Was Vögelchen auch in den späteren Jahren über die Maßen reizend machte, war das völlig Unbewußte, fast Heilige ihres Wesens, das nicht dem eines Menschenkindes glich und etwas von der berückenden Schuldlosigkeit der Tiere an sich hatte. Urbacher fiel es gleich an ihrem Äußern auf, daß sie eine große Ähnlichkeit mit jenen malerischen Gebilden hatte, die Adalbert Mannsthal zu seiner Gesellschaft erkoren hatte. Ihr Gesichtchen war so weich, zart und unwirklich wie das der Miniaturen, ihre Züge wie mit einer leisen Feder gezeichnet, ihre Augen klug, lächelnd und von Sehnsucht erleuchtet, so stark im Ausdruck, daß dies unheimlich Heimliche der Seele klar zu sprechen schien und gewiß nur die menschliche Stumpfheit schuld trug, wenn sie diese Botschaft nicht erfassen konnte. Alles Beiwerk ihrer Erscheinung verflüchtigte sich gänzlich, war wie aufgelöst durch ihren überstrahlenden Blick. Als Urbacher Vögelchen inmitten dieser Bildchen sah, die ihren Namen, wie Diderot behauptete, von dem zart einschmeichlerischen Worte mignard ableiten, fiel ihm jener Spötter ein, der vielleicht im bösen Sinne die wahre Deutung von Adalbert Mannsthals Ehe gefunden hatte.

Wenn man also mit hinlänglicher Sicherheit davon ausgehen konnte, daß die erblühte Anmut der geschiedenen Frau den Schönheitssucher Mannsthal weniger gefesselt hatte als die des kleinen Mädchens, so war die Eifersucht, die ihre Mutter der Sammelwut ihres Gatten entgegenbrachte, ein Kampf um die Vorzugsstellung, die dieser der Tochter einräumte, der Kampf der Blüte gegen die Knospe. Man bedenke, daß sie die Klausel des Ehekontraktes kannte, in die sie in der vollsten Sicherheit ihrer selbst wie in eine Laune gewilligt hatte, da sie in ihr nur den Beweis einer starken Zuneigung vermutete. Man mußte jedoch Adalbert Mannsthal kennen, um es zu wagen, den Verdacht auszusprechen, daß er vom Augenblick, da er Vögelchen sah, planmäßig vorging, um eines Tages in ihren alleinigen Besitz zu gelangen. Man mußte seine Natur kennen, die es glaubhaft machte, daß er seine Frau nicht einmal als die beste Pflegerin Vögelchens neben diesem duldete, wiewohl er an dieser etwas willensmüden Gefährtin sicherlich seine Freuden hatte.

Mannsthal hatte jene Freundschaft mit dem Ausländer, die ihm den Vorwand zur Scheidung bot, gleichmütig, ja wie mit Schadenfreude geduldet. Weiß Gott, welch teuflischer Plan in ihm erwacht war. Es erscheint nicht unmöglich, daß er selbst es gewesen sein konnte, der diesen Aventurier gedungen, seine Frau zu versuchen.

Die Sammler sind ein eigenartiger Menschenschlag. Sie haben etwas von den rastlosen, unterirdischen Tieren, von den neidischen Hamstern und Mardern. Von diesen heißt es, sie seien klug, listig, mißtrauisch, behutsam, äußerst mutig, blutdürstig und grausam, gegen ihre Jungen aber ungemein zärtlich. Die Art, wie der Hamster sich für magere Zeiten versorgt, ist allen bekannt. Jedenfalls schien Mannsthals Bemühen um dieses Kind ein Aufsparen für die Zukunft.

