Nachdem der Graf abgereist war, bemächtigte sich Arabellas fieberhafte Unruhe. Immer deutlicher fühlte sie das Ereignis nahen, Wetterleuchten zuckte in ihrem Blut.

Es war an dem Tag, der dem Eröffnungsabend des Gastspieles Calese voranging, als Arabella, von plötzlichem Lufthunger ergriffen, das Fenster ihres Salons öffnete. Ein föhnartiger Wind strich über die Bäume des botanischen Gartens. Sie beugte sich hinaus und erblickte am Ende der Straße einen Mann, der sich entfernte. Es durchzuckte sie seltsam. Im selben Augenblick hörte sie der Taube Flügelschlag und fühlte, wie sie sich auf ihre Schultern niederließ. Wie so oft neigte sie ihr die Wange und empfing ihre Küsse. Da plötzlich begann die Taube unruhig zu flattern, hob die Schwingen und schon flog sie über die Straße den Bäumen zu. Der Ruf erstarrte Arabella in der Kehle. Die Taube ließ sich auf einem der höchsten Gipfel nieder, um gleich wieder, wie gescheucht, in den dämmerigen Himmel aufzusteigen, wo sie schließlich, ein kleiner schwarzer Punkt, ihrem angstvollen Blick entschwand. Mit einem Schrei sank Arabella in Luisens Arme, die eben die Robe für den Theaterbesuch hereinbrachte. Nun lag sie in Tränen, von den jammernden Dienstboten umgeben, die alle die Taube lieb gehabt hatten. Der Portier war auf die Polizei gegangen und hatte Annoncen an die Zeitungen getragen, die dem redlichen Finder der Lachtaube Putzi, die ein goldenes Herzchen an einer Halskette trug, einen märchenhaften Finderlohn versprach. Arabella hätte am liebsten auf den Theaterbesuch verzichtet, um so mehr als Frau Gunter die Post sandte, Kopfschmerzen hinderten sie die Gräfin zu begleiten. Luise, das Kammermädchen, die nun gewiß war ihre Herrin vom Theater abholen zu dürfen, was ihr, einer Theaternärrin, schon Vergnügen bereitete, bettelte in ihrer eindringlichen Art, Euer Gnaden dürfe sich der Traurigkeit nicht hingeben. Im Theater würden die Frau Gräfin vergessen. „Vergessen, Luisel, was glaubst denn, mein Tauberl vergessen?“ Aber schon fühlte sie das Außergewöhnliche, das ihr geschehen sein mochte, ein Zeichen vielleicht, das sie annehmen sollte ohne zu klagen. Und sie mußte an all die Wunder ihres Lebens denken. Sie stand vor dem venetianischen Spiegel, in dessen geschliffenen Blumen die Kerzen sich funkelnd spiegelten. In ihren Augen glitzerten noch die Tränen, der Schmerz gab ihrem Antlitz etwas rührend Kindliches. Luise heftete ihr eine tiefrote Rose in die fahlblonden Wolken ihres Haares und öffnete die Schmuckkassette, die neuerdings von Karinski bereichert worden war. Aber Arabella wollte Trauer um das Täubchen und schob sie weg. Ach, nun würde sie der Calese schmerzdurchfurchtes Antlitz um so tiefer bewegen, da sie selbst sich so seltsam verworren fühlte im Rätselhaften. Die Qual um die Heimat, die sie von dem Tag an genährt hatte, als Givos Kampf an der Mutter Krankenlager begann, sie spürte sie nun zu einem Ende gesteigert. Wie der Vogel, dessen Flügel vor dem Ziel zu erlahmen drohen, während tief unten die Wellen des Meeres unerbittlich drohen, sah sie sich mit letzten Anstrengungen dem Ufer zusteuern, das ihr die Entscheidung bergen mußte.

Gottesgericht

Wien war nach der großen Börsenderoute, die so viele Existenzen gestürzt und bedroht hatte, rasch wieder aufgeblüht. Dem Luxus waren zwar die Flügel gestutzt worden und manch einer und mit ihm die Seinen, von der Höhe üppiger Lebensführung herabgestürzt, gewahrte, daß er aus den Trümmern einstiger Pracht nur innere Werte hatte retten können, etwa die Liebe zur Kunst und Wissenschaft, die Fühlung mit einer Welt, die ihre Grenzen erst dort findet, wo die Kultur aufhört. Dies gab den geistigen Menschen und den Leuten von Welt einen internationalen Zug, der auch geeignet war, chauvinistische Stimmungen auszugleichen. Die Kunst und ihre Altäre verbanden alle Welt. Ein Jahrzehnt nach dem „Krach“ aber hatte sich diese scheinbare Verinnerlichung zur Sensationslust vergröbert. Andere Schichten waren zu Reichtum gelangt und suchten es den Kultivierten gleich zu tun.

