Wie durch einen Nebel hört Arabella der Calese umflorte Stimme: „Alles ist vorbestimmt, wozu sich wehren!“

Ein Herr jammert: „Sie sagen, alle seien gerettet, das kann nicht sein. Ich sah Hunderte, die so erschöpft waren, daß sie nicht mehr kämpfen konnten. Ein Verbrechen wurde begangen, Fahrlässigkeit ist Verbrechen, böser als Totschlag, wenn Hunderte daran zugrunde gehen.“ „Schicksal ist es, Gericht Gottes,“ schreit eine alte Jüdin, die bisher heulend wie ein Klageweib dagesessen. „Mein Ignaz!“ Arabella horcht auf. „Schicksal? Gottesgericht um den Tod der anderen? Jahrelang habe ich mich gequält, zu wissen, was ich, was ihm die andere wert ist. Mußte eine Volksmenge brennen, daß ich die Wahrheit wisse, daß er mich rettet und nicht sie?“

„Was Schicksal,“ schreit da ein Offizier. „Eine Schweinerei ist es, eine verantwortunglose Schweinerei! Wer schwätzt hier noch? Die stark genug sind, mögen retten und laben, wer schwach ist, halte Ruhe oder schleppe sich nach Hause.“ Arabella erhebt sich. Ja, auch sie will retten, will ihm nach. Kann sie ihn verlieren jetzt? Nein, er wird leben, muß leben. Sie steckt rasch ihr Haar auf. Ihre Kniee zittern, sie muß sich festhalten, ehe sie den Ausgang erreicht. Draußen schlägt ihr der glühende Atem des tobenden Elementes entgegen. Die Wange schmerzt und auch am Knöchel ist sie verwundet. Sie fühlt, wie das Blut, wie den falschen Schwestern Aschenputtels, ihr in den Atlasschuh rieselt. Aber darf sie, die noch aufrecht geht, etwas anderes wollen als helfen? Der Offizier hat recht. Sie drängt sich durch die Menge dem Brandplatz zu und je näher sie kommt, desto wacher wird sie. Nun zweifelt sie nicht mehr. Er ist zurück in den Brand, er sollte nicht unter den Rettern sein, sollte seine Frau nicht retten wollen, die er um ihretwillen zurückgelassen hat? Eine wahnsinnige Angst packt sie, schüttelt sie mit dem Frost zugleich. Das Gedränge wird immer stärker. Wachleute haben einen Kordon gebildet. Sie lassen niemanden durch. Man trägt schauerlich entstellte Leichen an ihr vorüber. Neben ihr schreit ein etwa zwölfjähriges Mädchen, dessen offene Haare halb verbrannt sind, herzzerbrechend: „Mama, Mama!“ Arabella nimmt das Kind an der Hand. Der fremde Schmerz gibt ihr Kraft. Sie führt die wankende Kleine zur Seite, trocknet mit ihrem Taschentuch das Blut, das ihr von der Schläfe rinnt, läßt sich von der Schluchzenden erzählen, daß sie die Mutter in der Finsternis des Hauses verloren, noch oben auf einer Stiege, die zum Dache führte; ein Mann habe sie hinausgetragen und hier abgesetzt. „Du mußt gleich nach Hause, vielleicht sind die deinen schon zu Hause und sorgen sich. Ich führe dich.“ Arabella geht mit dem fremden Kinde durch die Straßen. Sie weiß, das, was sie hilft, ist nichts, doch Tun ist Rettung vor dem Denken und Wissen all des Entsetzlichen. Wüßte sie Givos Wohnung, sie ginge hin, selbst wenn sie der Frau begegnen müßte, und wartete dort ab, sähe Noemi, beruhigte sie, wenn sie Angst hätte, weil Vater und Mutter nicht kommen. Und nun ist ihr, als führe sie Noemi an der Hand, wie sie so mit dem fremden Kinde dahingeht. Es wohnt nur eine Viertelstunde weit, aber der Weg dünkt beiden endlos. Aus dem Hause, auf das die Kleine lossteuert, läuft ein Herr. Das Kind stürzt ihm entgegen. Da versagen Arabellas Kräfte. Sie kann nur rasch den Helfenden die Adresse ihrer Mutter sagen, dann weiß sie nichts mehr.

