranlaßte Mannsthal die Übersiedlung in einen Gasthof an einen der benachbarten Seen, wo er Vögelchen mit dem Diener Camill allein ließ, um einige Geschäfte zu ordnen, ehe sie die Auslandsreise antraten.
Student Kruger
Vögelchen begann sich nun langsam der Welt zu besinnen, wie die sich nun zu ihr, der kleinen Arabella Rutland, verhalten mochte. Sie lernte bewußt sich als Einzelwesen fühlen. Als sie eines Morgens im Rasen lag und von ihrer Anhöhe bald zum See herab, bald zum unendlich blauen Himmel aufblickte, empfand sie sich als ein wanderndes Stäubchen, ein losgelöstes Fünkchen auf Wanderschaft. Immer wieder sah sie noch das Feuerzeichen des Brandes, sah den Funkenregen und wie Teile sich loslösten und in der Luft verglühten oder im Wasser einen vorzeitigen Tod fanden. Alle schienen bis ans Ende ihrer Kraft zu fliegen und wurden Asche und Erde, nachdem ihr Leuchten in Dunkelheit untergegangen. Asche und Erde aber wurden von Wetter und Zeit zu feuchtem warmen Boden. Da grünten die Fünkchen von neuem ins Leben. Über ihr blitzte der Flügel einer Schwalbe im Sonnenlicht. „Flieg, Fünkchen, flieg,“ sang sie leise und es war ihr, als würde sie selbst ganz leicht und brauchte nur aufzuflattern. Waren alle Menschen beschwingt wie sie? In den Familien, in deren Nähe sie nach dem Brande gelebt, schienen kleine Widerhaken die Einzelnen aneinander festzuhalten. Wäre „Er“ denn sonst nicht mit ihr geflogen? Ach, sie war ein Sonderwesen, hatte nicht Vater, nicht Mutter, nicht Schwesterlein und Brüderlein. Va war ja nicht ihr Vater, das wußte sie. Aber auch für sie mußte es kleine Quellen geben, wo sie trinken konnte, Nester, wo sie ruhen würde, wenn die Wanderschaft begann und sie ermüdete. Va wußte alles. Er würde sie weisen. Va, der Zauberer, würde ihr die Türen öffnen. Die Reise, das wußte sie, die war der Anbeginn ihrer Wanderung, und die Wanderung würde ihr Leben sein. Die Leute in den Kirchen blickten zum Himmel auf, wenn sie beteten. Dort wohnte wohl Gott. Aber da unten im Seegrunde hauste ein anderer. Oder war das nur der Himmelsgott, der sich im Wasser spiegelte? Nein, der Gott da unten war verflochten in den Pflanzen der Tiefe und Fischlein schwammen silbern um seinen Bart. Der Gott im Himmel war sein Bruder und ewige Sehnsucht stieg auf und ab von ihnen. Vögelchen war es, als ginge der Strom ihrer Sehnsucht durch ihren eigenen Leib, aufsteigend und absteigend. In ihrem Herzen begegnete er sich, floß ein, floß aus. Ihr Blut nährte sich von ihm. Er hielt sie. Sie konnte nicht fallen. Sie bekam Weisungen von Höhe und Tiefe, in ihr verschwisterten sie sich. Dies alles war nicht Traum. Ließ es sich in Worte bilden?
Ja, sie konnte es in wirklichen Worten aus sich herausstellen. Von diesen Dingen erzählte sie dem Studenten Kruger, dem mißratenen Hofratssohne, der in ihrem Gasthof wohnte. Der hatte die Familienwiderhaken sich blutig aus dem Fleische gerissen. Nun heilte er die Wunden in Einsamkeit. Aber der Brand seiner Seele riß sie immer wieder auf. Schmerzten sie, so ward er wunderlich. Der Geist war ihm Seelsorger und Hofnarr zugleich. Vögelchen störte ihn nicht. Er nannte sie Ariel. Arabella klang ihm zu menschlich.
Student Kruger war ein wenig verwachsen oder es schien so. Man wußte nicht, wo und wie seine Gestalt abnorm war. Seine Augen hatten etwas Überraschendes wie die eines Falken oder Adlers, die sich, seltsam an der Ferne geschärft, unter bergenden Lidern enthüllen, und seine hohe Stirn, sein dichtes Haar ließen die Gestalt noch dürftiger erscheinen. Sein Mund aber war wie ein Hohn auf die Geistigkeit seiner blaugeäderten Schläfen. Er hockte wie ein Affe mit langen Armen neben Ariel und sprach in sie ein, bis er das Geheimnis des „Stromes“ aus ihr holte.