Als zu Anfang der Achtzigerjahre die berühmte italienische Tragödin Gabriela Calese ihr Gastspiel ankündigte, drängte sich Arm und Reich, die Jemands und Niemands, die Größen von gestern und heute, von morgen und übermorgen und alle, die ihnen so gern nachbeten, zu diesem Theaterereignis, neben ihnen der Troß ehrlich Begeisterter. Alle Vorstellungen waren vor Beginn der ersten ausverkauft. Das Phäakentum der Wiener trat offensichtlich zutage: man wollte, wenn auch des Genusses selbst nicht teilhaftig, zumindest Augenzeuge des Genießens der anderen sein. In allen Kreisen wurde zu dieser Zeit viel gewettet und gespielt. Der kleine Mann, ja selbst der Arbeiter spielte und das leicht erworbene und leicht verlierbare Geld wurde sorglos wieder ausgegeben. Wenn „etwas los“ war, gebot es der Lokalpatriotismus mitzutun. Manch einer, der sein Volk liebte, sah es mit Sorge hinter dem Fortschritt der anderen mit leichtfertiger Gleichgültigkeit zurückbleiben und war erschüttert über seine soziale und politische Teilnahmelosigkeit. Die demokratische Gemeindeverwaltung, in der es noch keine konfessionelle Spaltung gab, versuchte, selbst ohnmächtig, ihre verirrte Herde aufzurütteln. Ein Sturmwind mußte es sein, der diese wurmstichige Gesellschaft erfassen, sie aufzurütteln vermochte, und kein Wunder, wenn er wie ein Springteufel der eigenen Fahrlässigkeit entfuhr! Sorglos wie immer war man ins Theater gegangen. Das Parkett, das Parterre, die Logen waren ein Wogen und Murmeln von Farben und Stimmen, von blendenden Frackhemdbrüsten, dekolletierten Frauen, ein Nebeneinander ergreifender Geschmacklosigkeit und erschlaffter Eleganz. Emporkömmlinge mit dem Bedürfnis nach Beglaubigung blähten sich neben schlichter Echtheit. Die Galerien sahen ganz fern aus, unheimlich hoch schienen sie aufzusteigen. Türme von Menschen bergend, Abgesonderte, die möglicherweise ein verworrenes Sprechen erhaschen würden, aber jedenfalls anwesend waren als Publikum des Publikums. Flaubert hat irgendwo gesagt: „Lieben wir uns in der Kunst wie die Mystiker sich in Gott lieben und möge alles vor dieser Liebe erblassen.“ Auch der Neid möge es, der blasse Neid, der zwischen Orden, Frisuren, Schleppen und Bücklingen vor den Altären der Kunst sein Spiel treibt. Mit Schadenfreude sahen die Menschen, die einander so sattsam gut kannten, wie eine fremde Erscheinung ihren Glanz verschattete. Es trat ein mittelgroßes, überschlankes Persönchen ein, das blonde Lockenhaar mit der roten Rose verdeckte fast das schmale Gesicht. Der vom Karminstift leicht gestreifte Mund verriet die Sitte der Ausländerin, die sich ihrer Schminke nicht schämt; dennoch hatte er etwas Rührendes, es zuckte noch ein Schmerz um seine Winkel. Der weiße Atlas des Kleides nähte sie der letzten Mode nach eng ein. Eine entzückende Eleganz und Originalität lag in der fast hageren Erscheinung. Der Gang stolz und doch sieghaft leicht, die Haltung des Kopfes mädchenhaft und dennoch fast königlich. Von solchen Frauen denkt man, sie seien eines Großen heimliche Beherrscherin; ihr Thron ist gebaut über dem sichtlichen, dem Fürsten dienen. Eine Seele vibrierte hier durch den Körper und verklärte ihn. „Un prétexte pour qu’une âme restât sur la terre,“ hatte Givo seinen Freund Hugo zitiert, als er einst mit Hettwer Arabella betrachtete. Die Dame nahm Platz, lehnte sich zurück, leicht den Kopf erhoben, den Blick in die gemalten Ranken des Vorhanges verloren und so wie abwesend sich scheinbar vor der Neugier bergend. Man hat sie vielleicht schon im Prater gesehen. Ist es nicht dieses Mädchen, diese Frau mit dem schönen Kutschierwagen? Wer mag ihr Mann, ihr Geliebter sein? Ist sie eine Französin, eine Russin? Aber mit einem Male reißt unter den vielen ein einziger Blick sie auf. Sengend packt er sie, bis ins Tiefste dringt er ein. Es ist ihr, als müßte sie aufstehen und ihm entgegentaumeln. Er zwingt sie ehern, sie fühlt ihn über ihre Haut tanzen mit kleinen blauen Flammen. Er ist ihr ganz nahe dieser eine Blick, ganz innen in ihrem Sein, aber wo, wo ist er, der ihn zückt, noch sieht sie ihn nicht, wagt ihn nicht zu sehen unter den Vielen! Er reißt ihr die Haut blutig, er wühlt in ihr, er gräbt sich in sie. Ihr Widerstand ist vergeblich, immer näher weiß sie ihn. Dort, dort ist es, dort starrt einer her aus leichenblassem Gesicht, brennt seinen Blick auf sie hin. Neben einer schwarzhaarigen Frau steht er, die unruhig geworden ist, steht vornübergebeugt über der Brüstung der Loge und reißt ihren Blick zu sich, in die Flamme des eigenen hinein. Seine Gestalt ist noch immer die eines Jünglings, seine Züge sind zart und von leuchtender Geistigkeit, nur die Augen, die Augen haben etwas vom ewigen Feuer, das durch alle Zeiten brennt. Eines Wetterleuchtens Widerschein liegt um Stirn und Schläfen. Aber jetzt ist die Flamme dieses Auges nur einem Ziel entzündet. Und nun weiß die Gräfin Karinska, von wo der Blick ruft: Arabella weiß, daß Manuel sie erblickt. Doch seltsam, fast im selben Augenblick wird ein eigentümliches Sausen im Theater hörbar, vor den ersten Bänken steigt ein kleines Rauchwölkchen auf, der Vorhang bäumt sich wie eine flatternde Fahne, eine unheimliche Stille tritt ein. Eine Stimme schmettert über die Menge fanfarengleich: „Feuer, Feuer!“ Im Nu sind die Menschen ein zäher, drängender Knäuel, zusammengeballt von der Faust der Gefahr. Angst ist aus jedem als eine einzige Gewalt gepreßt, zu einem einzigen Ziele drängend, vorwärts, zur Tür, an die Luft, ins Leben. Über eine Logenbrüstung schwingt sich ein Mann, stürzt sich in das Gewühl des Parterres, der Todesgefahr und seinem brennendsten Wunsch entgegen. Versteinert starrt die Frau, die ihn halten wollte, der eigenen Rettung nicht achtend, ihm nach, entgeistert von einem Schrecknis, das nur sie empfindet, im Schrecken aller. Schon strahlen die goldenen Karyatiden der Brüstungen in feenhafter Beleuchtung. Zwei Choristinnen in Flitterkleidchen flattern wie von der Zugluft der Flammen getrieben über die leere Bühne. Rauch schlägt schwarz aus der leuchtenden Lohe und schwingt sich auf zu den Galerien. Das Entsetzen ist zum Schrei aus hundert Kehlen geworden. Menschen stürzen zur Erde und sind nur ein Sprungbrett der Nachdrängenden. Doch wehe, plötzlich stockt das Drängen. Gänge und Türen sind zu klein, alles kann nicht hinaus an die Luft, in die Freiheit aus der Umarmung des Todes in das Leben. In Verzweiflung drängen sie anderen Wegen zu, geraten in Sackgassen und entlegene Räume und überall schwärzt der Rauch den Weg. Sie gelangen in Gänge, die sich labyrinthisch verwirren, hinauf, hinunter, von Grauen gepackt und verwirrt, durch Fenster winkt für viele nur Rettung, denn der Weg zurück ist abgesperrt vom todbringenden Qualm. Ersticken droht. Fast scheint es, als würde es allen Menschen gelingen, aus dem Innenraum in Gänge und Seitentrakte gedrängt, sich dem Ausgang zu nähern, da erlischt das Gaslicht. Die Notausgänge bezeichnet keine wachende Lampe. In entsetzlicher Finsternis sind die Menschen aneinandergepreßt, zu grauenvoller Gemeinsamkeit ineinander verkrampft. Dunkel versperrt ihnen den rettenden Weg. In grausamem Ringen drängen Männer Mütter zurück, reißen einander Kleider und Haut in Fetzen. — In der Stadt hat sich blitzschnell die Nachricht des Brandes verbreitet. Pferde vor schleudernden Wagen rasen, Schaum vor dem Munde, durch die Straßen. Fenster öffnen sich, Rufe, Fragen werden getauscht. Wer ein Liebes dort im Theater vermutet, stürzt besessen davon.

