„Wer ist Gott?“ fragte sie.

„Gott ist ein einförmiges, göttliches, einfältiges Wesen und wirkt doch alle Mannigfaltigkeit und ist alles in allen Dingen, eines in allem und alles in einem, sagt der heilige Augustin. Gott sind Sie, Ariel, Gott bin ich, Konrad Kruger, Student der Theologie, Verkünder meiner Religion.“

„Und was ist das, was ihr die Seele nennt?“ fragte Vögelchen.

„Seele ist ein Aufgang zu Gott durch das Getümmel der Welt. Seele ist das Entsinken deiner selbst, dein Schauen, dein Warten, dein Empfangen, dein Geben in Demut.“

„Und was ist Demut?“ fragte Vögelchen.

„Demut ist Aufgeschlossensein, Demut ist Einlaß und Ausströmen der Liebe, Erkennen, Duldung und Dank, Bewährung im Glück und Schmerz, Demut ist Liebe gewordenes Leid.“

„Trauere nicht über Leid, Schmerz erhöht,“ sagte Vögelchen und bescheiden setzte sie hinzu: „Das weiß ich von Onkel Clemens, er schrieb mir das zum Abschied.“ Und plötzlich brach sie aus: „Ach, warum ist er fort, der gute, gute Onkel Clemens?“ Sie begann zu weinen. Student Kruger saß dabei und grinste aus Verlegenheit.

„Schmerz, wenn ein Rad über mein Bein fährt,“ fragte sie dann und trocknete ihre Tränen.

„Nein, Ariel, körperlichen Schmerz, sofern er nicht maßlos und andauernd ist, verspüren wir nicht, du und ich und die anderen, die wie wir sind.“

„Ich war nie krank,“ sagte Vögelchen.