Die Erziehung und Pflege, die der Kleinen zuteil wurde, war ganz darauf gerichtet, lange in ihr das Kindliche zu schonen und zu erhalten. Vögelchen besuchte niemals eine Schule, ja, es fanden sich erstaunliche Lücken in ihrem Wissen, als sie den Jahren nach schon ein großes Mädchen war. Von den Zielen der Aufklärung, die damals im Unterrichtswesen allmählich Wurzel faßten, blieb Vögelchen gänzlich unberührt. Ihre Körperpflege war danach angetan, ihr eine kühle Zartheit zu bewahren. Mannsthal ließ sie niemals aus den Augen; ohne daß sie dies fühlte, war sie allüberall von seiner Wachsamkeit umstellt. Das bedeutete nicht, daß Vögelchen ängstlich abgeschlossen war. Sie sah Kinder um sich, aber sie waren meist viel jünger als sie selbst und niemals altklug. Auch vom Kreise der Erwachsenen, die in Wien bei ihrem Stiefvater aus- und eingingen, verbannte man sie nicht, wohl weil sie selbst niemals unter ihnen blieb, sie flatterte an ihnen vorüber. Anders wollte sie es selbst nicht. Sei es daß Mannsthal eine Art Hypnose auf das Kind ausübte oder daß alles, was sie tat, sein Wunsch zu sein schien, weil er nichts anderes zu wünschen vermochte, eine seltsame Harmonie herrschte zwischen den beiden, die manchmal ein leidenschaftliches Aufflammen der Seelen krönte. Trotz allem schien es, daß Vögelchen Mannsthal nicht liebte wie einen Vater. Es war auch etwas von der Anhänglichkeit der Zirkuskinder für ihren Peiniger, der Wunderkinder für ihren Impresario in ihrem Gefühl. Ein viel zu starkes Innenleben wohnte ihr inne, um nicht im Unbewußten zumindest Ahnung zu erwecken, daß man an ihrer Mutter gefrevelt und sie um diese beraubt hatte. Man hatte ihr nichts erklärt, und sie schwieg. Aber, wenn sich der Eindruck des nestlosen, frierenden Vögelchens verstärkte, war es, als dächte sie an die Mutter, die nach einem hartnäckigen Kampf es aufgegeben hatte, ihr Töchterchen zurückzugewinnen. Dennoch war ihr Verteidiger und Anwalt ein leidenschaftlicher junger Geist, ein fulminanter Redner gewesen, von dem die Rechtswelt noch viel erwartete. In seinem Plaidoyer hatte er den Spieß umgekehrt und Mannsthal des Treubruches angeklagt. „Ist es nicht ganz unwesentlich,“ hatte er gesagt, „ob die Frau, der ich ein Vermögen opfere, der ich mich mit allen Fibern hingebe, um derentwillen ich mein angetrautes Weib der Verlassenheit und ihren Gefahren preisgebe, ist es nicht unwesentlich, daß diese Frau nicht eine greifbare Verführerin ist? Der Sammelleidenschaft hat Herr Adalbert Mannsthal gehuldigt, mit ihr hat er Orgien gefeiert. Er hat dem Laster gefrönt. Und wenn in Ihren Augen auch der Verdacht gegen Frau Mannsthal berechtigt erscheinen könnte, wenn man auch sie des Lasters bezichtigen könnte, Sie werden sich nicht der Gerechtigkeit versagen, Adalbert und nicht Martha Mannsthal als den schuldigen Teil zu erkennen. Denn, meine Herren, was ist das Laster überhaupt? Laster ist unendliche Hingabe. Vielleicht finden wir darin den Schlüssel, daß es Menschen gibt, die durch die Gewalt ihrer Hingebungsfähigkeit zugleich Heilige und Lasterhafte sind. Wenn nun ein Mensch seine Hingebungsfähigkeit, die ein anderer verkannt und verraten hat, einem Menschen schenkt, der mit den heißesten Wünschen darum wirbt, der Verräter und Verkenner dieses Gefühles sich hingegen an ein Phantom verliert, einer Unwirklichkeit das lebendig zuckende Herz opfert: welcher von den beiden, meine Herren, ist der Sündhaftere, der Schuldige?“

Der junge Verteidiger vermochte die Herren des Gerichts nicht zu überstimmen, der Prozeß konnte nur im Vergleichsweg ausgetragen werden. Martha Mannsthal aber verheiratete sich nach Jahresfrist mit ihrem Rechtsanwalt.

„Aller guten Dinge sind drei,“ sagte ihr zweiter Mann, als er es erfuhr.

Vögelchen aber wußte nichts von dem freiwilligen Verzicht, den der feurige junge Redner ihrer rechtsunkundigen Mutter abgezwungen hatte zur Erlangung eines beträchtlichen Vermögens, das Mannsthal bot, und zur Vermeidung einer allfälligen strafrechtlichen Verfolgung. Vögelchens Augen fragten zwar unablässig in das Leben, das ihr fremd und weit war, aber sie schienen eine Antwort nicht abzuwarten, als scheuten sie ihr Wissen. Nirgends verblieben sie lange, als fürchteten sie, zu warm zu werden, so stark war ihr Schauen. So hielt sie denn bei niemandem still. Urbacher war es damals allein beschieden, ihres Rastens froh zu werden. Von allen Menschen, die bei Adalbert verkehrten, war er der einzige (wohl auch dank seiner Eigenschaft als Arzt), dem Vögelchen sorglos anvertraut wurde. Niemals aber — und wie recht gaben die zukünftigen Ereignisse diesem Empfinden — fühlte er dieses Vertrauen als festen Besitz. Dennoch gelang es ihm im nahen Beisammensein den Sinn zu erforschen, der Vögelchens Fliehen und Flattern bewegte. Sie war ein kleiner Zugvogel, der in unserer Kühle nicht Heimat hat, einer großen Wärme bedürftig und dennoch die große Flamme fürchtend; einer Glut schien sie aufgespart, die sie ersehnte und scheute. Irgendwo im Leben wartete sie und vielleicht war sie nicht allzu ferne. Dem Freund ward nicht bange. Vögelchen hatte Schwingen, die kein Feuer versengen und verzehren würde.