Frau Martha Gunter hatte abgesagt Arabella ins Theater zu begleiten. Kopfschmerz, ihr altes Übel aus nervenzerrüttender Zeit, hatte sie tagsüber geplagt. Abends hatte sie sich erleichtert gefühlt und saß nun still versonnen beim Abendessen. Wie wohl es das Schicksal doch mit ihr gemeint hatte, daß es ihr die Tochter wiedergegeben, als der Mann ihr verstarb! Und wie gut sie war, wie schön, ihre Tochter, ihr großes Kind. Auch der Groll gegen Mannsthal, der wie Asasel, der Böse, ihr Leben verschattete, war gewichen: denn Arabella war unversehrt. Sie war zwar traurig zuweilen und eigen, aber kindlich war sie geblieben und verderbt schien sie ganz und gar nicht. Und wenn sie jetzt auch einsam lebte, was absonderlich war für ein Wesen ihrer Art, so hatte das gewiß seine guten Gründe. Instinktmäßig erriet Frau Gunter in Arabellas Leben dennoch den Mann. Aber fragen, nein, das konnte sie nicht. Wie hätte sie es über sich gebracht, dies Kleinod, diesen späten Sonnenstrahl zu beunruhigen, zu verscheuchen! Qualvoll schon war der Gedanke, sie wieder verlieren zu können! Da war plötzlich ein Raunen und Rauschen auf der Straße vernehmbar geworden, fast gleichzeitig kam Luise, Arabellas Kammermädchen, mit dem Schreckensgerücht und war von der alten Dienerin sogleich weggeschickt worden, nach Hause zu laufen, ob ihre Herrin zurückgekommen sei. Sie erblickte, als sie eintrat die gefährliche Botschaft zu melden, Frau Gunter am geöffneten Fenster. Sie mußte von der Straße her die Nachricht vernommen haben. Sogleich brachte die alte Magd Mantel und Schal. „Vielleicht bringt man sie hierher. Gott gebe es, daß sie heil ist,“ betete die Mutter. Sie wollte Luise nicht abwarten. So eilig sie konnte, lief sie den Ring entlang zwischen den erregten Menschenmassen. Feuerschein stieg zum Himmel und sengte ihr ins zitternde Herz unaussprechliche Angst. Atemlos kam sie näher und näher. Aus drei Feuerherden vom Parterre, dem Dach, den Galerien, loderte wie aus Riesenessen der Brand. Noch war die Feuerwehr nicht in voller Tätigkeit, da sieht die bebende Frau hinter der Statue, die den Dachfirst krönt, die Flamme durchbrechen und in entsetzlicher Gewalt steil zum Himmel steigen. Auf den Balkons, an den Fenstern erscheinen Menschen, ihr Schrei erstickt im Prasseln, gleich Gespenstern strecken sie Hilfe erflehend die Arme in die Höhe, schwarz sich von den Flammen ihres feurigen Hintergrundes abhebend. Jedes Fenster, jede Türe verhüllt ein Flammenvorhang, das feurige, gierige Maul frißt rückwärts die Treppen ab, läßt nur die eisernen Träger zurück und die Gitter, die in Schlangen und Feuerblumen phantastisch glühen. Das Zischen der Flammen übertönt das Krachen des Gebälkes. Um das brennende Haus steht immer noch anwachsend die Menge der Stadt. Dampffeuerspritzen arbeiten, Löschtruppen, Wachleute, Männer aus dem Volke dringen in die feurige Hölle, um zu retten. Funkengarben fliegen ins Weite, auf brennender Zunge tragen sie die Botschaft. Hilflos unter Hilflosen laufen die Leute um das prasselnde Haus, ziehen die stürzenden, erstickenden Menschen aus dem Gewühl, laben die Verschmachtenden, raffen Tote hinweg, trösten Besorgte. Ein alter Mann in feinem Pelz steht neben der bebenden Frau und ruft mit der gebrochenen Stimme des Greises in französischer Sprache: „Es-tu en haut, Julie?“ Die Leitern kommen. Sie sind zu kurz. Dunkelheit und Rauch verschlingen die wechselnden Vorgänge, wenn nicht blitzartig die Flammen sie erhellen. Nun breiten sich die Sprungtücher. Ein Mann in Hemdärmeln kriecht längs des Balkongeländers, steht auf einmal aufrecht, wendet sich und verschwindet. Inmitten der Menge unten steht ein Statist in rosa Trikot. Er dreht sich unaufhörlich, wie ein brennender Kreisel, ein Spielzeug, das auch Musik machen kann. „Arabella,“ ruft es da; eine zitternde, des lauten Rufens ungewohnte Stimme preßt den Schrei hervor. „Arabella!“ Keine Antwort. Und wieder, wieder ruft es gellend vor Angst, ein Mutterschrei: „Arabella!“