Überall sind nun die Eingänge in das brennende Haus von drängenden Menschen verrammt, von übelriechendem Qualm und Finsternis. Givo aber hat sich einen Weg erkämpft, eine Türe reißt er auf, da fährt er entsetzt zurück, über eine Stiege kommt glühendes Blei geflossen, in Kaskaden springt es daher. Ein Ausgang wird endlich freigelegt, Beamte, Feuerwehrleute, Offiziere versuchen mit Fackeln einzudringen, manch einer kehrt wieder um, aber Givo tastet ihnen nach und bald ist er im Innenraum, sucht in den entsetzlichen Trümmern die Logen zu erkennen. Aber von oben her sind die Galerien herabgestürzt und der Platz, der ehemals das Parterre vorgestellt, ist ein entsetzlicher Trümmerhaufen von qualmendem Holz und Menschenresten. Noch ist die Hitze und der Rauch so groß, daß ein übermenschlicher Wille nur das Vordringen möglich macht. Grauenvoll ist der Anblick der ragenden Traversen der Galerien, an denen Leichenteile hängen, hohnvoll sind noch da und dort metallene Schnüre zierlich um verkohlte Stoffdraperien geschlungen, glühend schmelzende Gasrohre ragen wie feurige Bäume empor. Givo weiß, in diesem Hause ist niemand mehr am Leben, auch Zora nicht, wenn sie nicht gleich die Loge verlassen hat, von der aus sie sich leicht hatte retten können. Aber er folgt den Männern und, wo sie eingreifen um Leichen zu bergen, ist er an erster Stelle. Dann fällt ihm ein, daß Zora seither in ihre Wohnung zurückgefahren sei und ihn dort erwarten mochte. Er sieht es wieder vor sich, wie sie ihn am Arm faßt, um mit ihm hinauszudrängen, und er sich losreißt, über die Brüstung ins Parkett springt und in rasender Angst, er könne die fliehende weiße Gestalt aus dem Auge verlieren, nach rückwärts drängt, wo sie durchkommen muß, ehe sich der Weg vor dem Ausgang teilt. Wie er dann, auf einem Sitze stehend, um nicht abgedrängt zu werden, Arabella zuruft und winkt und — Ewigkeit dünkten ihm diese Augenblicke — endlich sie in seinen Armen hochhebt und hinausträgt. Im Gang draußen, im atemberaubenden Gedränge erlischt das Licht. Arabella sprach nicht, sie preßte nur fester die Arme um seinen Nacken, zwischen Qual und Gefahr fühlten sie traumhaft das unfaßbare Glück des Wiedersehens. Dann trat die Stockung ein und erst da, im endlos scheinenden Warten, wußte er, daß er nicht beide mehr retten kann, die Geliebte und die Frau. Blitzschnell hatte er es überdacht, Arabella, die Gefährdete, hinauszutragen und gleich dann nach Zora auszuschauen, die den näheren Weg ins Freie hatte. In der Finsternis aber hätte er Zora nicht wiedergefunden. Und ebensowenig vermöchte er nun nach Stunden eine Spur von ihr zu erblicken. Ein grausiges Abwarten steht ihm bevor, falls er die Frau nicht zu Hause findet. Als man im Hotel die Frage, ob seine Frau heimgekehrt sei, verneint, fühlt er nicht Schmerz und Sorge um sie, die vielleicht durch seine Schuld zugrunde geht. Er weiß nur dumpf das Elend der vielen dort; das seine ist ein Teil von dem ihren. Die englische Bonne, die über Noemis Schlaf wacht, weiß nichts vom Feuer. Er sagt ihr rasch, was geschehen ist und daß er zurückkehre zu helfen und zu bergen. Für Zora nichts. Er zweifelt an ihrer Rückkehr. Er hat sie aufgegeben.

