Fürsten der Erde und Sklaven, blutig gegeißelt,
Kamen wie Brüder zusammen im Dome unserer Andacht:
Den Friedenskuß brachten wir allen gezeichneten Stirnen,
Der Erde drückendste Träume wie heimlich Seufzen der Mutter waren uns verständlich
Und, wo sich abwandten unsere Brüder voll Grau’n, liebten wir noch.
Ottokar Brezina „Wahnbethörte“.
Kindheit
Etwa um das Jahr 1860 fand in Wien, im Hause einer adeligen Dame, eine Ausstellung von Miniaturen statt, in der besonders zwei Sammlungen, die Adalbert Mannsthals, des Besitzers oder Großaktionärs der Mannsthal-Werke, und die des Nervenarztes Dr. Clemens Urbacher, Aufmerksamkeit erregten.
Mannsthals Sammlung war die eines sehr reichen Mannes, der sich sowohl Bestes als auch Reichhaltigkeit gönnen konnte. Sie unterschied sich wesentlich von der Urbachers, der als theoretischer Gelehrter über geringe Einkünfte verfügte, als wohlhabender Bürgerssohn nicht mehr als einer angenehmen Sorglosigkeit sich erfreute. Seine Miniaturen waren mit Bedachtsamkeit ausgewählt und niemals ohne das Bewußtsein des Luxus, den der Ankauf bedeutete. Er fand es sündhaft für ein Bildchen, für eine bemalte Dose oder Brosche viel Geld auszugeben, als Philanthrop fühlte er dies angesichts des menschlichen Elends, der Spitalsnot, der wirtschaftlichen Wirren. War er nun aber wahrhaftig solch ein Sünder, der vor einem Elfenbeinangesicht, das mit verträumten Augen in ein entschwundenes Leben lächelt, an schlecht dotierte Nervenanstalten, skrofulöse Kinder und rekonvaleszente Frauen vergessen konnte, so mußte Adalbert Mannsthal, trotz seiner wohltätigen Aktionen, ein noch viel größerer Frevler gewesen sein. Seine Leidenschaft für diese verbleichende Kunst, die um so rührender ist, weil sie wohl auf immer der Vergangenheit angehört, war so groß, daß er ihr seine lebendige Frau geopfert hat, seine liebliche und sanftmütige und noch jugendliche Frau. Die Sache hatte seinerzeit in Wien viel von sich sprechen gemacht, denn das kleine Mädchen, das Frau Martha Mannsthal in die Ehe gebracht hatte, verblieb bei dem Stiefvater. Es verlautete, daß zur Zeit der Heirat ein Kontrakt zustande gekommen war, wonach Arabella, das Kind, im Falle einer Scheidung, wie ein in der Ehe geborenes, dem schuldlosen Teile zugesprochen werden sollte. Man hatte herumgedeutet, was wohl die Beweggründe dieses nicht alltäglichen Vertrages sein mochten. Die einen waren der Ansicht, daß Mannsthal dadurch die Frau fester an sich binden wollte. Böse Zungen meinten darin ein Warnungszeichen zu erblicken, ein Mißtrauen gegen die Beständigkeit der Dame. Andere behaupteten, Mannsthal hätte das kleine Mädchen so lieb gewonnen, daß ein etwaiger Verlust ihm unerträglich schien, und ein nicht ganz harmloser Spötter, der zu dieser Gruppe gehörte, deutete, daß es ja immerhin möglich wäre, daß das kleine Mädchen der entscheidende Grund zur Heirat gewesen sei, und daß nicht die Frau, sondern das Kind es vermocht hatte, aus dem Sonderling und Eigenbrödler einen seßhaften Ehemann zu machen. Keinesfalls konnte ein Zweifel darüber herrschen, daß Mannsthal seine Frau nach der Geburt des Töchterchens kennen lernte, denn sie hatte mit ihrem kranken Manne in Ägypten gelebt, während Mannsthal gerade in diesen Jahren keine größere Reise unternommen hatte. Das Gericht hatte möglicherweise Mannsthal als den richtigen Vater anerkannt, was wohl eine Bedingung zur Abfassung des Vertrages gewesen sein mochte. Wenige Wochen vor der Scheidung hatte man in Gesellschaft der hübschen Frau einen Ausländer auftauchen sehen, dem alle äußeren Merkzeichen eines Frauenverführers zuzusprechen waren. Diejenigen, die die Vereinbarung dieser Eheschließung kannten, waren über die Kühnheit verwundert, mit der die Mutter mit dem Feuer spielte. Zu dieser Zeit hatte Mannsthals Sammlerleidenschaft ihren Höhepunkt erreicht und man schwärzt ihn nicht an, wenn man behauptet, daß er ihr seine Frau hintanstellte und deren Wünsche den Unsummen opferte, die er für seine Miniaturen verausgabte. Auffällig war, daß das kleine, ungemein zarte Mädchen nach wie vor wie ein Prinzeßchen gehalten wurde und sich über keinerlei Zurücksetzung von seiten des Stiefvaters zu beklagen hatte.
Urbacher kam kurze Zeit nach der Scheidung in Mannsthals Haus, um eine seiner Neuerwerbungen zu besichtigen, und bei dieser Gelegenheit lernte er sein Töchterchen Arabella, das Vögelchen, kennen. Niemand dachte daran, daß dieses Mädchen — es war damals etwa fünf Jahre alt — einen andern Namen führen könnte. Es war scheu, lebhaft, sanft und versonnen, zart und wärmebedürftig, irgendwie der Natur, ja dem Erdmagnetismus verschwistert, und seine Stimme war wie ein Sang, der durch eine Stille tönt. Unwillkürlich schwieg alles, wenn Vögelchen sprach. Jeder fühlte sich geneigt, es wie ein aus dem Nest gefallenes Junges gleichsam mit der warmen, gehöhlten Hand zu decken und zu schützen, und blieb dennoch zaghaft, vorausahnend, daß es mit leichten Flügeln den zarten Körper heben und entflattern würde, wenn man sich ihm allzusehr näherte. Und doch war es so zutraulich, daß von ihm selbst Ermutigung auszugehen schien, es zu greifen.