In den umliegenden Kaffeehäusern sammeln sich Leute an, die, erschöpft oder leicht verwundet, mangelhaft bekleidet, die Brandstätte verließen. Damen in Soireetoiletten, Offiziere in Waffenröcken, Herren ohne Übermäntel, Schauspieler in Kostümen, grellgeschminkte Statisten und Statistinnen strömen in die Lokale, sich vor Kälte zu schützen. Vielen wird erst jetzt die Todesgefahr bewußt, der sie entronnen. Grauenhafte Schilderungen erhitzen die Gemüter. Angst treibt Geängstigte wieder hinaus. Blutiger Schein dringt durch die Fenster, das jüngste Gericht scheint hereingebrochen, das Gottesgericht. Auf seinen Armen trägt ein schlanker Mann in zerfetztem Abendanzug eine weibliche Gestalt. Ihr Blondhaar ist aufgelöst, beschmutzt ihr weißes Kleid. Ihr Kopf ist an die Schulter des Retters geschmiegt. Nun setzt er sanft seine Last ab, bettet sie auf eine Wandbank. Auf ihre Wange hat das Feuer sein Mal gezeichnet. Nun kniet er vor ihr, forscht nach der Verwundung. Noch haben sich ihre Arme nicht von seinem Nacken gelöst. Seltsam ist ihr Blick, als sähe sie das Wunder blickt sie ihn an. Nun senken sich die Lippen zu einander, bleiben lang im Kuß geeint. Die beiden wissen nicht, was um sie ist. Draußen tobt Feuer. Durch seine Schrecken sind sie ins Leben gelangt, Herz an Herz geschmiegt, verklammert zu einem Körper haben sie die Wiedergeburt ihrer Vereinigung erlebt. Nun erwacht der Mann, er erinnert sich, daß, ehe das Große geschah, das Wiedersehen mit der Geliebten, neben ihm eine Frau geweilt hat, seine eigene ihm angetraute Frau. Er greift sich an den Kopf, er reibt sich den Rauch aus den Augen, er stürzt davon. Er eilt nach Hause ins Hotel. Die Frau ist nicht heimgekehrt. Nun ist Givo zur Brandstätte zurückgestürzt. Da hört er den Schrei, den geliebten Namen „Arabella“. Rasch drängt er sich in die Richtung des Rufes, da erstickt der Schrei. Ihre Mutter muß es gewesen sein. So ruft nur eine Mutter. Er reckt sich auf und antwortet der Stimme. Laut schreit er, jubelt er, wiewohl er die Ruferin nicht sieht, nicht findet. „Arabella ist gerettet. Vögelchen ist gerettet.“ Die Frau preßt die Hände an die Brust. Wer antwortet ihr? Ist es Gottesstimme, welches Wunder geschah ihr? War es die Stimme eines Lebenden? Sie wankt. Halb entgeistert führt die Beseligte ein Herr hinweg.