Urbacher schrieb damals in sein Tagebuch, das nach seinem Tode einigen vertrauten Freunden zugänglich gemacht wurde: „Ich kann es nicht verschweigen, daß jede Guttat, die ich verrichtete, mir auf geheimnisvolle Weise von Vögelchen abgefordert wurde. Ich befand mich oft in einem Zustand äußerster Anspannung, in einem traumhaften Bann, der mich zum Vollstrecker allerlei Zartheiten machte und meine Feinfühligkeit erregte. Aber ich muß gestehen, daß ich meine Sehnsucht nach einem Übermaß der Güte, ja eines Heiligseins schließlich nur aus dunklen Trieben zu sättigen vermochte. Es ist ein eigen Ding um solches Sehnen, das sich mit einer falschen Antwort auf seine Fragen beruhigen läßt, als müßte aus dem wissentlichen Unterliegen rein und klar die Demut erwachsen, wie oft eine wunderliebe Blume aus dem Morast ihre Reinheit erhebt. Meine eigene Schwachheit flößte mir Mitleid ein und Verstehen. Daraus erklärt sich, daß ich Mannsthals Freund geblieben war, als ich ihn vor meinem innern Auge entlarvt hatte. Um Vögelchens willen mußte ich ihm Handlungen verzeihen, die ich selbst wohl niemals begangen hätte. Ich empfand vor der Planmäßigkeit, mit der er seinen Besitz erschlichen, bewahrte und verwahrte, ein fast physisches Gefühl, das Grauen und Lust in sich paarte. Mannsthal schien ein Kühler. Sein Geist war durch nichts überwuchert, mit nichts durchsetzt, er war gleichsam durch die Sinne zur äußersten Oberfläche seiner Handlungen getrieben, und hier in stetem Spiel. Ich habe niemals ein Gefühl bei ihm entdeckt, das ganz schlackenlos und, wenn ich sagen dürfte, geistlos aus ihm loderte. Ich ahnte, daß er äußerster Dinge bedurfte, um seinen Geist zum Scheintod zu zwingen. Ein Hang zur Unmäßigkeit war ihm eigen. Entschlüsse brachen blitzartig aus ihm, er war ihnen verfallen wie einem geheimen Befehl seines Unterbewußtseins. Der Abbruch unserer Beziehungen war ein solcher Entschluß. Und dennoch war Mannsthal unbedingt das, was man einen edlen und in mehrfachem Sinn einen gemeinnützigen Menschen nennt. Es fehlte ihm weder an impulsiver noch an wohlbedachter Güte, obwohl auch an seiner Schädlichkeit nicht zu zweifeln war.“

Zu jener Zeit verfolgte Mannsthal dem Kinde gegenüber die Verwirklichung seiner Vorstellungen in einer Art, die grausam zu nennen war. Er wollte Vögelchen wie ein Wesenloses, ein Bild genießen, er hätte sie hungern lassen, damit sie leicht bleibe wie ein Schmetterling. Er wollte sie wie eine Vision in seinem Leben haben, er vergötterte und förderte ihre Zerbrechlichkeit. Urbacher aber liebte ihre Zartheit, die ihm wie eine Gefahr schien, für die er immer bereit sein mußte. „Wundersam war es mir,“ so schrieb er, „die Wandlungen zu beobachten, denen Vögelchens Wesen unterworfen war. Wie die starre Unzugänglichkeit der byzantinischen Malerei sich in die kindliche Freundlichkeit der toskanischen und sienensischen Mystiker wandelt, so erblühte aus dem strengen Kind ein magdhaftes, stolzes und doch schüchternes Wesen, wie Ambruogio Lorenzetti, der stille seine Madonnen malte, als eben der heilige Franziskus die Natur entsühnt hatte. Das sinnend zur Seite geneigte Köpfchen, die minnigliche Holdseligkeit der schmalen Arme und Hände, die Biegung der Gestalt, über all dies körperlich Verengte, über die überirdische Lieblichkeit, diese Schwingungen der Zartheit, schwebte der träumerische, himmlische Friede des Trecento. Als wäre sie aus den Bildern jenes anmutreichsten Deutschen, aus Stephan Lochners Tafeln, zu uns herabgestiegen mit der mädchenhaften Schalkhaftigkeit seiner Madonnen, als käme sie aus den Welten jenes Fraters, der hinter den Klostermauern von San Marco schuf. Ihr Füßchen schien feucht von den Wiesen auf Fra Angelicos Bildern, die im Frühlingsschmuck prangen, und manchmal waren kleine, ungefährliche Teufelchen um sie, wie sie der Gute, Lichte gemalt. Oft aber, wenn sie eben getollt und gelacht hatte, geschah es, daß sie reglos still wurde, als horche sie. Da konnte sie ihre artigen Manieren vergessen und minutenlang in ein Antlitz starren mit einer Neugier, die grausam schien. Wenn der von ihr Gemusterte umgesunken, wenn vor der Tür ein Schuß gefallen wäre oder eine ersehnte, unerwartete Stimme sie gerufen, sie hätte den festgesaugten Blick nicht von dem Gegenstand ihrer Wißbegierde gewandt. Was sie erforschte, erzählte sie nicht, doch war es oft erstaunlich, wie unterrichtet sie war. Ihre kindliche Ahnungslosigkeit blieb dennoch unerschütterlich. Sie selbst aber glaubte mit einer gar zu drolligen Genugtuung, den Dingen auf den Grund gekommen zu sein.“