„Wir sehen uns wohl noch, ehe du reisest, etwa heute Abend in der Oper,“ sprach sie, atemlos Fassung erkämpfend. „Man spielt ‚Les Contes d’Hoffmann‘,“ sagte sie mit böser Gleichgültigkeit. Sie nahm die Brosche, deren Anblick seinen Bericht über Givo verdrängt hatte, und steckte sie an. „Aber über die Miniaturen wollen wir dann nicht mehr sprechen. Es langweilt mich. Vielleicht erinnerst du dich aber dessen, was du mir von Givo sagen wolltest?!“

„Du bist schlagfertig geworden,“ sagte Mannsthal mit verbissener Wut. „Also, dies ist Wolfgang Gunter. Nicht übel. Diese Frau hat Talent, deine Mutter nämlich — — Grüße sie herzlich von mir. Wollen wir aber nicht alle gemeinsam zur Stadt fahren?“

„Ja, geht beide, nimm Wolfgang mit und bring ihn seiner Mutter. Vielleicht hat sie mit dir zu sprechen. Sie ist oft so ratlos in ihren Angelegenheiten. Ruf mir den Gärtner, Wolfgang. Ich bleibe noch hier. Auf Wiedersehen heute Abend!“

Sie sah ihnen nach, dem gealterten Mann und dem Knaben. Im Bestreben schlank zu bleiben war Mannsthal mager geworden. Sein Hals war gehöhlt, sein Rücken rund, die ehemals prächtigen Schultern hatten sich gesenkt wie ein morsches Gerüst. Arabella erschrak. Sie ersah das unbarmherzige Schreiten der Zeit. Einen Augenblick durchzuckte es sie wie Mitleid: Mag er sie haben, die Bilder. Dann erinnerte sie sich Urbachers. Seine Kinder hatte er sie genannt, um die er sich gesorgt hatte. Ihr war nun, als beschütze sie sich selbst in ihnen. „Aber es ist ja zu spät,“ murmelte sie, „längst zu spät.“

Der Gärtner kam, sie ließ die Truhen holen, die sein Herr zur Verpackung der Bilder bestimmt hatte. Sie selbst legte Hand an, bettete sie sanft ein wie in ein Grab. Als die Mappen daran kamen mit der Aufschrift P., zögerte sie. Sie blickte ins Feuer, beutegierig gab es den Blick zurück. Schon sah sie es die ungeheuerlichen Blätter verschlingen, da tauchte eine Nacht in ihrer Erinnerung auf. Von Givos Kind war sie gekommen, gebrochenen Herzens. Ein Kranker mit verzerrtem Blicke hatte sie umschlungen, während er auf ihren Knieen ein Buch hielt, in dem sie lächelnd blätterten. Eine böse Lust war in ihr sich zu erniedrigen, das Unrecht, das ihr geschehen war, zu rechtfertigen. Es gewährte Freude, diese lüsternen schamlosen Bilder mit Malpasse zu besehen und sich schamlos zu gebärden, während sie vor Scham verging. Gab es nichts Böseres noch, sich zu brandmarken, daß die quälende Anklage in ihr erstürbe?!

Dieser Stunde gedachte sie nun und ihre rächende Hand verschonte die Mappen. „Nicht an mir ist es, zu richten,“ sagte sie sich. Aber ihr Blick ins Feuer wurde unheimlich starr, visionär. Sie sah die Scheite knistern und stürzen. Es war ihr, als ginge dort unter stürzenden Balken sie selbst und die Welt zugrunde.

Eine Woche nach Adalberts Abreise erhielt Arabella eine Depesche von Karinski, die seine Ankunft meldete. Mannsthal hatte auch seine Hilfe angerufen, seine Frau zu bestimmen, die Miniaturen auszuliefern. Er hatte ihm nicht verschwiegen, daß es um ihre Nerven nicht am besten stünde. Eine plötzlich unüberwindlich gewordene Sehnsucht und Sorge hatte den Grafen zu Vögelchen getrieben. Auch er hatte sie fast zwei Jahre nicht gesehen. „Wer weiß, ob du noch lange frei bist. Ich mußte eilen,“ hatte er gesagt.

„Hängt meine Freiheit denn nicht von dir ab,“ fragte Arabella und schmiegte sich dankbar an ihn. Wie edel erschien er ihr neben Mannsthal, der nicht abließ sie in vielen Briefen um die Sammlung zu bitten.

„Um Johannis blühen manchmal die Bäume wieder, aber darum ist es doch nicht Frühling,“ sagte der Graf und zog mit wehmütigem Lächeln ein Schriftstück aus der Tasche. „Hier der Scheidungsbrief, falls du ihn brauchen solltest.“

„Ich habe einen Aberglauben gegen gut vorbereitete Dinge,“ erwiderte Vögelchen. „Behalte den Brief, mein Guter.“