Als Arabella aus der Ohnmacht erwacht, steht ein Fremder neben ihr, hält ein Stück einer Pelzboa in der Hand, sein Haar ist versengt und er ruft unaufhörlich mit heiserer, tränenerstickter Stimme, wie ein Papagei, den man um seinen Namen fragt: „Mali! Mali! Meine Mali! Sie brennt drin, Mali!“ Man bringt ihn fort. Arabella will denken, will sich mit Angst und Gebet ins Feuer tasten. Stimmen übertönen die mühsam gesammelten Gedanken. Zwei Schauspielerinnen am Nebentisch erzählen laut, erregt: „Wir sitzen in unserer Garderobe, schminken uns für die Vorstellung, da stürzt ein Herr herein und schreit: Wo ist ein Ausgang? Ich erwürge Sie, wenn Sie mir nicht den Ausgang zeigen. Wir glauben, daß es ein Wahnsinniger ist, er stürzt davon. Kein Wort vom Feuer. Nach zehn Minuten erst hören wir ein Raunen. Ich öffne die Türe. Das Haus brennt!“ Arabella richtet sich auf.

„Wo ist die Calese?“

„Sie hatte ja erst im zweiten Akt aufzutreten. Man sagt, sie schläft vor den Vorstellungen und meist nicht allein. Man hat oft darüber gespottet. Das hat sie gerettet.“