Die folgenden Tage vergehen unter Nachforschen zwischen entstellten Leichen und Leichenresten auf der Brandstätte, in Spitälern und Totenkammern. Von verkohlten Klumpen, zerbrochenen Skeletten, deren Gesichter keine Spur mehr eines physiognomischen Ausdruckes trugen, nährte sich stundenlang sein suchender Blick. Hier und dort klebte noch ein Fetzen eines Kleidungsstückes, an manchen Fingern glänzte ein Ring. Auf der Brust lag manchem das vorgefundene Geld, das in der Hitze seine Formen verändert hatte. Das Kind war neben dem Greise gebettet, der Handwerker im Kittel neben der reichgekleideten Dame, um die noch goldene Ketten hingen, kunterbunt waren sie aneinandergereiht, furchtbar zur Strecke gebracht. Aus dem entsetzlichen Gemenge verkohlter Leichen wurde in den Foyers nach Reliquien gesiebt und geschaufelt. Weniges nur bot Anhaltepunkte zur Agnoszierung der Toten. Eine kleine rührend zarte Hand fand sich, die Hand eines Kindes oder einer jugendlichen Frau, verkalkt und am Gelenk abgetrennt, die Nägel schmal und gepflegt. Givo erschrak, denn sie erinnerte ihn an Vögelchens Zartheit. Inmitten des Grauens stürzte er weg, um sich zu vergewissern, daß sie lebe, daß sie nicht etwa, aus Angst um ihn sich in den Brand wagend, ihr Leben verloren hat. Wieder stand er vor ihrem Hause, zu dem ihn vor dem tragischen Wiedersehen schon Sehnsucht getrieben hatte. Er erfuhr vom Portier, daß die Gräfin bei ihrer Mutter sei, er hätte Auftrag ihn zurückzuhalten, falls er Herr Givo wäre. Aber Imanuel kann und will nicht, will Arabella nicht sehen, bevor die traurige Arbeit nicht zu einem Ende gekommen ist. Eine schauererregende Ausstellung muß er besuchen. Auf weißen Porzellantellern liegen im Polizeihause die gesammelten Reliquien der Toten. Kleiderfetzen, Schmuckstücke, Sacktücher, Schlüssel, Kämme, Liebespfänder, allerlei Kleinigkeiten, die man bei sich zu tragen pflegt. In einem Zimmer ist auf Tischen eine große Anzahl von Uhren zur Schau gestellt. Manche ticken noch laut, als wäre ein Rest vom Leben ihrer Besitzer in ihnen zurückgeblieben. Geisterhaft stille und laut erregte Menschen irren mit Givo zwischen den tragischen Resten. Traurige Gewißheit wird manchem zuteil, der die armseligen Überbleibsel des Vermißten wiederfindet. Aber Givo, wiewohl er vor dem Schauerlichsten nicht zurückschreckt, um eine Spur zu finden, erforscht nichts. Ist Zora — immer wieder kommt ihm dieser Gedanke — freiwillig verschwunden, wie sie so oft gedroht, wenn ihre Nerven anstürmten gegen Givos kühlen Frieden. Aber sie, die sich einen Künstlernamen erworben, konnte sie im Leben untertauchen, als wäre sie wirklich verbrannt, konnte sie zu einem ungenannten Stäubchen werden, sie, die mit aller Kraft nach Ruhm gestrebt?

Machte sie es wahr, was die Asketen ihrer Sekte predigen, aufzugehen im lebendigen All, ein heimlich beseelter Teil, sonst nichts? Und Noemi, deren Zärtlichkeit sie nur ungern geduldet, würde die sie nicht aus ihrem Verborgensein locken? Er wußte dies eine: wo immer sie war, sie hatte verschwinden wollen. Rettung war ihr möglich gewesen trotz aller Verhängnisse. Zunächst dem Ausgang war ihre Loge gelegen. War sie um seinetwillen, um der Gefährdung willen, in die er sich begeben, zurückgeblieben? Es kam keine Antwort auf diese Fragen.

Asche

„So jemand zu mir kommt

und haßt nicht seinen Vater,

Mutter, Weib, Kinder, Brüder,