„Und bist doch so zart. Sind Blumen krank? Die Narzisse auf wiegendem Stiel, das Buschwindröschen, die Orchidee? Nein.“

„Ich hatte eine schwarze Amme, eine Negerin säugte mich.“ Sie sah ihn kindlich triumphierend an. Das kann nicht jeder von sich erzählen, prahlte ihr Blick.

„Hattest du nicht die Masern, Scharlach, den Keuchhusten? Nein, daran wärest du gestorben,“ sagte Student Kruger. Er starrte sie eine Weile an. „Bist du eigentlich schon ein Mädchen?“ fragte er plötzlich. „Wie alt bist du?“

Vögelchen verschwieg gern ihr Alter. „Ich war immer ein Mädchen,“ antwortete Vögelchen ernsthaft.

„Ich meine, ob du noch Kind bist?“

Vögelchen richtete sich zornig auf. „Ich wäre ja beinahe Braut geworden,“ rief sie. „Und wenn wir nun reisen, so bin ich Frau Mannsthal. Das haben wir beschlossen. Va ist nicht mein Vater, müssen Sie wissen. Ich habe keinen Vater.“

„Und deine Mutter?“ Vögelchen erbleichte. Sie riß einen Halm aus und warf ihn von sich. Dies war die Antwort.

„Aber das mit dem Schmerz, daß wir es, ich und die anderen (sie ging immer auf seine Andeutungen einer geheimen Gemeinschaft ein), daß wir den Schmerz nicht spüren! Geben Sie mir Ihr Federmesser, ich will das versuchen.“ Gehorsam zog er es hervor. Soll ich öffnen, deutet er. Sie nickte.

„Rasch, sonst verliere ich den Mut.“ Er tat es. Sie ritzte sich in der Handfläche. Es ging nicht leicht. Ihre Haut wehrte sich des stählernen Eindringlings. Plötzlich sprang ein kleiner roter Strahl empor. Vögelchen war kreideweiß im Gesicht. „Wahrhaftig, es schmerzte nicht,“ sagte sie. Aber sie hielt den Atem an. Es wurde ihr übel. Student Kruger hockte neben ihr, seine Haare sträubten sich vor Erregung, seine Ohren reckten sich spitz, seine Augen hatten einen stumpfen, fast blödsinnigen Glanz.

„Ariels Blut,“ sagte er leise. „Wein des Lebens.“