„Nein, Kind, das ist es eben. Ich weiß nichts von ihm, aber ich spüre ihn, spüre, wie er die Beute umlauert, wie er schon seine Netze legt. In jedem Käufer wittere ich seinen Mittelsmann. Er wird es schlau anstellen. Wer immer die Sammlung erwirbt, schließlich fällt sie ihm anheim. Bin ich denn deiner so gewiß?“
„Nein, Onkel Clemens, nein, von mir wird er sie nie und nimmer herausbekommen. Oh, sehen möchte ich es, sehen, wie er bittet und bietet und schmeichelt um jedes kleine Bildchen. Aber ich will es ihm entgegenschleudern, wie sehr ich ihn durchschaut habe, wie ich ihn verlache, verhöhne, verachte!“
„Kind,“ stammelte Urbacher erschrocken. „Kind, so hat es dich gegen ihn ergriffen? Ist es also doch so gekommen, daß du ihn hassest?“
Sie erschrak. Haßte, haßte sie ihn denn? War sie nicht all die Jahre in freundlichem Briefwechsel mit ihm gestanden, lebte sie nicht auch von seiner Großmut? Oder war dies Vermögen, das er ihr zugewendet, etwa Bezahlung, Abfindung? Waren sie nicht quitt? Nein, sie schuldete ihm nichts, sie durfte ihn hassen. Sie war ja um seinetwillen verlassen, verstoßen. Aber plötzlich sah sie durch die rote Wolke des Zornes Givo, den sie zur Stunde fast vergessen hatte. Es war ihr, als blickte er sie erstaunt an, als fragte er in ihre Seele, die sein Werk war: „Wie, du hassest? Vögelchens Seele birgt Haß?“
„Es war nur eine plötzliche Aufwallung, Onkel Clemens,“ sagte sie. „Aber hier nimm mein Versprechen. Adalbert wird nie, niemals deine Bilder besitzen.“ Er hielt ihre Hand, besah sie mit seinen verlöschenden Augen, dann küßte er sie. „Daß dies eine Frauenhand werden konnte, mit Brillant- und Perlenringen, dieser Schmetterling von einem Kinderhändchen, dieses Rosenblatt im Wind deiner Launen. Kind, Kind, was hat man dir getan?! Ich fürchte es zu hören, ich fürchte es.“
Arabella sah ihr Leben, ihre Nächte. Der Reigen flüchtiger Liebesstunden umkreiste sie. Das zehrende Warten um Givo trug sie als Heil und Last.
„Ich bin jetzt allein,“ sagte sie. „Vielleicht kommt er jetzt bald, den ich erwarte, vielleicht nie wieder, weil es so mit mir gewesen ist.“
Er verstand sie nur halb, aber dies, „weil es so gewesen ist“, das wußte er ja, hatte es immer geahnt. Daß es nicht verschmerzt war? Oder war eine Wunde aufgebrochen, die sie selbst kaum gespürt hatte? War er die Ursache bösen Erinnerns? Er selbst war ja mitschuldig. Warum hatte er sie nicht verborgen, beschützt, gerettet, wie jener andere es gewollt, Konrad, der Narr?
„Willst du jetzt zu Hedwig kommen?“ sagte er traurig und rührte sie sanft aus ihrem Sinnen. „Ich folge dir, sowie ich die Besucher weggeschickt habe. Nun soll mir keiner mehr herein. Die Bilder sind verkauft.“